Warum kann ein Schwein nicht Fahrradfahren? lautet eine alte Scherzfrage. Die Antwort: Weil es keinen Daumen hat – zum Klingeln!

Bis auf solche Scherze führt der Daumen im alltäglichen Leben ein eher unscheinbares Dasein. Er gilt als eher dick und dumm. „Über den Daumen gepeilt“ oder „Pi mal Daumen“ meint etwas grob Geschätztes. Und wohl nicht ohne Grund ist das englische „thumb“ (Daumen) verwandt mit dem alten deutschen Wort „tumb“: dumm, blöd, töricht, naiv.

Allerdings macht dieser kleine Körperteil zurzeit eine ungeahnte evolutionäre Karriere durch. Vor zehn Jahren fiel das britischen Forschern zum ersten Mal auf. Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Cyberkultur der Universität in Warwick hatten die Finger von mehr als hundert Menschen in neun Weltstädten untersucht und dabei entdeckt, dass jüngere Leute viel kräftigere und geschicktere Daumen hatten als ältere.

Hirnforschung am Daumen intereessiert

Als Grund dafür sahen die Forscher den intensiven Umgang mit Handys und Gameboys. Während ältere Leute oft noch mit mehreren Fingern auf Buchstaben und Zeichen tippen, geht das  bei  jungen – zack, zack, zack – mit dem Daumen. In der Folge wächst dessen Muskelmasse. Und seine Geschicklichkeit – und zwar überproportional zu der anderer Finger.

Etwas Verblüffendes hat jetzt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther registriert: Die Hirnforschung konnte nachweisen, dass im Hirn Jugendlicher die „Daumen-Steuerungsregion“ im motorischen Kortex immer größer, ausgeprägter, effizienter wird. „Das heißt, dort sind inzwischen feinere, dichtere, auch immer zuverlässigere Vernetzungen entstanden, die schnelle Daumenbewegungen zulassen, wie man sie braucht, wenn man zum Beispiel den ganzen Tag mit größter Begeisterung SMS-Botschaften von seinem Handy verschickt“, schreibt Hüther.

Die steile Karriere des Daumens geht einher mit der Verkümmerung anderer Körperteile und -funktionen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer zum Beispiel schreibt in seinem Buch „Digitale Demenz“ über die Rolle des „Lernens durch Begreifen“. Fingerspiele, seit Jahrhunderten mit Kindern geübt, dienen offenbar nicht nur zum Vertreiben der Langeweile. Sie legen Spuren im Gehirn. So lernen in fast allen Kulturen Kinder das Zählen mit den Fingern.

Schreibt ein Kind Buchstaben mit einem Stift auf Papier, dann erlernt es diese besser, als wenn es sie auf einer Tastatur tippt. Das ist sogar im Hirnscan nachweisbar. Das Formen von Buchstaben mit einem Stift legt offenbar motorische Gedächtnisspuren an.

Nichts gegen Digitalisierung. Nicht gegen Handys. Aber es ist schon ein wenig traurig, dass sich die menschliche Hand über Jahrmillionen entwickelte und verfeinerte – und jetzt davon nur noch ein kleiner, dicker, flinker Daumen übrig bleiben soll.