Schweißtreibend, sengend und tropisch waren die vergangenen Wochen in Deutschland. In Berlin schien für 725 Stunden die Sonne und in Brandenburg 732 Stunden. Das sind durchschnittlich etwa 60 Stunden mehr als in den Sommern davor, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) ausgerechnet hat. Mit dem September beginnt nun der meteorologische Herbst.

Als Jahrhundertereignis würde Kerstin Stahl diesen Sommer zwar nicht bezeichnen – außergewöhnlich war er aber. „Die Temperaturen waren in den vergangenen Wochen im Extrembereich“, sagt die Hydrologin von der Universität Freiburg. Und sehr trocken sei es auch gewesen. Anfangs eher im Norden Deutschlands, später im Süden und Osten.

„Die Trockenheit hat aber nicht erst in den Sommermonaten angefangen“, sagt Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Sondern bereits im November vergangenen Jahres. Anhand einer sogenannten Bodenkarte können die Forscher des UFZ die Entwicklung der Trokenheit über Monate verfolgen.

In der Karte enthalten sind Daten zur oberen Schicht des Bodens in ganz Deutschland mit einer durchschnittlichen Tiefe von 1,8 Meter. Aus den Wetterdaten eines Monats berechnen Andreas Marx und sein Team den Zustand des Bodens. Im Laufe des Mai, Juni, Juli und August sei er stetig ausgetrocknet.

Trockene Insel Berlin

Besonders in Süd- und Ostdeutschland gab es kaum Niederschlag. „Und Berlin war wie eine trockene Insel. Wir wissen nicht, warum es ausgerechnet dort kaum geregnet hat“, sagt Andreas Marx. Es war zeitweise so trocken, dass sich sogar schon die Blätter der Bäume verfärbt haben und abgefallen sind. Aber auch an anderer Stelle war die Trockenheit in Berlin zu spüren: durch die Hitze in Parks. Das sei ein typischer Effekt in Großstädten, wie Andreas Marx sagt: „Die Parks in den Städten sind normalerweise kühl. Denn Bäume verdunsten das Wasser, das sie über die Wurzeln aufnehmen.“ Diese Abkühlung sei schnell vorbei, wenn der Boden trocken ist. „Dann ist der Park nur eine dunkle Fläche, der die Sonnenstrahlen anzieht – und dadurch aufgeheizt wird.“ Aber nicht nur in Berlin waren die Böden trocken, auch in den östlichen Teilen Brandenburgs. „Dort gibt es viele sandige Böden. Sie können Wasser nicht gut speichern und trocknen schnell aus. Durch die warme Luft geht das sehr schnell“, erklärt Marx. „Würde es nun konstant zwei Wochen leicht regnen, würden sich Boden und Pflanzen gut erholen.“

Mitte August kam in Mitteldeutschland der Regen – aber nicht leicht und kontinuierlich sondern sehr viel in kurzer Zeit. Das führte in einigen Städten zu Überschwemmungen. „In zweieinhalb Tagen ist dort so viel Niederschlag gefallen wie durchschnittlich im ganzen Monat“, sagt Marx. Doch dieser starke Regenfall sei nicht außergewöhnlich gewesen, das passiere immer wieder mal.

Marx und sein Team haben kürzlich untersucht, wie schnell Regen in den Boden sickert. „Wenn der Untergrund stark ausgetrocknet ist, kann er den Niederschlag kaum aufnehmen“, sagt der Forscher. Der Boden sei wie eine Asphaltdecke – das Wasser sammle sich darauf und laufe einfach weg. „Nass werden die obersten ein bis zwei Zentimeter des Bodens, aber die trocknen dann schnell wieder aus.“ Sei der Boden etwas feucht, könne er das Wasser gut aufnehmen. Diesen Effekt kenne man vom heimischen Blumen gießen.

„Wenn aber kein Regen fällt, sieht man das als erstes an der Vegetation und der Landwirtschaft“, sagt Marx. Und je länger es trocken ist, desto gravierender sind die Folgen für Umwelt und Wirtschaft. Dafür muss es aber monatelang trocken sein – wie in diesem Jahr.

Die Erträge der Landwirtschaft seien geringer, denn die Pflanzen würden dann kaum wachsen, sagt Kerstin Stahl. Auch die Waldbrandgefahr in den vergangenen Wochen sei länger auf hoher oder höchster Stufe gewesen. So auch in Brandenburg, das im bundesweiten Vergleich eine besonders hohe Waldbrandgefahr hat. Grund dafür sind die sandigen Böden, die geringe Niederschlagsmenge und die großen Waldgebiete. Am Montag bewertete der DWD die Gefahr im Südosten Brandenburgs mit mittel bis hoch.

Auch an Gewässern war die Trockenheit der vergangenen Wochen deutlich zu sehen. „Auf der Elbe musste der Verkehr eingestellt werden, weil der Wasserstand so niedrig war“, sagt Kerstin Stahl. Aber auch Seen können durch das Wetter beeinflusst werden. „Wenn die Temperaturen in den Gewässern steigen, dann sinkt der Sauerstoffgehalt. Das kann sogar dazu führen, dass Seen umkippen“, sagt die Forscherin.

Die Hitze und die Trockenheit beeinträchtigen aber nicht nur die Wasserqualität – sondern auch die Versorgung. Denn das Wasser in den Quellen und Brunnen wurde ebenfalls weniger. Im schlimmsten Fall kann das dazu führen, dass zusätzliche Wasseraufbereitungsanlagen benötigt werden. „Die meisten Speicher sind derzeit unter dem saisonal typischen Wasserstand“, sagt Kerstin Stahl. Aber nach dem Jahr 2003, das noch trockener als 2015 war, wurde viel überarbeitet. Deshalb seien die Speicher gut vorbereitet.

Lang andauernder Wassermangel könnte aber auch die Energieversorgung beeinflussen: So benutzen thermale Kraftwerke Kühlwasser aus den Flüssen – es sei denn, das Wasser wird zu warm dafür. Deshalb mussten 2003 in Deutschland einige Atomkraftwerke in ihrer Produktion gedrosselt werden.

Extreme Ereignisse häufen sich

Das sind alles realistische Szenarien, die eingetreten sind oder eintreten können. Forscher vermuten, dass der Klimawandel hinter dem extremen Wetter der vergangenen Wochen steckt. „Dafür sprechen viele Hinweise, aber mit völliger Sicherheit kann man das nicht sagen“, sagt Stahl. „Die Auswirkungen des Klimawandels merken wir seit den 1980er-Jahren. Trockene Zeiten gab es auch schon davor: 1947 und 1976.“ Wichtiger sei die Frage, ob sich diese Ereignisse häufen werden. Modellrechnungen würden jedoch alle in diese Richtung gehen.

Ähnlich bewertet Andreas Marx vom Leipziger UFZ die vorliegenden Daten. „Wenn wir uns die Daten der vergangenen 50 Jahre ansehen ist ersichtlich, dass sich die extremen Ereignisse häufen.“ Spitzenwerte würden öfter erreicht – wie am heißesten Tag dieses Jahres mit 40,3 Grad Celsius. Zudem sei es in den vergangenen zehn Jahren jedes zweite Frühjahr zu trocken gewesen. Das sei aber genau die Zeit, in der die Saat Wasser braucht. So auch im vergangenen Jahr. „Dann hat es im Mai aber so viel geregnet, dass die Pflanzen gut wachsen konnten. Die Ernteerträge waren sogar auf einem Rekordhoch“, sagt Marx.

Wie das Sommerwetter künftig wird, können die Forscher nur vermuten. „Deutschland hat eine besondere geografische Lage in Europa: im Übergangsbereich“, sagt Marx. Im Süden Europas werde es definitiv trockener und im Norden feuchter. Für Deutschland gebe je nach Klimamodell unterscheidliche Prognosen. Die Temperaturen in Europa werden aber generell steigen. Marx: „Man muss davon ausgehen, dass im Sommer weniger Wasser zur Verfügung stehen wird – in extremen Situationen sogar bis zu 40 Prozent.“