Technische Geräte werden immer besser darin, den Gesundheitszustand des Nutzers herauszufinden. 
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BerlinVor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Google-Schwester Verily Life Sciences in Kooperation mit der Swiss Re eine eigene Versicherung gründet. Die Coefficient Insurance Company soll Arbeitgeber gegen unerwartet hohe Gesundheitskosten von Arbeitnehmern absichern.

Dass Tech-Konzerne in das Versicherungsgeschäft einsteigen, war nur eine Frage der Zeit. IT-Giganten sitzen auf einem Schatz von Gesundheitsdaten. Google hat im vergangenen Jahr für 2,1 Milliarden Dollar die Fitness-Firma Fitbit übernommen, deren Fitnesstracker unter anderem die Herzfrequenz und das Schlafverhalten der Träger auswerten. Der Konzern hat zudem in die Genetik-Plattform 23andMe investiert, wo sich Menschen freiwillig Gentests unterziehen und DNA-Proben einschicken, um Familienbäume zu rekonstruieren. Amazon hat vor wenigen Tagen ein Fitnessarmband auf den Markt gebracht, das Vitalfunktionen des Trägers misst und anhand eines Bodyscans den Körperfettanteil berechnet. Der US-Versicherer John Hancock hat Amazon Halo bereits in sein „Vitality Program“ integriert.

Der Online-Riese ist schon länger im Gesundheitssektor engagiert. So hat Amazon mit dem chronisch unterfinanzierten britischen Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) eine Kooperation zum Aufbau einer cloudbasierten Gesundheitsplattform geschlossen, bei der Amazon Zugriff auf Gesundheitsdaten bekommt. Im vergangenen Jahr hat der Onlinehändler für eine Milliarde Dollar die Onlineapotheke PillPack übernommen.

Konkurrent Apple rüstet seine Smartwatch indes zu einer mobilen Gesundheitspraxis auf: Das mit Sensoren vollgestopfte Gerät misst mit einer EKG-App die Herzfrequenz und warnt den Träger bei Verdacht auf Vorhofflimmern. Je mehr Daten die Geräte verarbeiten, desto genauer wird die Diagnostik.

Datenschützer sorgen sich allerdings um die Privatsphäre der Nutzer: Indem Konzerne die Träger von Fitness-Trackern auf Herz und Nieren prüfen, legen sie quasi eine elektronische Krankenakte von jedem Nutzer an. Angenommen, jemand macht mit der App von Amazon Halo ein Ganzkörper-Selfie und lässt ein 3-D-Modell seines Körpers erstellen. Wenn die Algorithmen feststellen, dass die Person übergewichtig oder schwanger ist – erfährt das dann der Arbeitgeber oder die Krankenkasse?

Zwar betont Amazon, dass die Scans nach zwölf Stunden von den Servern gelöscht werden. Trotzdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass Dritte Zugriff auf die sensiblen Gesundheitsdaten erlangen. In den USA dürfen Lebensversicherer seit vergangenem Jahr auch auf Social-Media-Daten für die Risikobewertung zurückgreifen. Wer Fotos von einem Gleitschirmflug auf Instagram teilt, könnte möglicherweise draufzahlen.

Das Problem besteht darin, dass Gesundheitsdaten mit zahlreichen anderen Daten auf einer Plattform konzentriert sind. Tech-Konzerne wissen nicht nur, wie viele Schritte jemand am Tag geht oder ob er nachts unruhig schläft, sondern auch, was er alles konsumiert. Wenn sich jemand wenig bewegt und häufig Süßigkeiten im Onlinehandel bestellt, könnte dies die schlechten Gesundheitswerte erklären.

Der Internetkritiker Evgeny Morozov schrieb bereits vor Jahren in der „Financial Times“: „Indem Google Ihre Routen kennt, Ihre täglichen Muster und Kontakte, hat es ein viel besseres Bild des Risikos als Versicherungen oder Banken – zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen Unfall haben werden oder Ihren Kredit nicht zurückzahlen werden.“

Zugegeben: Die Versicherungswirtschaft hat schon immer massenhaft Daten ausgewertet. Bereits 1662 stellte der englische Tuchhändler John Graunt anhand von Totenregistern die erste Sterbetafel auf, die die Grundlage für die Berechnung von Leibrenten und der Versicherungsmathematik bilden sollte. So fand er bei seinen Analysen heraus, dass „etwa 36 Prozent aller Lebendgeborenen vor dem sechsten Lebensjahr starben“. Später wurden die statistischen Methoden verfeinert. Graunts Nachfolger, unter ihnen der Basler Mathematiker Jakob Bernoulli, versuchten die Lebenserwartung mit den Lehren des Glücksspiels zu berechnen. Allein, die heutigen Big-Data-Modelle sind viel ausgefeilter.

Google hat vor zwei Jahren einen Algorithmus entwickelt, der mit einer Genauigkeit von 95 Prozent den Tod von Patienten in den nächsten 24 Stunden prognostizieren soll. Als eine Frau mit Wasser in den Lungen in ein US-Krankenhaus eingeliefert wurde, gab ihr der behandelnde Arzt nach einer Kernspinuntersuchung noch eine hohe Überlebenschance.

Das Sterberisiko bei ihrem Krankenhausaufenthalt lag bei 9,3 Prozent. Der Google-Algorithmus errechnete jedoch eine Mortalitätswahrscheinlichkeit von 19,9 Prozent – und sollte recht behalten: Die Frau starb nach wenigen Tagen im Krankenhaus. Wenn Google weiß, dass jemand in absehbarer Zeit stirbt oder eine genetische Disposition für Krankheiten hat, könnte es entsprechende Risikoprämien für Versicherungen verlangen.

Das Grundprinzip der Versicherung ist das des Risikoausgleichs. Menschen, die ein geringes Risiko haben, zahlen genauso in den Topf ein wie Menschen mit hohem Risiko. Beispiel Gebäudeversicherung: Jeder Hausbesitzer zahlt ein, weil jeder von einem Schaden (etwa durch Unwetter) betroffen sein kann. Gefahrengemeinschaft nennt man das im Fachjargon.

Durch hochauflösende Datenanalysen lässt sich zwischen den Risikogruppen allerdings viel stärker differenzieren. Die Risiken müssen dann nicht mehr gestreut, sondern können auf den Einzelnen abgewälzt werden. Jeder ist dann für sich selbst verantwortlich: für seinen Fahrstil, seine Fitness, seine Ernährung. Das digitale Versicherungsprinzip sieht vereinfacht so aus: Wer sich gesund ernährt und viel Sport treibt, spart Geld. Wer dagegen krank ist, muss vielleicht bald tiefer in die Tasche greifen.