BerlinElle Langer ist Gründungsmitglied des Virtual -Reality-Vereins Berlin Brandenburg und Geschäftsführerin der Berliner Agentur Pimento. Für Aufsehen sorgte sie zuletzt mit dem VR-Projekt „Zeitreise 1945 – Virtueller Rundgang durch Frankfurt am Main“.

Berliner Zeitung: Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten für VR in der Zeit von Social Distancing ein?

Elle Langer: Die Erfolgsaussichten sind groß. Denn wir können uns in Echtzeit in virtuellen –also künstlichen – Räumen treffen, in denen wir wirklich körperlich vollständig anwesend sind. Das ist viel realer als bei den gerade üblichen Videokonferenzen.

Was heißt das konkret?

Vor einigen Wochen durfte ich in einer virtuellen Umgebung einen Vortrag über Immersives Storytelling halten, vor Medizinern, die seit Jahren mit AR und VR arbeiten. Ich habe mich mit einem Journalisten der „New York Times“ und Medizinern unterhalten - als Avatare. Die erstaunliche Rückmeldungen der Beteiligten war: Wir hatten das Gefühl, echt dabei gewesen zu sein. Wir erlebten ein sogenanntes Präsenzerlebnis, obwohl wir alle zu Hause auf unseren Bürostühlen saßen. Klingt verrückt – aber genau das Erlebnis wird langfristig unsere Kommunikationsformen verändern. Und da geht noch mehr …

… was denn?

Das Fernweh hört nicht auf, nur weil es Reisebeschränkungen gibt. In einer 360-Grad-Doku kann jeder eine virtuelle Reise zu besonderen Orten erleben. Auch wenn wir wissen, das ist nicht real, gaukelt unser Gehirn uns vor, dass wir tatsächlich an diesem Ort sind. Ganz ehrlich: Es tut einfach gut, mal am Strand zu stehen, wann und wo ich es will.

Einen Hype um VR gab es schon vor Jahren. Was muss besser werden, damit VR endlich bei der breiten Bevölkerung ankommt?

Mehr relevante Angebote für alle Bereiche, die Preise der Brillen und Smartphones und für die Inhalte müssen sinken. Vor allem aber brauchen wir technische Standards, damit alle Macher und auch Konsumenten einen einfachen Zugang haben. Daran wird intensiv gearbeitet – international. Wir sprechen schließlich über eine neue Medientechnologie, vergleichbar mit dem Internet Mitte der 1990er-Jahre. Überlegen Sie mal, was in diesen Bereichen inzwischen passiert ist.

Über Augmented Reality haben wir noch nicht gesprochen. Was bietet diese Technologie für Möglichkeiten?

AR wurde mit Pokémon Go populär. Künftig kann man mit Hilfe der AR-Kamera Hinweisschilder im Ausland direkt übersetzen. Man verpasst also keinen Flieger oder Bus mehr, weil man die Schriftzeichen nicht lesen kann. Wir bei pimento formate entwickeln zum Beispiel gerade die Social-AR-Plattform „Future Leaf“, um die Klimakompetenz junger Verbraucher zu stärken.

Welche Rolle hat Berlin bei der Entwicklung?

China und die USA sind mal wieder Marktführer. Wie andere Bundesländer auch haben Berlin und Brandenburg Hunderte von Unternehmen und Start-ups, die in den Bereichen Hardware, Software bis Content arbeiten. Eine Besonderheit ist zum Beispiel das Volucap-Studio in Babelsberg. Hier werden gerade erste begehbare Kinofilme und Musikvideos produziert. Das heißt, Schauspieler und Musiker werden volumetrisch gescannt und können an jedem Ort und in jeden Film integriert werden. Irgendwann wird es dann so sein, dass jeder Mensch sich an jeden möglichen Ort der Welt teleportieren kann. „Star Trek“ lässt grüßen.

Das Interview führte Jörg Hunke