Das ist ja zum Ausspucken! Das in Zahnpasta enthaltene Fluorid zerstöre die Zähne und vergifte den Körper auf Raten, heißt es in dem Internet-Blog News top-aktuell. Fluorid verursache Krebs, lege wichtige Enzyme lahm und schwäche die menschliche Willenskraft, schreibt Blog-Betreiber Ken Davis, der auf der Webseite über sich nichts weiter preisgibt, als seinen (Künstler?-)Namen. Für ihn ist klar, wer hinter diesem geheimen Angriff auf unsere Gesundheit steckt: die Aluminium-, Stahl- und Phosphorindustrie, die ihre Abfallprodukte an den Mann oder in diesem Fall in Jedermanns Mund bringen will.

Toxikologen und Zahnheilkundler seufzen leicht genervt, wenn sie mit derartigen Behauptungen konfrontiert werden. Die Netzgemeinde jedoch interessiert sich zurzeit offenbar ungemein für die Fluorid-Verschwörung. Wer sich bis in die Tiefe des ellenlangen Beitrags scrollt, findet einen Hinweis vom 15. Januar: Die Kommentarfunktion sei wegen der Flut an Beiträgen vorübergehend deaktiviert.

Die Bundeszahnärztekammer bemüht sich indes um Aufklärung. Fluoridhaltige Zahnpasta sei nicht gefährlich, teilte sie jetzt mit. In mehr als 300.000 wissenschaftlichen Untersuchungen sei bei korrekter Einnahme bisher kein Hinweis auf eine Gefährdung der Gesundheit gefunden worden. Im Gegenteil: Fluorid sei eine der wirksamsten Maßnahmen zur Prävention von Karies. Dass bei Kindern und Jugendlichen die gefürchtete Zahnfäule so stark zurückgegangen ist, führt die Zahnärztekammer in erster Linie auf den breiten Einsatz von Fluoriden zurück.

Die Dosis macht´s

In der Tat hilft Fluorid, vor allem durch den Kontakt mit der Zahnoberfläche, kleine Zahnschmelzschäden zu reparieren und es hemmt das Wachstum von säurebildenden Bakterien im Mund. Allerdings gilt auch für Fluorid der kluge Spruch des Schweizer Alchemisten Paracelsus (1493-1541): „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ Beim Fluorid hängt die unbedenkliche Dosis vom Körpergewicht und vom Alter ab. Eine günstige Wirkung auf die Zahngesundheit tritt bei Tageszufuhrmengen in der Größenordnung von 30 bis 40 Mikrogramm pro Kilogramm ein. Kinder im Alter von 4 bis 7 Jahren zum Beispiel, sollten also ungefähr 1,1 Milligramm Fluorid pro Tag zu sich nehmen, erwachsene Männer 3,8 Milligramm, Frauen 3,1. Entsprechend ist das Fluorid in Zahnpasten oder auch in (speziell gekennzeichnetem) Speisesalz dosiert.

Bis zum Alter von acht Jahren kann es nach einer Studie des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (heute: Bundesinstitut für Risikobewertung) zu Zahnschmelzflecken kommen, wenn Kinder mehr als das Doppelte der empfohlenen Zufuhr zu sich nehmen. Bei noch höherer Dosierung sind auch die Folgen für die Gesundheit gravierender: braune Zahnverfärbungen, bei jahrzehntelanger hoher Fluoridaufnahme kommt es zu Skelettfluorose, bei extrem hoher zu Nierenschäden. Aber wer schluckt schon tubenweise Zahnpasta oder kiloweise fluoridiertes Speisesalz?

Auf alle Fälle jedoch sollten Kleinkinder keine Erwachsenenzahnpasta benutzen, sondern fluoridreduzierte, und unter Aufsicht putzen, spülen und ausspucken lernen, rät das Bundesinstitut. Darüber hinaus sollte man, wenn man fluoridiertes Speisesalz verwendet, keine zusätzlichen Fluoridtabletten einnehmen und auf den Fluoridgehalt des Wassers achten. Er sollte unter 0,7 Milligramm pro Liter liegen. In Berlin stellt das Trinkwasser kein Problem dar. Den Analysedaten der Berliner Wasserbetriebe nach enthält es im Schnitt – je nach Wasserwerk – 0,11 bis 0,36 Milligramm Fluorid pro Liter.

Darüber hinaus ist es wichtig, zwischen Fluor als reinem Element und Fluoridverbindungen zu unterscheiden. Fluor pur ist hochgiftig. Fluoride sind jedoch Verbindungen aus Natrium oder Calcium und Fluor. Und in diesen Verbindungen sind Fluoride sogar zehnmal weniger toxisch als Kochsalz, das sich aus Natrium und Chlor zusammensetzt.

Auch mit der vermeintlichen Krebsgefahr hat sich das für Risikobewertung zuständige Bundesinstitut befasst. Fluorid werde seit Jahren immer wieder in Zusammenhang gebracht mit Chromosomenveränderungen, Krebs und anderen Krankheiten, heißt es in der Stellungnahme. Diese Warnungen beruhten darauf, dass Fluorid in hohen Dosen Zellen schädigen kann, berücksichtigten aber nicht den Dosiseffekt. „Alle diese behaupteten Nebenwirkungen haben sich als unwahr erwiesen.“