Junge Menschen und Social Media: Warum ich von Facebook nichts mehr wissen will

In der Schule war ich in meinem Jahrgang die allerletzte Person, die erst in der achten Klasse ein Handy bekommen hat. Das bedeutete auch, dass ich mit 14 Jahren immer noch kein Facebook hatte - damals fast ein Ding der Unmöglichkeit. Viele meiner Freunde hatten die angesagte App schon Jahre lang auf dem Handy. Ich konnte nicht zu Facebook-Gruppen hinzugefügt werden, in denen sich das virtuelle Klassenleben abspielte und konnte die Videos nicht sehen, über die alle redeten.

Nach langer Beschwerde meiner Freunde bin ich dem Gruppenzwang dann zum Opfer gefallen und habe mich bei Facebook angemeldet. Aus heutiger Sicht: wirklich keine Bereicherung - aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer. Damals war Facebook etwas Neues, etwas Besonderes und etwas Cooles. Kein Profil zu besitzen schien den meisten unvorstellbar. Heute, mit 18 Jahren, bleibt die App auf meinem Handy oft monatelang ungeöffnet. Sie ist vor allem eins: langweilig. 

Immer weniger junge Menschen nutzen Facebook

Zum einen liegt das daran, dass Facebook ein bisschen zu einem Seniorentreff mutiert ist. Das bestätigt die Studie Social-Media-Atlas. Laut Statistik waren im Jahr 2016 47 Prozent aller über 60-Jährigen auf Facebook angemeldet. In nur einem Jahr ist dieser Wert auf 70 Prozent gestiegen. Kurz gesagt: Unsere Eltern, Omas und Opas sind auf Facebook! 

Wie das bei uns, der einst größten Nutzerzielgruppe, ankommt, ist auch an der Studie zu erkennen. Vor nur vier Jahren waren noch 89 Prozent aller 14-19-Jährigen bei Facebook angemeldet, womit wir damals die größte Gruppe waren. Doch fast automatisch hat man sich auf die Suche nach neuen Plattformen gemacht: Snapchat und Instagram wurden immer populärer. 2018 waren nur noch rund 60 Prozent der Jugendlichen bei Facebook - das ist der geringste Wert aller Altersgruppen. Kein Wunder. Wer will als junger Mensch auf einer Plattform aktiv sein, auf der die eigenen Mütter Fotos aus dem Familienurlaub posten und sich gegenseitig über Koch- und Fitnesstipps austauschen? 

Warum Instagram und Snapchat beliebter sind

Dazu kommt, dass die Gestaltung von Facebook langweilig und viel zu textlastig ist. Viele junge Menschen wollen vor allem Bilder und Videos sehen – visuelle Beiträge sind viel anregender als reine Textbrocken. Besonders Snapchat und Instagram sind viel stärker visuell orientiert als Facebook – dort dreht sich eigentlich alles nur um Bilder. Visuelle Kommunikation schafft es, mehrere Sinne gleichzeitig anzusprechen. Dadurch wird die Nutzung natürlich zu einem richtigen Erlebnis. 

Der visuelle Content ist somit nicht nur schöner, sondern auch unkomplizierter zu konsumieren als die vielen Text-Posts auf Facebook. Das ist übrigens nicht nur meine Meinung. Medienpsychologe Joe Groebel, mit dem ich telefoniert habe, konnte das auf einer wissenschaftlichen Ebene bestätigen:„Instagram und Snapchat sind rein visuelle Medien mit wenig Text. Für die ältere Zielgruppe heißt dies wiederum, dass sie richtige Textstories dort nicht so gut loswerden wie bei Facebook. Junge Menschen werden noch mehr auf diese visuellen Medien gezogen, weil sie nicht unbedingt Lust auf größere Textbeiträge haben.“ 

Snapchat ist ein flüchtiges Medium

Er hat Recht. Wir jungen Menschen möchten schnellere Inhalte. Und ja, wir sind trotzdem in der Lage, lange Texte zu lesen und uns damit auseinanderzusetzen. Bei schweren und umfangreichen Themen sind Grafiken und visuelle Darstellungen natürlich oft eine riesige Hilfe. Wir leben aber in einer rasant schnellen Welt – da bleibt einfach nicht immer die Zeit, sich mit einem Thema lange zu beschäftigen. Deswegen müssen auch Inhalte in den sozialen Medien schneller konsumierbar sein. Gucken, posten, liken, kommentieren – zack, fertig, weiter geht’s. Während man bei Facebook oft Erinnerung bekommt, was man vor fünf Jahren gemacht hat, ist Snapchat viel mehr ein Moment-Medium, und keines für die Ewigkeit. 

Für mich persönlich ist nichts langweiliger als das unendliche Hin- und Herschicken von WhatsApp Nachrichten. Es ist irgendwie anstrengend, ständig allen möglichen Menschen per Text-Getippe zu antworten. Snapchat finde ich da viel intuitiver. Bild machen, kurzer Text dazu und schon ist der Snap losgeschickt. Es wird in Fotos dokumentiert, was man so unternimmt – auf diese Weise kann man mit mehreren Menschen gleichzeitig in Kontakt bleiben. Auch hier wieder der entscheidende Punkt: Es geht schnell und spart sehr viel Zeit. 

Übrigens liegt das nicht daran, dass wir jungen Menschen verblödet sind, sondern laut Joe Goebel daran, dass die gesamte visuelle Umwelt schneller geworden ist. „Das gilt auch für das Fernsehen oder Filme, die sehr schnell geschnitten sind. Das ist eine physiologische Komponente, dass der Wille für Reiz, Stimulation und vor allem Abwechslung zugenommen hat. Das hat mit der generellen Erhöhung von Geschwindigkeit, speziell im kommunikativen und informativen Bereich zu tun“, sagt er. 

Auf Instagram findet viel Selbstinszenierung statt

Das Schöne an der visuellen Kommunikation ist auch, dass sie international ist. Als junger Mensch dieser Community, weiß ich, dass wir über Ländergrenzen hinweg miteinander kommunizieren. Noch nie war eine Generation so gut vernetzt und verbunden, wie zu dieser schnellen und konsumreichen Zeit. 

Klar, ich weiß auch, dass dieser Hype ums Bild auch seine Schattenseiten hat. Models, Promis und Influencer nutzen das Phänomen aus, um sich auf Instagram und Co. zu vermarkten. Teilweise ist das, was dort stattfindet, eine einzige Selbstinszenierung. Die zahlreichen Bilder, Bikinifotos und Selfies, die bis zur Perfektion bearbeitet werden, führen dazu, dass viele junge Menschen ihr Gespür für Authentizität verlieren. Die kuriose Jagd nach dem besten, schönsten Bild und den meisten Likes nimmt kein Ende. Man muss wissen, damit umzugehen. Ich selbst habe gelernt, mich nicht von anderen Menschen und ihrem auf Instagram dargestellten, scheinbar perfekten Leben beeinflussen zu lassen. 

Immerhin ist ein Foto nur ein Schnappschuss eines Moments und nicht selten sind es die Momente außerhalb dieses Fotos, in denen sich das eigentliche Leben abspielt. Das richtige, echte Leben, das sich nicht mit Photoshop für Instagram aufhübschen lässt. 

So lange man sich dessen bewusst ist, macht das Virtuelle aber auch viel Spaß – und das vor allem auf Instagram und Snapchat. Zumindest bis jetzt – mal sehen, wie lang die beiden sich noch halten und wohin wir dann als nächstes wandern. Immerhin hat mein Papa seit kurzem auch einen Instagram-Account …