Einem wenige Wochen alten Baby bei einer Keuchhustenattacke zuzusehen, ist herzzerreißend. Verweinte Augen, das Gesicht leicht blau, schüttelt der krächzig-trockene Husten den kleinen Körper durch. Wieder und wieder. Rebecca Harreman zeigt eine solche Attacke ihres kleinen Sohnes auf ihrer Facebookseite. „Ich bin so müde. Ich kann seit drei Wochen kaum noch schlafen, weil ich Angst habe, mein Baby könnte ersticken“, schreibt die Australierin dazu. Mit dem Video möchte sie andere Mütter überzeugen, sich selbst und ihre Kinder impfen zu lassen.

Denn der Keuchhusten, auch Pertussis genannt, ist auf dem Vormarsch – nicht nur in Australien. Seit der Jahrtausendwende hat sich nach Daten des Berliner Robert-Koch-Instituts auch in Deutschland die Zahl der gemeldeten Pertussis-Infektionen fast verdreißigfacht – in der vergangenen Saison waren es fast 15 000 Fälle, 400 davon betrafen Unter-Einjährige. Die Dunkelziffer dürfte noch um einiges höher liegen, vermuten Experten.

Bedrohlich ist Keuchhusten vor allem für Kinder. Erstickungsanfälle und sogar Gehirnentzündungen können die Folgen sein. Zwar gibt es eine schützende Impfung, zugelassen ist diese aber erst ab dem dritten Lebensmonat. „Das heißt, es gibt bei jedem Kind ein gefährliches Fenster von mindestens acht Wochen“, sagt Philipp Henneke, der Leiter der Pädiatrischen Infektiologie der Uniklinik Freiburg. In diesem Zeitraum steht das zwar ausgereifte, aber völlig untrainierte Immunsystem des Säuglings dem Bakterium fast wehrlos gegenüber.

Kokon-Strategie klappt nicht

Es ist genau dieses Zeitfenster bis zur Impfung, das den Medizinern zunehmend Sorgen macht. Bisher versuchten Ärzte, dem Problem mit einer sogenannten Kokon-Strategie zu begegnen. Das Neugeborene wurde in eine pertussisgeschützte Umgebung eingehüllt. Mutter, Vater, Großeltern und Geschwister impften sich nach und fielen damit, so das Kalkül, als potenzielle Überträger aus. Diese Strategie scheint aber nun in mehrfacher Hinsicht gescheitert: Zum einen lässt sich trotz intensiver Informationskampagnen insgesamt nur jedes fünfte Familienmitglied impfen. Zum anderen scheinen zumindest jüngere Geschwister den Keim weiterreichen zu können – auch wenn sie selbst geimpft sind und nicht an dem Keim erkranken. Das berichteten US-Wissenschaftler kürzlich in der Fachzeitschrift Pediatrics.
Auch die Ständige Impfkommission, kurz Stiko, die in Deutschland den offiziellen Impfkalender erarbeitet, hat das Keuchhusten-Problem im Blick. Wie das langjährige Stiko-Mitglied Fred Zepp berichtet, habe man über eine ganz neue Lösung diskutiert. Sie sieht vor, nicht nur Kinder, sondern auch Schwangere gegen Pertussis zu impfen.

In den USA wird diese Methode bereits breit angewandt. Und auch für andere Keime wie die gefürchteten Erreger der Neugeborenen-Blutvergiftung, die B-Streptokokken, und für RS-Viren, Verursacher einer asthmaartigen Atemwegs-Infektion beim Kleinkind, werden bereits sogenannte maternale Impfstoffe für Schwangere zum Schutz des Neugeborenen getestet.

Eigentlich hat die Natur für das Problem nämlich schon längst eine Lösung parat: den Nestschutz. In den letzten acht Wochen vor der Geburt, erläutert der Freiburger Experte Henneke, pumpe die Mutter schützende Antikörper in das Blut ihres ungeborenen Kindes.

Dank dieses geliehenen Vorrats an antibakterieller Munition hat das kindliche Immunsystem sechs Monate Zeit, sich selbst auf die neuen mikrobiologischen Gefahren einzustellen. Beim Pertussisbakterium jedoch, das konnten Wissenschaftler zeigen, scheint dieser Mechanismus inzwischen nicht mehr richtig zu funktionieren. Heute haben die meisten Frauen zu wenig Antikörper im Blut, um sie an das Kind in ausreichender Dosis weiterzureichen.

Bei älteren Kindern selten

Der Grund: Der Keuchhusten ist dank der Impfprogramme bei älteren Kindern vergleichsweise selten geworden. Das Immunsystem von Frauen im gebärfähigen Alter hat deshalb nur noch selten Anlass, Antikörper nachzubilden. „Ohne solche Trainingseinheiten ist der Immunitätsschutz aber spätestens nach acht bis zehn Jahren verschwunden – egal, ob geimpft oder früher selbst erkrankt“, erläutert Stiko-Experte Fred Zepp, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Universität Mainz. Studien zeigen jedoch: Werden die Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel noch einmal gegen Keuchhusten geimpft, wacht der Körper sozusagen auf und rüstet das Kind mit genügend Antikörpern aus.

Ähnliches, hoffen viele Kinderärzte, könnte auch bei einem anderen gefährlichen Keim funktionieren: den B-Streptokokken. Sie werden während der Geburt von der Mutter auf das Kind übertragen. Pro Jahr steckt sich hierzulande etwa eines von tausend Neugeborenen mit diesen Bakterien an – und rund jedes hundertste Frühgeborene.

Bei manchen der betroffenen Kinder verteilen sich die Keime innerhalb der ersten zwei Lebenstage im Blut und verursachen ein tödliches Multiorganversagen. Bei anderen verstecken sich die Bakterien ein paar Tage bis Wochen im Körper und besiedeln erst später die Blutbahn, oft auch die Gehirnhaut. „Für jedes zehnte Kind endet die Infektion tödlich. Selbst unter den Überlebenden tragen die allermeisten schwere bleibende Schäden davon“, warnt Reinhard Berner, Direktor der Kinderklinik der Universität Dresden.

Strategie gegen Streptokokken

Der gefährlichen Infektion ließe sich vorbeugen. Schwangere, die den Keim in sich tragen – und das ist jede dritte Frau – sollen präventiv mit einem Antibiotikum behandelt werden. Allerdings wird die Prophylaxe tatsächlich nur in einem Drittel der Fälle gegeben und sie verhindert auch nicht die Spätinfektionen.
Mit einer Impfung der Schwangeren ließe sich dieses Problem beheben, hoffen Kinderärzte. Denn als wahrscheinliche Ursache der Infektion gilt, dass manche Frauen aus genetischen Gründen gar nicht in der Lage sind, die entsprechenden Antikörper zu bilden und ihr Kind zu schützen. „Mit einem B-Streptokokken-Impfstoff“, erläutert Berner, „könnte man die Abwehrzellen der Mutter nachschulen und dadurch im Kind ausreichende Antikörperspiegel erzeugen.“ Einen vielversprechenden Impfstoffkandidaten hat die Firma GSK bereits entwickelt. Was zu seiner Zulassung noch fehlt, ist eine große klinische Studie, in der das Vakzin seine Wirksamkeit endgültig belegt.

Ebenfalls im klinischen Test, wenn auch in einer früheren Phase, befindet sich der maternale Impfstoff der Firma Novavax gegen das RS-Virus, einen Erreger von Atemwegserkrankungen. Der Impfstoff gegen die Grippe wird dagegen schon seit fünf Jahren von der Stiko auch Schwangeren empfohlen. Studien haben mehrfach gezeigt, dass er sowohl bei der angehenden Mutter als auch beim Neugeborenen Krankenhausaufenthalte und Todesfälle verhindern kann. Aber sein Beispiel zeigt zugleich, dass eine neue Impfung allein oft nicht die Lösung ist: „Gerade in der Schwangerschaft ist das Thema Impfen oft mit großen Ängsten besetzt“, sagt der Freiburger Henneke. Drei von vier Schwangeren bleiben auch weiterhin gegen Influenza ungeimpft.