Eigentlich ist Gerhard Steenkamp mit dem Gebiss eines narkotisierten Wildhunds beschäftigt. Der Tierarzt von der Tiermedizinischen Fakultät der Universität im südafrikanischen Pretoria zeigt seinen Studenten, wie die maroden Zähne des betagten Tiers aus dem benachbarten Zoo am besten behandelt werden. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, zwischen der Zahnreinigung über ein Projekt zu berichten, das ihm besonders am Herzen liegt: den Schutz der heimischen Nashörner.

Die hoch bedrohten Tiere werden nämlich immer häufiger das Opfer von Wilderern. Manchmal überleben sie die Attacken: Seit 2012 hat Steenkamp mehr als 60 verletzten Rhinozerossen mit seiner tierärztlichen Kunst geholfen, wieder auf die Beine zu kommen.

1215 Nashörner getötet

So wurde im vergangenen Jahr in Südafrika ein neuer Wildereirekord aufgestellt: wurden dort 1215 Nashörner getötet. Das ist ein Anstieg von 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, berichtete die Naturschutzorganisation WWF vergangene Woche. 2011 waren es noch knapp 450 gewilderte Nashörner.

Um die Tiere vor ihren gnadenlosen menschlichen Verfolgern zu schützen, wird vielen Nashörner nun vorsorglich das Horn abgesägt – und zwar sowohl freilebenden Tieren als auch Nashörnern, die auf Wildfarmen sozusagen in Halbfreiheit leben. Nicht nur in Südafrika, auch in anderen Ländern wie dem benachbarten Simbabwe greifen sogar die Wildhüter in Nationalparks zu dieser drastischen Maßnahme, um die Dickhäuter zu schützen.

Allerdings hilft das Absägen nur begrenzt: Wie Fingernägel wächst auch das Nashorn stetig nach. Und bei Schwarzmarktpreisen von um die 60.000 oder gar 65.000 Dollar je Kilo Horn ist für die Wilderer die Gewinnspanne offenbar groß genug, um ein Tier selbst wegen eines kleinen Hornstummels abzuschießen.

Attraktivität für Wilderer verringern

Daher hat Steenkamp eine Operationsmethode entwickelt, um auch die Wachstumszone des Horns zu entfernen und so dem Tier dauerhaft seine Attraktivität für Wilderer zu nehmen. Noch ist die Methode nicht offiziell zugelassen, aber Steenkamp ist optimistisch, dass dies bald geschehen wird. Denn die Zeit läuft den Nashornschützern davon – nach einer vorübergehenden Verbesserung der Situation steigen die Verluste inzwischen wieder rapide an.

„Vietnam ist der Hauptabnehmer“, sagt Steenkamp. Und seine Stimme wird noch eine Spur bitterer, als er anfügt: „Die Reichen dort leisten sich das Horn als Statussymbol.“ Zu Pulver zerrieben soll es nicht nur erotisierend wirken und die sexuelle Leistungsfähigkeit steigern, sondern gegen alle mögliche Leiden helfen, etwa gegen Fieber oder allgemein „interne Hitze im Blut“, wie die Wildtierschutzorganisation Traffic in einer im Jahr 2012 veröffentlichten Studie berichtet.

Zudem soll Nashornpulver nach exzessivem Alkoholgenuss und einem opulenten Essen vor den unangenehmen Folgen der Völlerei schützen – für die aufstrebende Klasse der jungen reichen Elite ein wichtiger Anreiz. Erschwerend kommt hinzu, dass Nashornpulver nach der Überzeugung vietnamesischer Mediziner gegen Krebs helfen soll.

Perfide Jagdmethoden

Auch wenn offiziell der Handel mit Nashornprodukten in Vietnam verboten ist, so blüht doch der Schwarzmarkt. Und nachdem das letzte dort lebende Java-Nashorn im Jahr 2010 ohne Horn tot aufgefunden wurde, ist in den vergangenen Jahren der Druck gewachsen, den Markt mit südafrikanischen Nashörnern zu beliefern – schließlich leben dort weltweit mit großem Abstand die meisten Rhinozerosse.

Die Methoden der Wilderer sind dabei immer perfider geworden. Die gut organisierten Banden verfügen über Flugzeuge, bringen die Tiere lautlos mit Betäubungspfeilen zur Strecke und entfernen das Horn, ohne dass Parkwächter oder private Wildtierbesitzer darauf aufmerksam werden, berichten Kenner der Szene. Dabei erleiden die Tiere meist so schlimme Verletzungen, dass sie auf der Strecke bleiben.

Im Falle des besonders gefährdeten Krüger-Nationalparks kommen die Wilderer oft über die offene Grenze aus dem benachbarten Mosambique und verschwinden mit der Beute auch wieder dorthin. Ob sie dort wegen ihrer Taten verfolgt werden? Davon habe man noch nie etwas gehört, klagen die Nashornschützer. „Es ist so traurig“, sagt Steenkamps Kollegin Cindy Harper.

DNA-Datenbank soll Wilderer überführen

Doch resignieren will die Wissenschaftlerin, die das genetische Labor der Veterinärmedizinischen Fakultät leitet, keineswegs. Sie ist fest entschlossen, der Wilderei etwas entgegenzusetzen: eine Datenbank namens eRhodis. Diese besteht aus DNA-Proben, mit denen die Tierärzte jedem, der mit dem Tod von Rhinozerossen und dem illegalen Handel von Nashornprodukten zu tun hat, dies nachweisen können.

„Inzwischen haben wir rund 500 Menschen geschult, damit sie vor Ort Proben nehmen können“, berichtet Harper. Tierärzte, Parkwächter und Privatpersonen können so bei einem betäubten Tier das Horn anbohren, Haare entfernen oder Gewebe entnehmen. Aus den Proben wird im Labor das genetische Profil des Tieres erstellt.

Auch bei gewilderten Rhinozerossen wird das Genprofil gesichert. So lässt sich bei einem sichergestellten Horn klar nachweisen, zu welchem Tier es gehört hat – und ob dieses gewildert wurde. Dies war zum Beispiel bei einem in Singapur beschlagnahmten Horn der Fall: Das Tier wurde neun Tage zuvor gewildert.

Nasenhörner sind vom Aussterben

Immer wieder müssen Cindy Harper und ihre Kollegen bei Gerichtsverhandlungen gegen Wilderer aussagen und bezeugen, dass die belastenden DNA-Proben ordnungsgemäß genommen und wissenschaftlich exakt verarbeitet wurden. Derzeit befinden sich Proben von mehr als 14 000 Tieren in ihrer Datenbank, auch rund 3 000 Proben von gewilderten Tieren gehören dazu. Und es wartet noch viel Arbeit auf die Gendetektive: Auch blutbefleckte Messer und Kleider von mutmaßlichen Wilderern müssen untersucht werden, um gerichtsfest nachzuweisen, zu welchem Tier das Blut gehört.

Die Frage bleibt, ob sich angesichts der anhaltenden Nachfrage und der deshalb stetig steigenden Nashorntötungen der ganze Aufwand lohnt. „Ich denke, es ist ein Prozess, der sich entwickelt“, meint Cindy Harper und fügt an: „Wir klären die Leute auf, wie wertvoll die Tiere und ihre Hörner sind.“ Zudem erhöhe jedes Gerichtsverfahren um illegale Tötungen von Nashörnern die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – und das erzeuge wiederum mehr Druck auf Abnehmerländer wie China oder Vietnam, sich um das Problem zu kümmern. Für den Schutz der vom Aussterben bedrohter Nashörner jedenfalls wird es höchste Zeit.