Was wäre, wenn eine App weiß, wie lange man noch lebt? Krankenschwester Quinn (Elizabeth Lail, li.) durchlebt diesen Horror im Film „Countdown“.
Foto: Hopper stone/film-pr

BerlinIn dem Film „Countdown“, der am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, lädt die Krankenschwester Quinn Harris eine App herunter, die ihren genauen Todeszeitpunkt vorhersagt. Als ihr die App signalisiert, dass ihr noch genau drei Tage bleiben, bricht sie in Panik aus. Ihre Uhr tickt unaufhaltsam.

Selbst ein neues Handy, eine neue Sim-Card und ein geschickter Hacker können ihr nicht helfen. Ihre Lebenszeit läuft ab. In der Folge entspinnt sich ein rasanter Thriller, bei der Quinn versucht, mithilfe eines Priesters den Code der App zu knacken. Es ist ein eindrücklicher Film über Fatalismus, Programmierung und Determinierung.

Vorhersagen übertroffen

Schon seit ewigen Zeiten hegt der Mensch eine Obsession, den Tod vorherzusehen. In der griechischen Mythologie wurde die Schicksalsbestimmung immer wieder aufgegriffen. So sagt in Homers Ilias der sterbende Hektor den genauen Todesort und Zeitpunkt des Achill voraus. Auch der frühe Tod Alexanders des Großen, der im Jahr 323 vor Christus im Alter von nur 32 Jahren starb, wurde vorhergesehen. Und das Orakel von Delphi prophezeite, dass Ödipus seinen Vater, den König Laios von Theben, töten werde.

Persönliches Sterbedatum

Kino: „Countdown“ heißt der Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Eine App sagt den Todestag voraus. Wie sie darauf kommt, weiß man nicht. Eine Krankenschwester und ihr Freund versuchen in dem Thriller, den Todes-Countdown zu stoppen, nachdem Freunde schon gestorben sind.

Literatur: Neugierig machen sich vier Geschwister in dem Roman „Die Unsterblichen“ (btb, 20 Euro) auf den Weg zu einer Wahrsagerin, die ihnen den Tod voraussagt. Nichtsahnend, dass dieses Wissen für jeden von ihnen auf unterschiedliche Weise zum grausamen Verhängnis wird.  
Streaming: In dem Film „Das brandneue Testament“ hat Gott eine Tochter. Sie schickt nach einem Streit mit ihrem Vater jedem Menschen eine Nachricht mit seinem persönlichen Sterbedatum; anschließend lässt sie den Rechner abstürzen. Zu finden bei: Amazon, iTunes, Google Play.

Natürlich wurden diese zweideutigen Orakelsprüche im Nachhinein mythisch überhöht und verklärt, und natürlich besitzen Weissagungen keine wissenschaftliche Evidenz. Doch das Erstaunliche ist, dass die Faszination, einen Blick in die Glaskugel zu werfen, die Geschichte überdauert und geistigen Strömungen wie dem Rationalismus, in dem Prophezeiungen als Scharlatanerie verworfen wurden, getrotzt hat.

Verblüffende Forschungsergebnisse

Mit digitalen Technologien und algorithmischen Prognosetechniken rückt die Utopie, das menschliche Schicksal vorherzusagen, ein Stück weit näher.

Wissenschaftler der Universität Nottingham haben im vergangenen Jahr eine KI entwickelt, die den Todeszeitpunkt von Patienten vorhersagt. In der Studie wurde ein maschinell lernender Algorithmus mit Daten von einer halben Millionen Bürgern im Vereinigten Königreich im Alter zwischen 40 und 69 Jahren trainiert.

Neben Alter, Geschlecht und Bildung umfasste der Datensatz auch Gesundheitsdaten wie Gewicht, Body-Mass-Index, Blutdruck, Vorerkrankungen in der Familie, Ernährungsgewohnheiten wie der Konsum von Früchten, Alkohol und Fleisch sowie Lebensgewohnheiten wie intensive Sonnenbäder oder Rauchen. Auf Basis von 60 Variablen wurde ein statistisches Modell erstellt. Das Ergebnis: Der Algorithmus sagte über 70 Prozent der frühzeitigen Sterbefälle in der untersuchten Kohorte voraus – und übertraf damit um Längen bisherige Vorhersagemodelle.

Google-Algorithmus prognostiziert Tod

Es sind nicht die ersten verblüffenden Forschungsergebnisse dieser Art. Forscher des US-Gesundheitsdienstleisters Geisinger haben einen Algorithmus mit 1,8 Millionen EKG-Daten von 400.000 Patienten gefüttert, der ein relativ genaues Sterberisiko für das nächste Jahr ermittelt. Vor zwei Jahren sorgte Google mit der Meldung für Aufsehen, seine KI könne mit einer Genauigkeit von 95 Prozent den Tod von Patienten in den nächsten 24 Stunden prognostizieren.

Als eine Frau mit Wasser in den Lungen in ein US-Krankenhaus eingeliefert wurde, gab ihr der behandelnde Arzt nach einer Kernspinuntersuchung noch eine hohe Überlebenschance. Das Sterberisiko bei ihrem Krankenhausaufenthalt lag bei 9,3 Prozent. Der Google-Algorithmus errechnete jedoch eine Mortalitätswahrscheinlichkeit von 19,9 Prozent – und sollte recht behalten: Die Frau starb nach wenigen Tagen im Krankenhaus. Das klingt gruselig und alarmierend zugleich.

Herzfrequenz und Schlafverhalten

Tech-Konzerne sitzen auf einem Schatz von Gesundheitsdaten. Google hat erst im vergangenen November für 2,1 Milliarden Dollar die Fitness-Firma Fitbit übernommen, deren Fitnesstracker unter anderem die Herzfrequenz und das Schlafverhalten der Träger auswerten. Apple hat jüngst seine neueste Smartwatch auf den Markt gebracht, die über eine integrierte Sturzerkennung verfügt und mithilfe von Sensoren Herzrhythmusstörungen erkennt. Mit einer EKG-App können zudem Anzeichen für Vorhofflimmern frühzeitig festgestellt werden.

In dem Thriller „Countdown“ wird nicht ganz klar, wie die App den Todeszeitpunkt berechnen kann. Die Menschen sterben nicht aufgrund von gesundheitlichen Problemen oder an einer Krankheit, das Schicksal spielt ihnen einen Streich. Oder eine höhere Macht? Das ist den handelnden Personen aber auch egal, sie wollen länger leben – dafür kämpfen die Krankenschwester und ihre Vertrauten mit allen Mitteln.