Wohin entwickelt sich die Menschheit? Ein Blick in die Glaskugel hilft da leider auch nicht weiter.
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BerlinEine der unbeantworteten Fragen der Moderne lautet: Hat ein Fortschritt stattgefunden oder nicht? Die Frage scheint auf den ersten Blick unsinnig, schließlich hat die Menschheit seit dem Mittelalter einige Schritte in die Zukunft gemacht: Sie hat das Penicillin erfunden, Atome gespalten und den Mond betreten. Keine schlechte Leistung für eine Spezies, die noch vor ein paar Tausend Jahren mit der Keule um sich schlug, statt mit dem Panzer um sich zu schießen.

Allerdings dienen Panzer und Keule dem gleichen Zweck: Sie lassen Ziele mit gewaltsamen Mitteln erreichen, wobei der Panzer sehr viel effektiver ist als die Keule: mehr Tote, mehr Zerstörung, schnellere Umsetzung. Pessimisten behaupten daher, dass nicht nur kein Fortschritt stattgefunden habe, sondern eher ein Rückschritt. Im Grund seien wir immer noch wie die Neandertaler, würden nichts anderes im Kopf haben, als unser Territorium zu verteidigen oder zu erweitern und dem Nachbarn die Beute abjagen. Wobei der gemeine Neandertaler wahrscheinlich sehr viel netter war als der Homo sapiens unserer Tage.

Neutrale Beobachter sehen die Sache mit dem Fortschritt so: Er habe zwar stattgefunden, aber nur technisch. Wir seien eher elektrifiziertes Barbaren, die zwar mit Smartphone, Internet und DNA-Sequenzierung prahlen können, sich im Falle des Falles aber doch wieder auf die menschlichen Grundeigenschaften Neid, Gier und Habsucht konzentrieren würden. Hinzu käme noch eine ordentliche Portion Verblendung. Das ist natürlich eine sehr negative Sicht auf die Dinge, aber die Geschichte ist voll von Beispielen und jeden Tag kommen neue hinzu.

Im Mittelalter zum Beispiel hat man zwar schon die Keule gegen die Armbrust eingetauscht, war sich aber nicht zu schade, der nahenden Pest mit ein paar außerordentlich hässlichen Pogromen zu begegnen. Noch bevor die Seuche deutsche Städte erreicht hatte, wurde geplündert und gemordet, weil man Schuldige brauchte und sich gleichzeitig bereichern konnte. Es war keine gute Zeit für Fremde und Andersgläubige und für Menschen, die man für Zauberer oder Hexen hielt, vor allem aber nicht für Juden. Ihnen wurde nachgesagt, sie würden Brunnen vergiften und die Pest heraufbeschwören können.

Heute runzeln wir die Stirn darüber und wähnen uns auf der sicheren Seite. Außerdem haben wir ja die Wissenschaft und sind aufgeklärt. Aber die Wissenschaft hat auch Atombomben erfunden und Giftgase. Es gab Ärzte, die glaubten im letzten Jahrhundert, man können am Gesicht eines Menschen ablesen, ob er kriminell ist oder nicht. Andere Frauen und Männer der Wissenschaft meinten, die deutsche Rasse sei dafür bestimmt, die Welt zu beherrschen. Auch das war Unfug, hat aber trotzdem ernste Konsequenzen gehabt.

Aberglaube ist keine Frage des Zeitalters, sondern eine Frage der geistigen Verfassung. Heute äußert sie sich in Form der Verschwörungstheorie. Ernste Zeichen sind erkennbar, wenn jemand von ominösen Kräften redet, die die Weltherrschaft anstreben, in geheimen Laboren – die vergifteten Brunnen unserer Tage – tödliche Viren züchten, um schließlich die Weltherrschaft mittels der WHO, des Internationalen Währungsfonds oder der EU zu erringen. Sollten dann noch Oberbösewichter wie Dr. Fu Man Chu, dunkler Held aus 70er-Jahre-Filmen oder Bill Gates hinzukommen, ist es an der Zeit, eine kalte Dusche zu nehmen oder den Therapeuten aufzusuchen.