Am kommenden Montag beginnt die Weltklimakonferenz in Bonn. Die Staatengemeinschaft wird über konkrete Maßnahmen verhandeln, wie das selbstgesteckte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen ist. Dazu gehört, die Emissionen von Treibhausgasen zu verringern. Fast ein Viertel dieser klimaschädlichen Gase weltweit entsteht durch die Landwirtschaft. Aber wie können Menschen künftig nachhaltig und ausreichend versorgt werden? Mithilfe neuer Pflanzensorten, besserer Infrastruktur und Technologie, sagt Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Denn nur so kann man auch auf Ernteausfälle reagieren, die durch die globale Erwärmung verursacht werden.

Herr Lotze-Campen, sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft schon spürbar?

Ja, eines der ersten deutlich spürbaren Anzeichen ist die Zunahme von Extremwetter, etwa Dürren oder Starkregen. In einigen Regionen wechseln die Produktionsbedingungen von Jahr zu Jahr deutlich stärker als in der Vergangenheit. Die Wetterbedingungen sind nicht mehr gut vorhersagbar, deshalb wird es für viele Landwirte schwieriger, sich darauf einzustellen. Das geschieht auch in Deutschland. Wir stellen zum Beispiel fest, dass es im Frühjahr häufiger Trockenperioden gibt, und dieses Jahr hatten wir einen sehr nassen Sommer.

Aber wie können Menschen künftig nachhaltig ernährt werden?

Die landwirtschaftliche Nutzfläche ist begrenzt, und es ist eine große Herausforderung, immer mehr Menschen ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Wohlstand in vielen Regionen auch der Fleischkonsum steigt, was unverhältnismäßig viel Fläche erfordert. Gleichzeitig sollten die Agrarflächen nicht zu stark ausgedehnt werden, weil dadurch wertvolle Ökosysteme bedroht werden. Wahrscheinlich kommen durch die nötige Emissionsreduzierung künftig noch weitere Ansprüche hinzu, zum Beispiel für Bioenergie-Plantagen. Eine große Rolle spielt deshalb für die künftige Ernährungssituation, die Erträge der genutzten Flächen weiter zu erhöhen – ohne dabei zu große Umweltprobleme zu verursachen.


Und wie kann das gelingen?

Es gibt noch großes Potenzial, die Erträge weiter zu steigern, besonders in vielen armen Ländern. Viele Regionen, wie zum Beispiel im südlichen Afrika, erzielen bis jetzt noch sehr niedrige Erträge, weil die nötige Infrastruktur, Technik oder Wissen fehlt. Letztlich ist das auch eine Kostenfrage, wie viel Geld man in die Erforschung neuer Produktionssysteme, neuer Sorten sowie Ausbildung und Beratung investieren müsste, damit das gelingt.

Gibt es denn Beispiele für eine gute Entwicklung?

Ja, in Europa konnten in den letzten Jahrzehnten die Erträge verschiedener Kulturpflanzen kontinuierlich gesteigert werden. Gleichzeitig ist der Stickstoff-Dünger-Einsatz teilweise sogar zurückgegangen durch eine gezieltere Anwendung. Bewässerung ist ebenfalls ein wichtiges Thema, gerade in trockenen Gebieten ist das ein wesentlicher Faktor zur Erhöhung der Produktivität. Auch da gibt es große Fortschritte – mit viel weniger Wasser kann man bei gut gesteuertem Einsatz eine Steigerung der Erträge erzielen. Es gibt also viele gute technologische Möglichkeiten, die aber längst noch nicht überall angewendet werden – weil sie vielleicht zu teuer sind oder es lokal keinen Zugang zu diesen Verfahren gibt. Gerade in ärmeren Ländern stellt zum Beispiel mangelnde Finanzierung oft ein Problem dar. Es ist zwar in den vergangen Jahren viel vorangekommen, aber es gibt weltweit immer noch etwa 800 Millionen Menschen, die nicht genug zu essen haben. Und die Herausforderungen bleiben bestehen, die Weltbevölkerung wächst ja weiter. Da sind auch große politische Anstrengungen nötig, um das zu meistern.


Was denn zum Beispiel?

Es ist wichtig, die landwirtschaftlichen Produktionssysteme weiter zu verbessern und die Forschung, Entwicklung und Ausbildung dafür voranzutreiben. Außerdem sollten Versicherungslösungen für Landwirte entwickelt werden, um das Einkommensrisiko von Witterungsschwankungen besser abfedern zu können – das geschieht in einigen ärmeren Ländern bereits. Wichtig ist außerdem, offene Handelsbeziehungen zu erhalten. So können sich Regionen, die in einem Jahr von Ernteausfällen betroffen sind, durch internationalen Handel versorgen.

Wie wichtig ist das Zwei-Grad-Ziel für die globale Landwirtschaft?

Bereits bei einer globalen Erwärmung von 1,5 bis 2 Grad Celsius ist mit deutlichen Klimawirkungen zu rechnen. Sie fallen aber viel milder aus als bei einer ungebremsten Erwärmung. Wenn die Ziele des Paris-Abkommens umgesetzt und die Treibhausgas-Emissionen deutlich verringert werden, kann das wiederum zu einer Konkurrenz um Agrarflächen führen. Denn zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels wird mehr Biomasse notwendig sein, die ja auch angebaut werden muss. Die Nachfrage zum Beispiel nach Holz wird steigen, um fossile Energieträger wie Kohle teilweise zu ersetzen.

Aber der Klimawandel wirkt sich ja nicht nur auf die Landwirtschaft aus – das geschieht auch umgekehrt in massiver Weise.

In der Tat tragen Landwirtschaft und Landnutzung, also zum Beispiel die Abholzung tropischer Regenwälder, ungefähr ein Viertel zu den globalen Emissionen bei. Es sind vor allem Methan- und Lachgas, die in der Landwirtschaft entstehen – besonders durch die Tierhaltung. Da muss man sich auch die Frage stellen, was man machen kann, um diese Emissionen deutlich zu reduzieren. Auch das ist nötig, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Da gibt es zum Teil technische Möglichkeiten, wie den gezielteren Einsatz von Düngemitteln. Aber der größte Beitrag müsste von der Umstellung der Ernährungsgewohnheiten kommen, also platt gesagt: Wir sollten mehr Gemüse und weniger Fleisch essen. Gerade der Fleischkonsum trägt erheblich zu den Treibhausgas-Emissionen bei.

Wie könnte man denn so eine grundlegende Nahrungsumstellung erreichen?

Ich bin nicht sehr optimistisch, dass sich die Leute einfach so umstellen. Obwohl das vor gar nicht so langer Zeit normal war: Statt täglich Fleisch gab es einmal die Woche einen Sonntagsbraten. Sehr wahrscheinlich braucht man politische Anreize. Bislang fokussierte man sich bei den Klimaverhandlungen auf den Energiesektor, bei der Landwirtschaft sind die Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen noch nicht klar definiert. Man könnte eine Treibhausgassteuer auf landwirtschaftliche Produkte erheben. Das ist wahrscheinlich technisch und politisch schwierig umzusetzen. Nötig wären daher auch gezielte Bildungsmaßnahmen in Schulen und Kindergärten. In der deutschen Klimaschutzstrategie wurde ja bereits festgelegt, dass die Landwirtschaft ihren Beitrag leisten muss – aber die dort skizzierten Maßnahmen werden langfristig nicht ausreichen, um das Paris-Ziel umzusetzen.

Aber es ist schwer vorstellbar, dass viele Menschen ihren Konsum verändern werden.

Sicherlich würden Preissignale helfen. Die neue Premierministerin von Neuseeland hat angekündigt, dass das Land bis 2050 klimaneutral wirtschaften will. Dabei soll auch die Landwirtschaft in den Emissionshandel miteinbezogen werden. Wenn man eine CO2 -Steuer auf Methan- und Lachgasemissionen von tierischen Nahrungsmitteln umlegt, würde sich das Fleisch erst einmal verteuern, was die Nachfrage senken würde. Dies müsste man mit anderen, von den Menschen als positiv wahrgenommenen Maßnahmen kombinieren.

Was ist von der Klimakonferenz in Bonn zu erwarten?

Aus meiner Sicht ist dieses Jahr eher ein Zwischenschritt zu den Verhandlungen im kommenden Jahr, wo nach der Konferenz in Paris 2015 das erste Mal eine Bilanz gezogen wird, was umgesetzt wurde. Im Pariser Klimaabkommen wurde beschlossen, den Klimawandel wirksam zu begrenzen, nun arbeitet man in den Ländern an konkreten Maßnahmen. Es gibt viele Kapitel, die kompliziert auszuhandeln sind. Darum wird in diesem Jahr vermutlich viel über technische Details diskutiert. Es ist allerdings sehr wichtig, dass der angelaufene Prozess weiter konsequent verfolgt wird, und angesichts immer noch vorhandener Skepsis und Populismus in einer Reihe von Ländern nicht weiter verzögert wird.