So froh wie die Leute bei Netzpolitik.org ist wahrscheinlich schon lange niemand mehr gewesen, der ins Visier der deutschen Justiz geraten ist. Bald nach Bekanntwerden der Nachricht über Ermittlungen des Generalbundesanwalts wegen angeblichen Landesverrats twitterten Chefredakteur Markus Beckedahl und Mitarbeiter André Meister ein Foto von sich unter der Überschrift „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“. Ein weiterer Tweet lautete: „Meine Mutter hat gerade gelesen, dass mir lebenslange Haft droht. Kann man sich nicht ausdenken.“ Der Tweet wurde tausendfach favorisiert und retweetet, also weiter verbreitet.

Überhaupt Landesverrat! Das ist für einen Blog kritischer Online-Journalisten der Ritterschlag und katapultiert ihn schlagartig in die Liga jenes Magazins, das die von Onlinern verächtlich „Holzmedien“ genannten Printerzeugnisse jahrzehntelang dominierte: den Spiegel.

Zwar sind Beckedahl und Meister mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bedroht. Doch niemand rechnet damit, dass es zu einer Verurteilung kommt – zumal die Ermittlungen nun zunächst ruhen. Der Imagegewinn in den einschlägigen Kreisen ist hingegen längst gesichert. Man erkennt dies am besten daran, dass sich das Recherchebüro Correctiv flugs selbst anzeigte.

Beglückte Betroffene

Beckedahl ist von beiden seit jeher der größere Name. Er hat Netzpolitik.org gegründet und die Konferenz re:publica, ein jährliches Treffen zu Weblogs, sozialen Medien und der digitalen Gesellschaft, initiiert. Die Plattform für digitale Freiheitsrechte bekam 2014 den Grimme-Online-Award. Der 38-Jährige ist nicht nur ein Technik-Freak, sondern auch ein politisch wacher Kopf. Die Spezialität der fünfköpfigen Mannschaft von Netzpolitik.org besteht darin, Originaldokumente zu publizieren, vorzugsweise aus dem Bereich der Geheimdienste, was diese bloßstellt und erzürnt.

André Meister ist weniger bekannt, fällt aber durchaus auf: Im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages beispielsweise sitzt der 30-Jährige stundenlang mit einem Laptop auf den Knien auf der Zuschauertribüne und protokolliert die Sitzungen. Dabei sieht man seine Finger über die Tasten fliegen, zuweilen beobachtet von Sicherheitsbeamten. So wie Sascha Lobo den roten Irokesen-Kamm zum Markenzeichen erhoben hat, entschied sich Meister unlängst für einen roten Hut. Optische Wiedererkennbarkeit ist augenscheinlich ein hohes Gut in der Szene.

„Es ist seltsam, dass der Staat gegen einen ermittelt, weil man sich für Grundrechte einsetzt“, ließ sich der Chef von Netzpolitik.org zitieren. So überrascht dürfte er kaum sein. Eher beglückt.