Neben dem Schreibtisch stehen Umzugskisten, sonst deutet nichts darauf hin, dass Hans Joachim Schellnhuber in wenigen Tagen die Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung abgibt. Auf dem Weg zur Sitzgruppe in dem weitläufigen Büro kommt man an Fotos seiner Frau und seines Sohnes vorbei, an einem Bücherregal und einem Landschaftsbild des britischen Malers William Turner. Schellnhuber wird das alles nicht weit tragen müssen, der 68-Jährige behält ein Büro auf dem Potsdamer Telegrafenberg.

In seinem jetzigen arbeitete vor gut 100 Jahren der Astrophysiker Karl Schwarzschild, erzählt Schellnhuber in weichem Bayrisch, da war in dem Backsteingebäude das Astrophysikalische Observatorium untergebracht. Auch Albert Einstein kam manchmal auf eine Tasse Tee vorbei. Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung schaut man nicht nur nach vorn, in die unsichere Zukunft des Planeten, sondern auch zurück. Auf dem Tisch neben dem Sofa liegt die Kopie einer historischen Zeitungsseite. „Dringender Appell“ steht über dem Text, darunter viele Namen, Erich Kästner, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann und: Albert Einstein.

„Dringender Appell“, was ist das?

Dieser Aufruf ist von 1932, eine Reaktion auf das Erstarken der NSDAP. Knapp drei Dutzend Persönlichkeiten riefen zu einer Zusammenarbeit von SPD und KPD bei der Reichstagswahl auf, es war einer der letzten Versuche, die faschistische Machtergreifung zu verhindern. Ich habe den Appell herausgesucht, weil der Campus hier auf dem Potsdamer Telegrafenberg eng mit Einstein verbunden ist und er für mich den Kronzeugen dafür darstellt, dass man kein drittklassiger Wissenschaftler sein muss, wenn man auch eine politische Haltung hat und sich zu Wort meldet.

So wie Sie es in Bezug auf den Klimawandel auch seit Jahren tun. Haben Sie je daran gezweifelt, dass das richtig ist?

Ich nicht, aber es gibt seit langem die Debatte, ob Wissenschaftler sich an die Öffentlichkeit wenden sollten, um darauf hinzuweisen, dass es ein größeres Problem gibt. Manche meinen, die Objektivität sei dadurch verletzt und fürchten die Kontaminierung der reinen Forschung und Lehre durch gesellschaftliche Anliegen. Sie zögen es wohl vor, dass Forschungsergebnisse ausschließlich in akademischen Fachjournalen publiziert und damit der breiten Öffentlichkeit vorenthalten würden.

Sie sind eigentlich theoretischer Physiker, da sind die gesellschaftspolitischen Bezüge ja erst mal überschaubar – wann hat sich bei Ihnen die Politik in die Forschung gemischt?

Zum ersten Mal 1991, während des ersten Golfkrieges. An der Universität Oldenburg haben wir versucht auszurechnen, ob der Ruß der Ölquellen, die Saddam Hussein in Kuwait in Brand stecken ließ, Einfluss auf das globale Klima hätte und es etwa zu einer Verdunklung der Sonne kommen könnte. Ich bin dann damals bei Veranstaltungen aufgetreten und habe erklärt, welche Schlussfolgerungen wir mit unseren Methoden ziehen können. Die zentrale Erkenntnis lautete übrigens, es könne nicht zu einem globalen Desaster kommen, auch aufgrund der chemischen Beschaffenheit des kuwaitischen Erdöls. In diesem Rahmen wurde ich zunehmend konfrontiert mit Fragen nach meiner Haltung zum Golfkrieg. Und mir wurde klar, dass man, wenn man an etwas Gesellschaftsrelevantem forscht, gar nicht vermeiden kann, auch die Fragen zu stellen: Wie kommuniziert man das? Welche Formen der Nachdrücklichkeit muss man entwickeln, damit man gehört wird? Wie gelingt das so, dass man die Wissenschaft nicht korrumpiert, dass alle Aussagen valide bleiben, man aber trotzdem so vereinfacht und zuspitzt, dass die Botschaft ankommt.

Das machen Sie immer sehr anschaulich. Wenn man Sie in Talkshows sieht, arbeiten Sie viel mit eingängigen Bildern. Unser Verhalten angesichts des Klimawandels vergleichen Sie zum Beispiel mit einem Mann, der vom Hochhaus springt und kurz vor dem Aufprall sagt: „Bis jetzt ist alles gut gegangen.“ Kostet es Sie als Physiker, der das Komplexe liebt, Überwindung, die Menschen immer wieder mit einfachen Vergleichen aufzuschrecken?

Nein, es ist eine reizvolle Herausforderung. Veranschaulichen ist schwieriger als Gleichungen lösen. Und Sie müssen wissen, dass die theoretische Physik eine Vorliebe für den Gebrauch von Metaphern und Sinnbildern hat. Der große Physiker Werner Heisenberg, der sich mit der komplizierten Wechselwirkung von Elektronenspins beschäftigte, hat in seinen Oberseminaren immer die Frage gestellt: „Haben wir ein gutes Bild dafür?“ Dann wurde zunächst eine Metapher für den jeweiligen Effekt gesucht, und die Theorie wurde um das Sinnbild herum entworfen. Ein guter theoretischer Physiker steht oft mit einem Bein in der Poesie. Man muss nur zusehen, dass man das Bein wieder herauskriegt.

Was antworten Sie jemandem, der findet, dass ein Wissenschaftler forschen und der Politik keine Empfehlungen geben sollte?

Gerne mit Einstein: Es gab 1955, kurz vor Einsteins Tod, das berühmte Russell-Einstein-Manifest gegen den atomaren Wettlauf. Darin steht: Die Menschen, die am meisten wissen über diese Problematik, also die Wissenschaftler, machen sich auch die größten Sorgen über die Entwicklung des Kalten Krieges. Und sie haben deshalb auch die größte Verpflichtung, sich zu Wort zu melden. Wenn ich ein Sonderwissen erworben habe, mit ein bisschen Talent, viel Arbeit und noch mehr Zufall, dann habe ich geradezu die Verpflichtung, dieses tiefere Wissen zur Verfügung zu stellen. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die man gar nicht erst wieder einfordern müssen sollte. In Deutschland ist eine gute Erklärung für die Verantwortungsphobie vieler Forscher natürlich, dass Wissenschaft hierzulande massiv missbraucht wurde für politische, für totalitäre Zwecke. Aber mehr als 70 Jahre später sollte man wieder in der Lage sein, sich aus dieser Schockstarre zu lösen.

Im Falle des Klimawandels ist das Wissen angekommen. Es gab seit Anfang der 90er-Jahre 20 Weltklimakonferenzen, gleichzeitig sind die CO2-Emissionen um 60 Prozent gestiegen, mehr als eine Milliarde Autos wurden gebaut, die Zahl der Flugpassagiere hat sich verdreifacht. Wie kann das sein? Warum bekommen wir das Problem nicht in den Griff?

Ich glaube, dass es insbesondere an der menschlichen Trägheit liegt. Zum einen die individuelle: Unser Unterbewusstsein lässt uns umso entschlossener wegschauen, je dringlicher ein Problem ist – auch wenn wir eigentlich durchaus erfasst haben, dass etwas Bedrohliches in Gang ist. „Kognitive Dissonanz“ ist da der sozialpsychologische Fachbegriff. Der Mensch bleibt tendenziell so lange in seiner Komfortzone, wie es nur irgendwie geht. Wir müssen schleunigst herausfinden, wie sich dieser Verdrängungsreflex eventuell überwinden lässt. Und es liegt an dem enormen Beharrungsvermögen komplexer Systeme.

Erklären Sie uns das.

Fast alle Systeme, gerade wenn sie erfolgreich sind, graben sich immer tiefer in eine Betriebsweise ein, die man nicht mehr ändern mag, weil man schon zu viel investiert hat. Das gilt für lebende Systeme, für Unternehmen, für ganze Staaten. Je mehr Zeit, Geld, Energie, Sozialkapital in das System investiert wurde, desto unfähiger wird es, aus dieser Betriebsweise wieder auszubrechen. Das hört sich sehr theoretisch an. Aber das ist, was passiert: in Cliquen, in der Wirtschaft, in Militärbündnissen. Es gibt im Amerikanischen einen einfachen Satz, der das auf den Punkt bringt: „If you are in a deep hole, stop digging!“ Aber genau das tun wir, wir graben immer weiter.

Sogar buchstäblich: Deutschland gräbt weiter nach Kohle.

Die Kohle ist leider ein treffendes Beispiel. Eigentlich ist völlig klar: Alle ökonomischen Daten, soziologischen Untersuchungen, technischen und klimawissenschaftlichen Fakten sagen uns, dass wir möglichst schnell aus der Braunkohleverstromung aussteigen müssen. Fast jeder weiß im Grunde seines Herzens, dass dieses Geschäftsmodell keine Zukunft hat. Und dass die sozialen Spannungen noch viel größer werden, wenn man das überholte Modell bis zum letzten Kohlekrümel verteidigt und dann die völlige Implosion kommt. Und trotzdem will keiner der Spielverderber sein, der sagt, dass es nicht mehr so weitergeht. Die Historikerin Barbara Tuchman erklärt das in ihrem Buch „The March of Folly“ sehr gut. Sie beschreibt, wie Gesellschaften, politische Systeme, Unternehmen in Zeiten der Krisen exakt das weiter verfolgen, was sie in die Krise getrieben hat. Weil sie glauben, sie müssten ihre Prinzipien nur geschickter anwenden – die Effizienzfalle. Und genau das hören Sie jetzt in Bezug auf den Klimawandel: Wenn Sie mit der Schwerindustrie diskutieren, reden die nicht darüber, dass man vielleicht kein Aluminium und keinen Zement mehr verwenden sollte, um Gebäude zu bauen, sondern vermutlich besser Holz. Die reden nur davon, wie sie aus den jetzigen Prozessen noch mehr Leistung herausquetschen können, um ein paar Prozent Treibhausgase zu vermeiden. Aber ein Systemwechsel ist schlicht unvorstellbar.

Nicht immer. 2011 hat Angela Merkel zwei Tage nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima den Atomausstieg verkündet.

Die Katastrophe allein hätte nicht gereicht, aber es kamen eben zwei Dinge zusammen. Das schockierende Einzelereignis bestätigte ein Narrativ, das die Anti-Atombewegung seit 30 Jahren entwickelt und verbreitet hatte: vom Schrecken des „Größten Anzunehmenden Unfalls“ und vom ungelösten Atommüllproblem. In der Bevölkerung brauchte es daraufhin nur dieses eine Ereignis, um die Stimmung kippen zu lassen. In diesen Tagen lagen die Grünen in Umfragen bundesweit bei 28 Prozent.

Ist, zynisch gesagt, das Problem beim Klimawandel also, dass er keine ordentliche Katastrophe hervorbringt – in unseren Breiten jedenfalls? Lediglich einen irre heißen Sommer?

Wenn ein gigantischer Hurrikan New York City treffen, die Skyline Manhattans zerstören und Hunderttausende Menschen sterben lassen würde, das wäre tatsächlich eine Schockwelle, die selbst in Amerika die Klimapolitik völlig verändern würde. Darauf zu spekulieren wäre aber geradezu kriminell, wir wollen solche Desaster ja gerade verhindern! So haben wir nur unser sterbenslangweiliges Narrativ, das die Wissenschaft nun seit 20, 30 Jahren verbreitet: Der Klimawandel ist real, er ist menschengemacht, er ist hoch riskant, aber wir können etwas dagegen tun. Und wir haben nun tatsächlich noch die Erfahrungen des Hitzesommers 2018. Die extremen Temperaturen – insbesondere in der Nacht – haben viele Menschen am eigenen Leib spüren lassen, dass etwas Bedrohliches im Gange ist. Dazu die Trockenheit, die Waldbrände – das hat viele dazu bewogen, über das nachzudenken, wofür wir als Wissenschaftler die ganze Zeit die Hintergrunderzählung geliefert haben.

Sonst wäre es nur ein extraheißer Sommer gewesen.

Oder die Strafe Gottes für das grauenvolle Gekicke der deutschen Nationalmannschaft. So aber weiß man: Es gibt eine physikalische Ursache. Es werden immer mehr Wetterextreme kommen. Und das ist gar nicht gut. So langsam bewegt sich also etwas in der gesellschaftlichen Debatte. Aber insgesamt geschieht angesichts der Dramatik der Ereignisse und der Geschwindigkeit der Veränderungen viel zu wenig. Das Schlimme ist, dass wir die Kurve vielleicht nicht mehr rechtzeitig kriegen könnten. Ich habe dazu einen Artikel geschrieben, der heißt „Tragischer Triumph“. Die Bilanz, auch meiner Tätigkeit hier: Die Forschung hat der Gesellschaft beharrlich und letztlich sogar überzeugend das Problem erklärt; aber die Gesellschaft handelt vermutlich zu spät.

Eine traurige Bilanz.

Nicht ganz. In dem Maße, wie die wissenschaftliche Einsicht gewachsen ist, dass wir möglicherweise vor einem Zivilisationsbruch stehen, ist zwar die Hoffnung geschwunden, dass die Politik adäquat reagiert. Aber es sind auch viele Dinge passiert, die mich die Hoffnung nicht haben verlieren lassen. Es gibt fulminante technische Entwicklungen bei den Erneuerbaren Energien. Es gibt viele zivilgesellschaftliche Bewegungen wie das Divestment, also das Abziehen des Kapitals aus den fossilen Brennstoffen, oder die Proteste gegen die unverantwortliche Weiternutzung der Kohle. Nicht funktioniert hat dagegen der lineare Plot: Die Experten beugen sich über das Problem, machen eine gelehrte Empfehlung, und die Politik setzt diese um. Aber es sind ganz viele bunte, chaotische, nicht-lineare Dinge passiert, auch in der Gesellschaft, die einem immer wieder Hoffnung geben.

Gerade erst haben Sie mit Kollegen eine Studie veröffentlicht, die alles noch hoffnungsloser aussehen lässt. Darin steht, dass unserem Planeten eine Heißzeit bevorstehen könnte. Rückkopplungsprozesse könnten schon bei zwei Grad Erwärmung den Klimawandel derart verstärken, dass sich die Erde auch ohne weiteres menschliches Zutun auf lange Sicht um vier bis fünf Grad Celsius aufheizen und der Meeresspiegel um zehn bis 60 Meter ansteigen würde. Wie haben Sie es geschafft, dass dieses Paper, das viel Aufsehen erregt hat, genau an den heißesten Tagen dieses Extremsommers erschien?

Das war reiner Zufall. Das Veröffentlichungsdatum bestimmen die wissenschaftlichen Journale, und diese folgen nicht der Aktualität, sondern einer rätselhaften Binnenlogik. Es handelte sich bei unserer Veröffentlichung um eine sogenannte Metaanalyse, die Hunderte früherer Studien ausgewertet hat. Wir haben die Lage keineswegs abschließend bewertet, aber herausgefunden, dass sich am Horizont etwas ziemlich Verstörendes abzeichnet. Wir skizzieren dieses Ungeheure und fordern unsere Kollegen auf, dies näher zu erforschen.

Was ist das Verstörende?

Wir mussten feststellen, dass wir nicht notwendigerweise gerettet sind, wenn das Pariser Klimaabkommen greift und sich die Erde „nur“ um maximal zwei Grad erwärmt. Wir sagen nicht, dass die Welt bei zwei Grad Erwärmung oder etwas mehr untergeht. Aber wir können uns eben auch nicht ganz sicher sein, dass dies nicht geschieht, weil sogenannte Rückkopplungsprozesse den Planeten dann in eine „Heißzeit“ treiben könnten. Ich hoffe natürlich inbrünstig, dass wir bei dieser berühmten Zwei-Grad-Erwärmung immer noch auf der sicheren Seite sind. Aber jedes Zehntelgrad zählt wohl. Unsere Befunde deuten auf eine große, systemische Bedrohung hin – Punkt. Und wenn wir tatsächlich in eine solche Heißzeit hinaufgleiten würden, wäre das wahrscheinlich das Ende unserer Zivilisation.

Wie wahrscheinlich ist dieses allerschlimmste Szenario?

Meine Vermutung, meine Intuition, ist, dass es ein Risiko von vielleicht fünf Prozent gibt, dass dieses Szenario eintreffen könnte. Und fünf Prozent ist noch ziemlich viel, wenn es um die Zukunft der Menschheit geht. Was mich aber eher optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass Ereignisse wie die Hitzewelle dieses Sommers eben doch eine enorme Mobilisierungswirkung haben. Und die Publikation über die Heißzeit erzeugte in den Medien weltweit ein riesiges Echo. Das zeigt, dass inzwischen eine Grundsensibilität für das Thema entstanden ist. Wenn die Natur dann wieder ihre Muskeln spielen lässt, ist die Bereitschaft, etwas zu tun, relativ schnell zu wecken.

So wie jetzt erlebt man Sie auch oft im Fernsehen: Sie malen in ruhigem Ton die erschreckendsten Szenarien aus und enden dann doch mit einer optimistischen Note. Ist beides ehrlich?

Man betrügt sich manchmal selbst, aber ich glaube schon, dass ich ehrlich bin, in der Sorge wie in der Hoffnung. Auch wenn es scheinen mag, als sei dies nach dem Lehrbuch der Kommunikationswissenschaften konstruiert: erst den Leuten etwas zumuten, und ihnen dann eine Lösungsperspektive aufzeigen. Es gibt ja auch die These, dass Negativszenarien überhaupt nicht funktionieren, da würden die Leute abschalten. Aber wenn das Haus nun mal brennt, kann ich nicht sagen, Leute, entspannt euch. Bedrohungsszenarien können sehr wohl ein wichtiger Teil der Kommunikation sein – wenn sie forschungsbasiert sind. Dann sind die Menschen zu Recht kurzfristig schockiert, wie eben durch unsere Heißzeitstudie von Anfang August.

Aber eben nur: kurzfristig geschockt. Jetzt ist das Wetter wieder normal, und keiner spricht mehr vom Klimawandel.

Weil wir wie Pawlowsche Hunde immer auf das reagieren, was unmittelbare Affekte auslöst. Und Letzteres tut das Klima in diesen Wochen eben nicht mehr. Was mich aber am meisten quält: Lösungen für das Klimaproblem sind mit Händen zu greifen. Es gibt Dutzende Studien, die zeigen, dass eine komplette Umstellung auf Erneuerbare Energien bis zum Jahr 2040 oder 2045 weltweit möglich ist – wohlgemerkt ohne Konsumverzicht. Insbesondere die Photovoltaik entwickelt sich fantastisch; fast explosionsartig wächst die Kapazität und sinken die Kosten. Ich bin sicher, dass wir die Elektromobilität in zehn Jahren auf die meisten Straßen bringen könnten. Auch die Wasserstofftechnologie hat beste Aussichten. Ich bin gerade dabei, für die Europäische Kommission eine Analyse abzuschließen. Die zeigt: Wir in den Industrieländern könnten bis 2040 komplett aus der fossilen Wirtschaft aussteigen. Eigentlich sollte die Wahl doch kinderleicht fallen: Wir setzen immer noch auf eine sich erschöpfende, klimaschädliche Energiequelle, dabei haben wir eine unerschöpfliche, klimafreundliche, nämlich die Sonne. Aber Öl wird weitergepumpt, und Exxon will sogar in der Arktis bohren, weil da durch den Klimawandel praktischerweise das Meereis schmilzt. Das ist krank! Dabei wissen auch die Lobbyisten der einschlägigen Unternehmen, dass das Ganze zügig gegen die Wand fährt. Aber dann haben sie ihre Schäfchen vermutlich schon im Trockenen.

Sie sind auch wissenschaftlicher Berater der Bundesregierung. Was heißt das – berichten Sie Angela Merkel regelmäßig über den Stand der Klimaforschung?

Eine Zeit lang war es tatsächlich so, dass ich regelmäßig berichtet habe. Mit Grafiken und Zahlen; sie hat geduldig zugehört, und wir haben diskutiert. Jetzt bin ich schon längere Zeit nicht mehr offizieller Berater. Wir müssten aber mal wieder reden…

Scheint so. Von der „Klimakanzlerin“ ist ja nicht viel geblieben.

Ich bin überzeugt, wenn Frau Merkel so könnte, wie sie wollte, mit ihrer Partei und ihrem Koalitionspartner, dann würde mehr geschehen. Ich kann Ihnen nicht über die Gespräche mit ihr berichten, aber nehmen Sie das mal als meine Schlussfolgerung: Die Kanzlerin weiß, wo sie hin möchte, und das ist völlig im Einklang mit dem, was die Wissenschaft herausgefunden hat.

Warum kann sie nicht, wie sie will?

Sie haben ja selbst während der sogenannten Migrationskrise gesehen, wie schnell Szenarien entwickelt wurden, wie man Frau Merkel ersetzen könnte. Sie hat in Richtung Klimaschutz mehr getan als andere. Aber ich wiederhole, dass sie noch viel mehr bewegt hätte und bewegen würde, wenn Partei und Koalition dies unterstützten. Und diese Unterstützung erwächst schlussendlich aus einem gesellschaftlichen Mandat. Der Bürger muss sich auch mal an die eigene Nase fassen.

Aber das hat er doch schon: In jeder Umfrage kommt heraus, dass der Klimawandel den meisten Menschen große Sorgen bereitet. Sogar der Papst mahnt in seiner Umweltenzyklika den Klimaschutz an. Müssen die Menschen selbst handeln, ohne auf die Politik zu warten?

In der Tat hätte ich mir vor zehn Jahren nicht träumen lassen, dass in Sachen Klimaschutz wichtige Impulse aus dem Vatikan kommen würden. Das alles ist auch wunderbar dafür geeignet, das richtige Narrativ zu erzeugen. Aber am Ende des Tages liegt die Zukunftsverantwortung bei den gewählten Regierungen. Wir Wissenschaftler blättern gern auf, welche Möglichkeiten es gibt: Emissionshandel, CO2-Steuer, Subventionen für Erneuerbare Energien und so weiter. Manches davon wird dann sogar umgesetzt. Aber es gibt keine politische Gesamtstrategie, keine Vision, die skizziert, wie man nach und nach alle Wirtschaftssektoren dekarbonisiert. Die Wissenschaft kann auch dies durchaus vorzeichnen, aber wer übernimmt dann Verantwortung und Umsetzung? Und ich sehe schon gar nicht, wie 200 Nationalstaaten zu einem gemeinsamen Plan kommen wollen. Wir haben ein planetarisches Problem, aber wir haben keine planetarische Führung. Im Rückblick, wenn wir dann tatsächlich das Klima zugrunde gerichtet haben, wird man wohl sagen: dumm gelaufen.

All das klingt so, als hätten Sie in den letzten 26 Jahren nicht nur viel über das Klima begriffen, sondern auch über den Menschen.

Absolut. Ich glaube, ich habe sogar viel mehr über den und die Menschen gelernt. Wenn ich jetzt irgendwo neu beginnen dürfte, dann würde ich vermutlich ein Max-Planck-Institut für Transformationsforschung vorschlagen. Um zu fragen: Wie können solche hyperkomplexen Prozesse mit unzähligen Akteuren und Motiven verstanden und verantwortungsvoll gelenkt werden? Mit welchen Stimmungen, Geschichten, Informationen kann man die Menschen dazu bringen, endlich das Naheliegende zu tun? Vor allem das, was offensichtlich ihnen selbst gut tun würde. Denn die Menschen verstehen es perfekt, das zu tun, was ihnen Leid zufügt.