Ob am Löwentor im griechischen Mykene oder am Fuß der Cheops-Pyramide in Ägypten – die Frage stellt sich jeder Tourist: Wie haben die alten Baumeister das bloß gemacht? Wie haben sie nur diese großen und unfassbar schweren Steine bewegt, so ganz ohne Hydraulik-Pumpen, Monsterkräne und Schwerlast-Hubschrauber? Nach und nach werden die Geheimnisse enträtselt. Nicht selten sind die Lösungen verblüffend simpel wie etwa die Kipptechnik, mit der die Ägypter die Brocken die Pyramide hochgeschafft haben.

Der chinesische Ingenieurwissenschaftler Jiang Li und zwei seiner Kollegen haben nun offenbar ein weiteres Rätsel geknackt. Dabei geht es um den Bau des Kaiserpalastes in Peking vor rund 600 Jahren. Obwohl die Chinesen schon vor 3000 Jahren Speichenräder kannten, verzichteten sie bei dem Prestigebau offenbar darauf. Sie benutzten nämlich einen Schlitten.

Um die schweren Steine für den Palastbau heranschaffen zu können, Blöcke, die bis zu 123 Tonnen wogen, bauten die Arbeiter ein ausgeklügeltes Vereisungssystem, wie Jiang Li herausfand. Entlang der Strecke gruben sie alle 500 Meter einen Brunnen. Denn für die von ihnen benutzte Technik brauchten sie ständig frisches Wasser, ermittelte Li.

Auf trockenem Untergrund hätte es mindestens 1537 Männer gebraucht, um einen Stein von diesem Gewicht zu bewegen, schreibt das Forschungsteam in den „Proceedings“ der Akademie der Wissenschaften der USA. Für einen Schlitten auf einem Wasserfilm mit einem Holzuntergrund wären es immer noch 358 Männer gewesen, auf hartem Eis ebenso viele. Doch das ständige Bewässern des Eises habe einen Gleitfilm entstehen lassen, und so habe sich der 123-Tonnen-Stein die 70 Kilometer vom Steinbruch bis zum Palast wunderbar transportieren lassen – von nicht mehr als 46 Männern. Da es im Pekinger Winter damals durchschnittliche Temperaturen von minus 3,7 Grad gegeben habe, bei der das Wasser nicht vollständig innerhalb von zwei Minuten gefriert, war das eine ideale Temperatur für das originelle Vorhaben. Stein um Stein entstand der prächtige Bau, der bis heute steht.

Bis heute wird die Schlitten-Eisgleitmethode übrigens in China eingesetzt. In der nordchinesischen Provinz Heilongjiang etwa, an der Grenze zu Russland, haben die Bauarbeiter ein gar 1 200 Tonnen schweres Häuschen einer Eisenbahnstation auf einer künstlichen Eisbahn transportiert. Beeindruckend. Leider scheitern die Bauarbeiter an eher simplen Herausforderungen – etwa am Wunsch nach dichten Fenstern.