So klein kann ein internationales Drehkreuz sein: Wenn Elmar Nimmesgern und Lisa Beuster Rücken an Rücken an ihren Arbeitsplätzen sitzen, ist der Raum voll. Das Büro dient als Sekretariat des Global Antimicrobial Resistance Research and Development Hub, abgekürzt Global AMR R&D Hub. Auf Deutsch heißt das so viel wie: Drehkreuz für Informationen aus aller Welt zu Forschung und Entwicklung in Sachen Antibiotika-Resistenz.

Anfang nächsten Jahres kommen zwei Mitarbeiter hinzu. Dann zieht das Sekretariat in einen größeren Raum am Potsdamer Platz um. Und wenn das Wissenschaftler-Team vollständig ist, hat es ein Ziel: Binnen drei Jahren soll es eine „dynamische Instrumententafel“ aufbauen.

Unsachgemäßer Einsatz von Antibiotika

Das ist eine Art Datenbank, in der sich jederzeit auf aktuellem Stand abrufen lässt, was national und global zur Ausbreitung, Diagnose oder Vorbeugung von Antibiotika-Resistenzen und zur Entwicklung neuartiger Therapien gegen bakterielle Infektionen geschieht. Politiker schauen so, welche Fördermittel wohin gehen. „Bislang stimmen sich die Länder kaum untereinander ab“, so Nimmesgern.

Dass die Koordination besser wird, sei dringend nötig. Denn der verbreitete und oft unsachgemäße Einsatz von Antibiotika in der Human- und der Tiermedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass immer mehr Bakterienstämme unempfindlich, also resistent, gegen diese Medikamente werden. Mittlerweile gibt es „multiresistente“ Keime, bei denen gleich mehrere der üblichen Antibiotika wirkungslos bleiben. Für Gesunde ist der Kontakt mit diesen Bakterien ungefährlich. Bei Menschen mit geschwächten Abwehrkräften, etwa in Kliniken und Pflegeheimen, können sie jedoch Infektionen verursachen, die sich nur schwer behandeln lassen.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehen allein in Europa jährlich rund 25.000 Todesfälle auf das Konto resistenter Keime. Nach Hochrechnungen der Medizinstiftung Wellcome Trust dürfte sich diese Zahl bis 2050 auf etwa 400.000 erhöhen. Rückblende: Lange Zeit starben Menschen selbst an kleinen Verletzungen oder banalen Infektionen wie etwa Scharlach.

Immer schwieriger, Antibiotika mit neuen Wirkprinzipien zu erfinden 

Mit der Markteinführung des Penicillins bekam die Medizin in den 1940er-Jahren endlich ein Mittel dagegen in die Hand. Doch schon Alexander Fleming, der Entdecker des Penicillins, warnte, dass Bakterien Resistenzen dagegen entwickeln können. Er mahnte zu sorgfältigem Umgang: nicht zu kurz und nicht zu niedrig dosiert im Einzelfall, nicht zu häufig eingesetzt im Allgemeinen. Denn die Mikroben vermehren sich rasch. Dabei geben sie genetisch verankerte Merkmale nicht nur auf dem üblichen Weg an die nächste Generation weiter, sondern zusätzlich über separate Erbgut-Stücke auch innerhalb der Bakterien-Gemeinschaft. Das verschafft jenen, die gegen Penicillin immun sind, seit Urzeiten einen Überlebensvorteil.

Nach Aussage des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller in Deutschland wurden weltweit inzwischen über 80 Antibiotika entwickelt, die verschiedenen Klassen mit jeweils anderer Molekülstruktur und Wirkungsweise angehören. Doch es gestaltet sich immer schwieriger, Antibiotika mit neuen Wirkprinzipien zu erfinden.

Überdies sei die Herstellung dieser Heilmittel wirtschaftlich wenig interessant, sagt Elmar Nimmesgern: Sie kommen je Patient nur einmal zum Einsatz, bis die Infektion besiegt ist, und sind relativ billig – anders als etwa teure Medikamente. Dass die Medizin neue wie auch alte Antibiotika nur äußerst zurückhaltend einsetzen darf, um im evolutionären Wettlauf mit den wandlungsfähigen Erregern die Nase vorn zu behalten, bremst zusätzlich.

Es muss etwas geschehen, entschied die G20 und rief das besagte Team ins Leben. Als Mitglieder firmieren 15 Staaten, die EU sowie die Bill-und-Melinda-Gates- sowie die Wellcome-Stiftung. Sie haben Berlin als Sitz des Sekretariats gewählt. Taufe war im Mai dieses Jahres. Mitte September wurden Rahmenbedingungen und Arbeitsplan festgelegt.

Öffentliche Gelder strategisch einsetzen

Als Erstes nimmt sich das Hub-Sekretariat die Daten des 2011 gegründeten europaweiten Programms mit dem abgekürzten Namen JPIAMR vor. Dieses hat die Aufgabe, die Aktivitäten von 27 Ländern, darunter 16 EU-Mitgliedstaaten, sowie die jeweilige staatliche Forschungsförderung zum Thema Antibiotikaresistenz zu koordinieren, um letztlich die öffentlichen Gelder strategischer einzusetzen. Das JPIAMR ist gleichsam ein Vorläufer des globalen Hubs.

Jetzt also muss alles auf einen Nenner gebracht werden: Mancherorts erhalten einzelne Forschungsgruppen Geld für konkrete Vorhaben , woanders fließen Mittel überwiegend an ganze Institute, um deren Arbeit insgesamt zu ermöglichen.

Bis Ende 2019 soll dieses Daten-Durcheinander vereinheitlicht und zusammengeführt worden sein. Das Hub-Team will herausfinden, ob es über die Zahlen zum Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung hinaus auch Forschung zu Resistenzen gibt. Ebenso recherchiert es, wo Forscher die Auswirkungen auf die Umwelt untersuchen. Soweit möglich, soll der Hub Informationen dazu liefern, welche Unis, Institute oder Abteilungen der Industrie sich mit dem Thema Antibiotika befassen.