Beruhigen kann sie wohl kaum: die Diskussion um eine Atempause beim Klimawandel. Denn obwohl sich die Atmosphäre seit 10 bis 15 Jahren nicht erwärmt, nehmen extreme Wetterereignisse zu. Darin sind sich Meteorologen und Klimawissenschaftler auf dem achten Extremwetterkongress weitgehend einig, der noch bis Freitag in Hamburg stattfindet. Mit rund 3 000 Teilnehmern ist der Kongress nach Auskunft des Ausrichters – dem Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation – die größte Veranstaltung dieser Art in Deutschland.

Trog über Zentraleuropa

Vor allem Hochwasserereignisse sind in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten häufiger und heftiger geworden. Die Überschwemmungen in diesem Frühjahr verursachten Schäden in Höhe von neun Milliarden Euro und sind damit laut Deutschlands größter Rückversicherungsgesellschaft, der Munich Re, die zweitteuerste Naturkatastrophe in der Geschichte Deutschlands.

Verursacht wurden sie durch eine Großwetterlage, die als „Trog über Zentraleuropa“ bezeichnet wird und immer häufiger auftritt. Dabei nehmen Tiefdruckgebiete über dem nördlichen Mittelmeer enorme Mengen an Feuchtigkeit auf, die sie später als Regen etwa über dem Süden und Osten Deutschlands wieder abgeben.

„Solche Extremwetterereignisse haben zugenommen und sie werden weiter zunehmen“, prognostiziert der Klimaforscher Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Zwar habe sich die Temperatur in der Atmosphäre seit einigen Jahren nicht erhöht. „Diese Phase kann auch noch für weitere Jahre anhalten.“ Dennoch lägen die Temperaturen über dem langjährigen Mittel. Das befördere extreme Wetterereignisse.

Das betrifft nicht nur Deutschland und Europa, sondern vor allem auch ärmere Regionen dieser Welt. Dort sind die Folgen noch verheerender. „Bei uns sind die Konsequenzen schlimm, doch meist kommt niemand ums Leben. In Schwellenländern sterben dagegen Tausende bei Überschwemmungen“, sagt Latif. In Brasilien oder China wisse man um die Problematik. Doch finanzielle Ressourcen seien knapp. Und es fehle an Vorbildern in Europa und den USA. Umwelttechnologien müssten hier konsequenter umgesetzt werden.

Auch dürfe man nach den Überschwemmungen nicht wieder alles so aufbauen, wie es vorher war, sagt der Kieler Klimaforscher mit Blick auf die Flut an der Elbe. „Die nächsten Überschwemmungen werden kommen.“ In den betroffenen Städten müsse man überlegen, vielleicht nicht mehr am Wasser zu siedeln. Für sich ausdehnende und verdichtende Städte ist das allerdings keine Lösung. Hier muss man in den Flutschutz, in höhere Deiche investieren.

Ablaufflächen für das eindringende Wasser stehen meist nicht zur Verfügung. Deshalb sollten Städte mit den ländlichen Kommunen am Oberlauf des Flusses ein gemeinsames Hochwasserkonzept aufstellen, rät Latif. „Es geht um Renaturierung sowie Schaffung und Bewahrung von Überlaufflächen.“ Die Stadtplaner stellen sich aber zu wenig auf den Klimawandel in den Städten ein. „Was früher als Jahrhunderthochwasser angesehen wurde, ist heute vielleicht ein Ereignis, das einmal im Jahrzehnt vorkommt“, warnt Latif.

Für die Städte ist neben den Fluten die Hitze ein großes Problem. Das gilt vor allem für die wuchernden Megacities in den Schwellenländern. Steigender Verkehr, fehlendes Grün und enge Bebauung setzen die Menschen dort unter Stress, der umso größer wird, je heißer und trockener das Klima ist.

Denn unter Sonneneinstrahlung entsteht in den Straßenschluchten aus Industrie- und Straßenabgasen das aggressive Gas Ozon. Außerdem gibt es in den Megacities wegen fehlender Reinigungstechniken und unkontrolliertem Hausbrand – von Holz und Abfällen zur privaten Energieversorgung – eine Vielzahl von Quellen für Stick- und Schwefeloxide, die die Atemwege belasten.

„Die Städte sind besonders verwundbar – mehr als das Land“, sagt Guy Brasseur, Direktor des Climate Service Centers aus Hamburg. Das gelte besonders, wenn Hitzewellen zunehmen. In Europa wirken sich diese besonders auf Städte aus, die ursprünglich in gemäßigten Breiten gebaut wurden. Die Bausubstanz ist nicht darauf eingestellt. „Das ist ein Grund, warum bei der großen Hitze 2003 in Frankreich Zehntausende Menschen gestorben sind.“ Während Spanien und Italien ebenfalls unter hohen Temperaturen litten, fielen der Hitze dort weit weniger Menschen zum Opfer.

Wind muss zirkulieren können

„Die Städte in Südeuropa sind meist anders gebaut und strukturiert. Die Häuser haben dickere Wände, das Gassen- und Straßennetz bietet Möglichkeiten zur Windzirkulation.“ Weiß bemalte Häuserfassaden verhindern, dass sich Wände massiv aufheizen. „In Paris aber gab und gibt es keine Architektur, die auf Hitze Rücksicht nimmt“, sagt Brasseur. Das gleiche gilt für deutsche Städte. Deshalb muss gerade bei der Anlage von Straßen auf die Windzirkulation geachtet werden.

Stürmt der Wind durch Straßenschluchten, kann er nicht ausreichend kühlen. Doch obwohl auch in Deutschland die Probleme durch den Klimawandel und den Zuzug in die Metropolen wachsen, sind Anpassungsmaßnahmen noch selten. „Stadtplaner und Architekten beginnen erst langsam, sich dem Thema zuzuwenden“, so Brasseur. Die Städte werden aber trotz der Klimapause nicht mehr viel Zeit dafür haben.