Es geschah vor knapp drei Millionen Jahren. Im heutigen äthiopischen Bundesstaat Afar wandelte sich das Klima. Bis dahin war die Savanne das ganze Jahr über grün gewesen. Säbelzahnkatzen, Kurzhalsgiraffen und Hyänen streiften durch eine Mosaiklandschaft aus Bäumen und Gras. Es war das Reich des Vormenschen Australopithecus afarensis. Dieser bereits aufrecht gehende sogenannte Hominine könnte nach Meinung vieler Forscher ein Vorfahre des modernen Menschen gewesen sein. Das berühmte Fossil „Lucy“ gehört zu der Art.

Doch dann wurde das Klima trockener. Monatelang blieb der Regen aus, Bäume und Büsche zogen sich in die Flussauen zurück. Eine karge, offene Graslandschaft entstand. Australopithecus verschwand – und machte Platz für die ersten Vertreter der Gattung Homo.

Ein solches Szenario haben sich viele Paläoanthropologen bereits seit einiger Zeit für den Ursprung der Menschheit vorgestellt. Doch bislang war das nur eine Theorie: Das älteste bekannte menschliche Fossil war zu jung, nur 2,4 Millionen Jahre alt. Jetzt hat ein internationales Forscherteam erstmals einen Beleg dafür gefunden, dass die ersten Verwandten des modernen Menschen bereits vor 2,8 Millionen Jahren existierten – 400.000 Jahre früher als es sich bislang belegen ließ. Die Forscher berichten auch, dass sich die Afar-Region zeitgleich mit dem Auftauchen der Urmenschen tiefgreifend veränderte.

Fünf intakte Zähne

Das entscheidende Beweisstück ist die Hälfte eines menschlichen Unterkieferknochens (großes Foto) aus der Region Ledi-Geraru in Afar, berichten Brian Villmoare und seine Kollegen im Science-Magazin. Ein zweites Team beschreibt die Umwelt, in der dieses Individuum lebte. „Der Unterkiefer ist das älteste Fossil, das unserer Gattung zugeschrieben werden kann“, betont Villmoare, der an der University of Nevada in Las Vegas arbeitet. „Unsere Gattung entstand also vor etwa drei Millionen Jahren – etwa zu der Zeit, als wir Lucys Art zum letzten Mal sehen, den Australopithecus afarensis“, sagt der Forscher.

Über die Periode vor 2,5 bis 3 Millionen Jahren hatten die Anthropologen bislang kaum Informationen. Die Afar-Region liegt im ostafrikanischen Grabenbruch, dem geologisch aktivsten Teil von Afrika. Ablagerungen aus jener kritischen Zeit der Menschheitsgeschichte, als sich der Vormensch Australopithecus in den Urmenschen Homo verwandelte, waren dort bislang rar.

Erst 2013 begann ein Team unter Leitung von Forschern der Universität von Arizona in der Gegend von Ledi-Geraru zu graben – nur knapp 40 Kilometer vom Fundort des Lucy-Skeletts entfernt. Heute ähnelt die Wiege der Menschheit einer Mondlandschaft. Inmitten dieser Geröllwüste wurde das Team fündig: Neben zahlreichen Fossilien von Antilopen, Wasserbüffeln, Krokodilen, Nilpferden und Fischen entdeckten sie einen halben menschlichen Unterkiefer mit fünf noch intakten Zähnen.

„Vieles an der Anatomie des Unterkiefers zeigt eine enge Verwandtschaft mit späteren Homo-Arten, vor allem die Zähne und die Form des Knochens“, sagt Villmoare. Allerdings sieht er auch Ähnlichkeiten zum Australopithecus afarensis. So ist das neue Fossil mit der Katalognummer LD 350-1 in etwa so groß wie Australopithecus-Knochen. Und auch die Vorderseite des Kiefers gleicht dem entsprechenden Knochen der Vormenschen.

Die Forscher stufen das Fossil daher als Übergangsform ein, ordnen es aber eindeutig der Gattung Homo zu. Der deutsche Experte Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig findet die Argumente überzeugend. Zu welcher Art der Besitzer des Kieferknochens gehörte, darauf legt sich das Team freilich nicht fest.

Für Philipp Gunz, der mit seinen Kollegen soeben ein 1,8 Millionen Jahre altes Unterkieferfossil des Urmenschen Homo habilis neu rekonstruiert hat (Fotos unten), passt das neue Fossil perfekt in eine Reihe vom Australopithecus zu späteren Vertretern der Gattung Homo: „Es entspricht unseren Erwartungen“, sagt er. Sein Kollege Fred Spoor ergänzt: „Der Ledi-Geraru-Kiefer ist fast wie auf Bestellung aufgetaucht. Das Fossil lässt es plausibel erscheinen, dass zwischen Australopithecus afarensis und Homo habilis eine evolutionäre Verbindung bestand.“

Für Paläoanthropologen ist der Fund aus der Zeit vor 2,8 Millionen Jahren auch deshalb besonders interessant, weil sich der neue Kiefer präzise datieren ließ. Die Sedimentschichten mit den Fossilien waren von mehreren Lagen aus Vulkangestein durchzogen. Die zentimeterdicken Ascheschichten enthielten Kristalle, deren Alter anhand von radioaktiven Elementen recht genau bestimmt werden konnte.

Klimawandel machte Menschen

Die Umweltveränderungen, die sich zu dieser Zeit in Ostafrika abspielten, konnten die Forscher ebenfalls gut dokumentieren. „Die Funde liefern uns ein neues Fenster in die Afar-Region“, sagt Faysal Bibi vom Naturkundemuseum in Berlin. Er ist Spezialist für fossile Antilopenarten. Anhand dieser vielfältigen und weit verbreiteten Tiere lässt sich die Umwelt von Ur- und Frühmenschen gut charakterisieren.

„Wenn wir die Artengemeinschaft von Ledi Geraru mit der vergleichen, die zu Zeiten von ,Lucy’ nur wenige Jahrhunderttausende zuvor vorherrschte, dann sehen wir eine deutliche Veränderung“, berichtet Bibi. Plötzlich tauchten Arten auf, die an den Lebensraum der Trockensavanne angepasst waren. Dass die zunehmende Trockenheit auch die Ursache für die Entstehung der Menschheit war, erscheint nun durchaus einleuchtend. „Es ist auf jeden Fall hochinteressant, dass die Gattung Homo genau zu dem Zeitpunkt erscheint, als sich in Ostafrika ein Klimawandel ereignet“, sagt Faysal Bibi.

Eine konkurrierende Theorie, der zufolge sich der Übergang vom Australopithecus zum Menschen nicht in Ost-, sondern in Südafrika vollzog, ist nun wohl vom Tisch. 2010 hatten Forscher in einer Höhle nahe Johannesburg zwei Skelette einer neuen Australopithecus-Art gefunden, die einige ursprüngliche, aber auch moderne Merkmale besaß. Die Entdecker deuteten diese Vormenschen als Übergangsstadium zum Menschen. Doch mit einem Alter von knapp zwei Millionen Jahren sind die südafrikanischen Homininen deutlich jünger als der neue Fund. Für Brian Villmoare ist klar: „Unsere Entdeckung belegt, dass der Ursprung der Gattung Homo in Ostafrika liegt.“