John Perry Barlow über die Unabhängigkeit des Cyberspace: Wie das Internet seine Unschuld verlor

Berlin - Es gab eine Zeit, in der das Internet als Hoffnungsträger galt. In der man sich vom Netz Bildung, Aufklärung und Diskussion versprach. In der digitalen Welt sollte möglich sein, woran die analoge bisher scheiterte: der grenzenlose Austausch von Gedanken. Überwinden sollte das Internet nicht nur Raum und Zeit, sondern auch Hierarchien. Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit – diese Prinzipien schienen auch für die virtuelle Revolution zu gelten. Ihre Ideale galt es bald schon zu verteidigen.

Heute hat das Netz längst seine Unschuld verloren. Aus Euphorie ist Skepsis geworden. Facebook, Google, NSA – die digitale Dreifaltigkeit verkörpert am allermeisten, was Kritiker mit dem Begriff „Datenkrake“ verbinden. Auf den ersten Blick harmlose Informationen verwandeln sich im Algorithmus zu Schätzen. Das Gold des Neulands sind Datennuggets, die in aufschlussreiche Persönlichkeits-Barren gegossen werden. Und die Goldgräber müssen sich gar nicht mehr selbst um die Daten bemühen. Der User gibt sie freiwillig: Privatsphäre gegen Katzen-Video. Unbehagen erfüllt den Beobachter in einer U-Bahn, wenn er bedenkt, dass alle, die auf ihr Smartphone schauen gerade getrackt werden und ihr Profil mit jedem Klick nur noch mehr schärfen. Das ist absolut nicht neu. Daran ändern wird sich sobald nichts. Der Nachfolger des Safe Harbour-Abkommens, das sagen Kritiker, könnte erneut gekippt werden, weil es nur besser aber längst nicht genügend schützt.

John Perry Barlow mit Manifest gegen die Überwachung im Netz

Einer, der Überwachung und Einflussnahme voraussah, ist der Netzaktivist John Perry Barlow. Vor zwanzig Jahren schrieb er seine „A Declaration of the Idenpendence of Cyberspace“. Sein Manifest ist pathetisch und scharfzüngig zugleich. „Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt ihr keine Macht mehr!“ Die Sätze klingen überholt – etwa angesichts gängiger Geheimdienstarbeit. Doch Barlows Text ist mehr als nur ein Stück Zeitgeschichte.

Schon damals sei er sich der Überwachung bewusst gewesen, erklärte er später in einem Interview. Er habe sich gerade deshalb für die Formulierung einer Utopie entschieden. Unabhängigkeit und Freiheit sind die Säulen seines Cyberspace. Sie beruhen vor allem auf dem Glauben, dass die Vernetzung sich von allein gut entwickeln wird, weil die Community ethisch sei und somit keiner Einmischung unmoralischer Regierungen bedarf. „Der Cyberspace ist ein natürliches Gebilde und wächst durch unsere kollektiven Handlungen.“ Diese Gemeinschaft, die der Autor unterstellt, ist aufgeklärt.

Barlows Ziel ist die Aufklärung

Barlow zweifelt und fleht nicht: „Wir werden uns über den gesamten Planeten ausbreiten, auf dass keiner unsere Gedanken mehr einsperren kann.“ Ideen sollen nicht mehr als Produkt gesehen und damit herabgewürdigt werden. Barlow scheint es hier weniger um einen Angriff auf das Urheberrecht zu gehen als vielmehr um Gleichberechtigung für jeden Menschen, Gedanken auszudrücken – egal an welchem Ort. „Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können, ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft.“ Im immateriellen Cyberspace gibt es all dies für Barlow auch gar nicht – er ist körperlos. Deshalb hat die hier skizzierte Welt auch einen eigenen Gesellschaftsvertrag.

Barlow, der nach dem Tod seines Vaters dessen Rinderfarm übernahm, ist einer der Gründer der „Electronic Frontier Foundation“, die sich für die Bürgerrechte und Freiheit im Internet einsetzt. Aufklärung ist sein Ziel: Im Cyberspace soll eine Zivilisation des Geistes erschaffen werden, die humaner und gerechter als die Welt der Regierungen, der müden Giganten, sein soll. Barlow sprach am 8. Februar 1996 nicht ins Leere. Sein Manifest trug er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor.

Die Utopie mag naiv klingen. Als er die Zivilisation des Geistes prophezeite, konnte Barlow auch noch nichts von der Diskussionskultur ahnen, in deren hässlicher Verzerrung nicht Geist sondern Empörung und Hetze dominieren. Doch die Erklärung erinnert daran, die Machtverhältnisse im Netz nicht hinzunehmen. Das Internet ist es absolut wert. Barlow hat nicht aufgegeben. Um etwas zu ändern berät er Geheimdienste – und unterstützt Whistleblower wie Edward Snowden.