BerlinDie erste Frage geht an Janina Mütze. Die junge Gründerin war in der vergangenen Woche zu einer Podiumsdiskussion in Kreuzberg geladen, es ging um Frauen in Führungspositionen, die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte die Eröffnungsrede gehalten, in der ersten Diskussionsrunde war die Gründerszene das Thema. Janina Mütze gilt als Vorbild für junge Unternehmerinnen, weil sie vor fünf  Jahren im Alter von 24 Jahren zusammen mit Gerrit Richter das Start-up Civey gegründet hat. Deshalb war sie bei der „Better Future“-Konferenz dabei und wurde ein paar Tage später mit dem „Digital Female Leader Award“ in der Kategorie „Entrepeneurship“ ausgezeichnet.

Janina Mütze wird auf dem Podium gefragt, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen sei, ein Start-up zu gründen. Das wird sie immer wieder gefragt. Aber es ist eben auch ungewöhnlich, mit 24 Jahren zu beschließen, sich selbstständig zu machen, vor allem dann, wenn das in der Familie keine Tradition hat. Mütze lebte damals in Frankfurt am Main, engagierte sich im Kommunalwahlkampf und hatte das Gefühl, nicht zu wissen, was die Zielgruppe, in dem Fall die Wähler, eigentlich will.

So entstand die Idee, ein Start-up zu gründen, das sich mit Meinungsumfragen beschäftigt. Nicht im klassischen Stil mit Befragungen in der Öffentlichkeit oder am Telefon, sondern auf digitalem Weg. So entstand die Plattform und das Berliner Unternehmen Civey. Oft sind es Medienhäuser, die mit Fragewünschen an das Team herantreten. Ganz oft sind es tagesaktuelle Fragen aus der politischen Welt, zu den Klassikern gehört die sogenannte Sonntagsfrage, also die Frage, für welche Partei die Wähler sich entscheiden würden, wenn bald Bundestagswahl wäre.

Leser, die da mitmachen, sind in der Regel bereit, noch ein paar mehr Fragen zu beantworten. So ergibt sich ein breites Spektrum der Informationen, die abgefragt werden können. Inzwischen sind die Umfragen auf mehr als 25.000 Internetseiten platziert. Zu den Kunden, deren Fragen beantwortet werden, gehören auch ein großer deutscher Autobauer, die Bundesregierung und verschiedene Bundesministerien.

Auf dem Podium strahlt Mütze die Gelassenheit einer erfolgreichen Unternehmerin aus. Innerhalb von fünf Jahren ist das Unternehmen unter ihrer Führung zum größten Online-Panel Deutschlands geworden und hat  heute 60 Mitarbeiter. Und gilt als erfolgreich, obwohl das in der Start-up-Szene nicht gleichbedeutend mit finanziellem Gewinn ist.

Janina Mütze könnte sich eigentlich zurücklehnen und ihren Erfolg genießen, auch weil sie vor sechs Wochen Mutter geworden ist. Alles scheint nach Plan zu laufen. Das Telefon-Interview zwei Tage nach ihrem Podiumsauftritt führen wir also unter besonderen Bedingungen. Aber das Baby hat keinen Wunsch nach Aufmerksamkeit, ist satt und zufrieden, es bleibt ruhig im Hintergrund an diesem Morgen.

Warum also macht sie das mit den öffentlichen Auftritten? Es gibt ja genügend erfolgreiche Unternehmer, die im Stillen arbeiten. Ihre Antwort: Vorbild sei ein großes Wort, aber sie habe schon das Gefühl, etwas bewirken zu können, um Frauen zu stärken. Deshalb hat sie auch jahrelang im Vorstand des Start-up-Bundesverbandes gearbeitet und den Female-Founders-Monitor mit auf den Weg gebracht, der zeigt, wie Frauen sich in der Start-up-Welt behaupten und wo sie benachteiligt werden. Auch deshalb ist sie mit dem „Digital Female Leader Award“ im Bereich „Entrepeneurship“, also Unternehmertum und Unternehmergeist, ausgezeichnet worden.

Wie notwendig so ein Engagement ist, zeigen Zahlen, die die Albright-Stiftung im Oktober veröffentlicht hat und die bei der Podiumsdiskussion auch genannt wurden. In dem Bericht heißt es: „Bei den deutschen Börsenunternehmen lassen sich im Krisenjahr zwei Mechanismen beobachten: eine Verkleinerung der Vorstände und der Rückgriff auf Gewohntes, Vertrautes, ‚Altbewährtes‘: Man setzt auf Männer. Viel häufiger als in den Vorjahren haben sich die Unternehmen im vergangenen Jahr von Frauen in den Vorständen verabschiedet; so ist der Frauenanteil in den Vorständen der 30 DAX-Konzerne nicht wie in den Vorjahren weiter angestiegen, sondern in einer Rückwärtsbewegung auf den Stand von 2017 gesunken.“

Mütze fällt dazu eine Episode von Angela Merkel ein, bei der die Kanzlerin eine seltsame Machtprobe mit einem der mächtigsten Männer der Welt bestehen musste. Mütze erzählt davon, wie Russlands Präsident Wladimir Putin die deutsche Kanzlerin vor Jahren empfangen und seinen einschüchternden Hund mitgebracht habe. Subtiler Machtkampf, weil Putin wohl wusste, dass Merkel nicht gerade begierig darauf war, seinen Hund zu begrüßen, wie die Kanzlerin später sagte. Merkel nahm es mit Gelassenheit: „Aber so war es nun mal.“

Janina Mütze hat bei Verhandlungen gespürt, dass die Gegenseite sie als junge Frau nicht ernst nehmen wollte. Einmal war sie mit einem Praktikanten bei einem Termin, bei dem der männliche Verhandlungspartner nur das Gespräch mit dem jungen Praktikanten suchte. Es habe fast eine halbe Stunde gedauert, bis klar war, wer die Chefin und wer der Praktikant war, sagt Mütze am Telefon.

So lange würde die Suche nach der Rollenverteilung heute nicht mehr dauern. Mütze erinnert sich an die Gründungszeit, die ersten Pläne im Betahaus. „Das hat sich noch nicht mach Unternehmensgründung angefühlt“, sagt sie, erst schrittweise sei aus der Idee dann das Projekt zur Plattform für digitale Meinungsumfragen entstanden. Und sie sagt auch: „Wenn ich damals gewusst hätte, was auf mich zukommt in Sachen Technologie, Unternehmenskommunikation und Mitarbeiterführung, dann hätte ich das nicht gemacht.“

Aber sie wusste es nicht – nur eine Sache war ihr schon damals klar: „Wenn man eine Idee ausspricht, dann muss man es auch tun.“ Sie ist gesprungen, ihr Selbstvertrauen ist gestiegen. Bei ihren öffentlichen Auftritten ist es ihr wichtig, dass die Zuhörenden verstehen: Vor allem diverse Teams sind erfolgreich, weil nur so die verschiedenen Anforderungen erfüllt werden können.

Und ihr nächstes Ziel? Profitabel werden mit dem Unternehmen, das gelingt noch nicht in jedem Monat, sagt sie. Außerdem will das Start-up seine Technologie international verbreiten.