Man glaubt gar nicht, wie riesig diese Insel ist. Die meisten Erdbewohner haben von dem weißen Fleck im Norden der Weltkarte nur eine ungefähre Vorstellung. Gut zwei Millionen Quadratkilometer – das ist etwa sechs Mal so groß wie Deutschland. Fast ein eigener Kontinent. Für die meisten Menschen verbindet sich der Name Grönland bisher mit Begriffen wie Gletscher, Schlittenhunde, Robben- und Walfang. Von hier brach einst der Eisberg ab, der die „Titanic“ versenkte.

Dabei ist Grönland gerade dabei, sein Image völlig zu verändern. Das Land, dessen Exportschlager bisher vor allem Fische und Garnelen sind, könnte in den nächsten Jahren zu einer der reichsten, bedeutendsten Regionen der Welt werden. Ursache dafür ist der Klimawandel, der das Leben der 56 500 Grönländer auf den Kopf stellt und zugleich ungeheure Schätze vom Eise befreit. Sie werden plötzlich zugänglich: Öl, Uran, Zink, Eisenerz, Gold, Silber, Kupfer, Nickel, Platin, Kohle oder Seltene Erden. Ja, sogar Diamanten.

Blickt man aus dem Weltall auf die Insel, sieht man eine mehr als 2 000 Kilometer lange weiße Fläche mit malerisch verästelten Gebilden an den Rändern: riesige Gletscherströme und Fjorde. Doch man erkennt auch eisfreie, felsige, teils bewachsene Zonen, durchzogen von blauen Flüssen. Diese Zonen werden immer größer. Der Name „Grünland“, den die Wikinger der Insel einst gaben, könnte in nicht allzu ferner Zukunft ihren Zustand genau beschreiben.

Der Name entstand in der Warmzeit vor etwa tausend Jahren. Damals konnte man an der südwestlichen Küste Grönlands Ackerbau betreiben und Vieh halten. Mit dem Beginn der Kleinen Eiszeit um 1300 endete diese Periode. Die Gletscher rückten vor. Grönland wurde zur Heimat der Inuit, die von Alaska über das Eis kamen. Sie waren ideal an die eisigen Temperaturen angepasst, lebten als Fischer, jagten Wale und Robben, deren Felle sie verkauften.

Seit einigen Jahren beobachten Forscher wieder einen dramatischen Rückgang des Eises. Erst im August 2014 registrierte das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven einen neuen Rekord: Seit 2009 habe sich der jährliche Eisverlust in Grönland verdoppelt. Pro Jahr schmelze eine Menge, die einem 600 Meter hohen Eisblock mit der Grundfläche Hamburgs entspreche. Und Mitte Januar berichteten US-Forscher über eine unheimliche Beobachtung: Neu entdeckte Krater deuten auf riesige Schmelzwasser-Seen im Innern des grönländischen Eisschilds hin, die das Eis weiter aushöhlen.

Die Grönländer erleben den Wandel hautnah. Fjorde frieren nicht mehr zu, die man noch vor zehn Jahren im Winter bequem mit dem Schlitten durchqueren konnte. „Manchmal sind wir tagelang unterwegs, ohne eine einzige Robbe zu erlegen“, sagte ein Robbenjäger, den ein Filmteam auf seiner Jagd begleitete. Das Eis wird dünn und weich. Man sieht Schlittenhunde, die vor einem Spalt zurückweichen, nicht mehr weiterkönnen. Auch mit dem Boot fahren die Jäger lange, bevor sie auf Robben stoßen. Diese folgen den Fischen, die wegen der steigenden Temperaturen mittlerweile woanders laichen. Die Eisbären wiederum finden keine Fische und Robben mehr und brechen dafür in Dörfer ein, um Futter zu finden.

Der Tourismus boomt

Alle sind betroffen. Viele Jäger und Fischer leben längst von der Sozialhilfe. Nicht wenige erliegen dem Alkohol. Manche haben Arbeit in der neu aufblühenden Landwirtschaft gefunden. Was bisher importiert werden musste und zum Teil bei den Inuit gar nicht bekannt war, wächst inzwischen auf Äckern, in Gärten und in Treibhäusern: Kartoffeln, Tomaten, Gurken, Brokkoli, Erdbeeren. Auch die Forstwirtschaft entwickelt sich. Ein erster Versuchswald schießt in die Höhe. Die Tourismusbranche boomt. Temperaturen um die 30 Grad sind im Sommer keine Seltenheit mehr.

Vor allem grönländische Politiker und Unternehmen setzen auf freiwerdende Ressourcen. Die Insel ist zum Beispiel der größte Süßwasserspeicher der Welt. Nahe der Hauptstadt Nuuk hat ein Unternehmer bereits eine Fabrik zum Abfüllen schmelzenden Gletscherwassers bauen lassen. Er setzt darauf, dass Wasser weltweit ein immer knapperes Gut wird. Die meisten Begehrlichkeiten allerdings richten sich auf Ressourcen, die unter der Erde liegen.

Allein im Süden Grönlands lagern 6,5 Millionen Tonnen an Seltenen Erden: Das sind wertvolle Metalle wie Lanthan, Neodym oder Yttrium, die in der Hightech-Industrie gebraucht werden, um Handys, LED-Leuchten oder leistungsstarke Batterien herzustellen. Die grönländischen Vorkommen reichen aus, um die Welt ein Vierteljahrhundert lang mit Seltenen Erden zu versorgen. Grönland könnte China überflügeln, das bisher der weltweit größte Lieferant Seltener Erden ist.

Die Grönländer sind fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass die Schätze der Insel ihnen selbst zugutekommen. Erst im Sommer 2009 feierten sie die weitgehende Unabhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark. Jetzt endlich können sie über ihre Belange selbst entscheiden, bis auf die Außen- und Sicherheitspolitik. Ein grönländischer Politiker verglich sein Land bereits mit Dubai, das dank des Öls von einer kleinen Fischernation zu einem der reichsten Ländern der Erde aufgestiegen sei.

In diese Vorstellung haben sich nicht wenige Grönländer verliebt. Im Jahre 2013 kippte das Parlament mit hauchdünner Mehrheit das Förderverbot für Uran und Seltene Erden. An der Küste betreiben Firmen bereits Probebohrungen nach Öl. Immer mehr Lizenzen zur Erschließung werden verkauft. Ein britisches Unternehmen erhielt jüngst die erste umfangreiche Bergbaulizenz, um 150 Kilometer von der Hauptstadt Nuuk entfernt Eisenerz abzubauen – übrigens mit Tausenden chinesischen Arbeitern. Wie die britische Firma mitteilte, könnte Grönland allein aus den Unternehmens- und Kapitalertragssteuern etwa 3,8 Milliarden Euro gewinnen.

Grönländer am Scheideweg

Die Grönländer befinden sich in einer der kritischsten Phasen ihrer Geschichte. Um die Schätze ihrer Insel zu heben, müssen sie reiche, gut ausgerüstete Unternehmen ins Land lassen. Zugleich gilt es zu verhindern, dass Grönlands Boden von ausländischen Investoren ausgeweidet wird und die Natur, das traditionelle Leben der Inuit dabei völlig auf der Strecke bleiben. Doch gerade viele ehemalige Jäger und Fischer greifen nach jeder Chance, wieder Arbeit zu bekommen.

Schmilzt ihnen doch bereits seit Jahren die Lebensgrundlage unter den Füßen weg. Sie hoffen unter anderem darauf, in einem großen Aluminiumwerk arbeiten zu können, das am Ort einer ehemaligen kleinen Walfangstation entstehen soll. Aluminium ist ein begehrter Rohstoff für die Auto- oder Getränkeindustrie. Doch die Produktion ist auch besonders energieaufwendig und umweltschädlich.

Klimaschützer warnen bereits davor, dass Grönland mit den neuen Industrieprojekten seinen Ausstoß an Kohlendioxid in den nächsten Jahren verfünfzehnfachen könnte, von heute 650.000 auf zehn Millionen Tonnen pro Jahr. Doch einer der ehemaligen Robbenjäger sagte, was wohl mancher Grönländer denkt: „Bisher haben doch immer die Industrieländer die Umwelt ausgebeutet und verschmutzt. Jetzt sind wir mal dran.“

Zugleich blicken viele Grönländer mit Sorge auf das Abschmelzen ihres Eisschildes. Die Gegner einer forcierten Industrialisierung setzen auf eine grüne, umweltschonende Entwicklung und den Ausbau des Tourismus für Naturbegeisterte. Andere wiederum hoffen geradezu auf ein schnelles Abtauen, werden doch dadurch weitere Bodenschätze frei. Eine nachvollziehbare, aber fatale Haltung.

Der amerikanische Klimaforscher Gordon Hamilton errechnete, dass der Meeresspiegel auf der Erde um etwa sieben Meter stiege, wenn das gesamte grönländische Eis schmelze. So schlimm wird es vielleicht nicht kommen. Doch bereits jetzt fließt zunehmend grönländisches Süßwasser in den Ozean und trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei – um 0,57 Millimeter pro Jahr. Zugleich reduziert das Süßwasser den Salzgehalt der Ozeane, mit weiteren Folgen für das weltweite Klima.

Mancher wendet allerdings auch ein, dass das Abschmelzen nicht unbedingt die Folge des Klimawandels sein muss. Vielleicht beginnt auch einfach eine neue Warmzeit? Immerhin fanden Forscher in Bohrkernen unter dem mehr als 2 000 Meter dicken Eis die Spuren einstiger üppiger Vegetation. Vor etwa 120.000 Jahren – zur Zeit der Neandertaler – wuchsen auf Südgrönland Kiefern, Eiben und Erlen. Schmetterlinge flatterten umher. Der Wasserspiegel der Ozeane lag allerdings auch um viele Meter höher als heute.