Tina C., 53, ist seit elf Wochen arbeitsunfähig. Ihre Depressionen sind zurückgekommen. Als sie 28 war, diagnostizierte ein Psychiater bei ihr eine wiederkehrende depressive Störung. Seitdem ging es auf und ab. In schlimmen Zeiten war die Leipzigerin stationär in der Psychiatrie, in guten hat sie in ihrem Beruf als Verkäuferin gearbeitet. Jetzt steht der Wiedereinstieg in den Job an: Zunächst soll sie drei Stunden am Tag arbeiten, nach zwei Wochen auf sechs Stunden erhöhen. Es wird ihr schwerfallen, sich morgens auf den Weg zur Arbeit machen. Das kennt sie schon von früheren Krankheitsepisoden. Aber es ist ihr auch wichtig, wieder ins normale Leben zurückzukehren.

Die Geschichte von Tina C. ist einer von vier Fällen, die in dem neuen Teilhabekompass der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) kurz beschrieben sind – alle mit geänderten Namen der Betroffenen. Die am Mittwoch auf dem Kongress der Fachgesellschaft in Berlin vorgestellte Broschüre, von der es auch eine Onlineversion gibt, soll Ärzten und Therapeuten als Orientierungshilfe dienen, wenn es darum geht, Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Damit ist der reguläre, wettbewerbsorientierte Arbeitsmarkt gemeint.

Wertschätzung ist wichtig

Stress, Burn-out, Angstzustände – heutzutage wird viel darüber diskutiert, dass das moderne Arbeitsleben Menschen krankmacht. Das kann zutreffen, sagt Katarina Stengler, Leiterin der Psychiatrischen Institutsambulanz am Universitätsklinikum Leipzig. Schließlich hätten sich die Bedingungen stark verändert. „Von Arbeitnehmern wird heutzutage hohe Flexibilität erwartet, Zeitdruck und Anforderungen sind für viele Menschen größer geworden. All das wirkt auf die Psyche“, sagt die Expertin.

„Grundsätzlich ist Arbeit aber gesundheitsförderlich“, sagt die Psychiaterin. Einen festen Job zu haben, lasse Menschen Effizienz, Anerkennung und Wertschätzung erleben und unterstütze den Austausch mit anderen. Stengler und ihren Fachkollegen ist daher sehr daran gelegen, dass psychisch Kranke so rasch wie möglich wieder ins Berufsleben integriert werden. Doch daran hapert es hierzulande. „Insbesondere Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind heute in Deutschland überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen“, sagt Stengler. Dabei würde sich eine regelmäßige Berufstätigkeit positiv auf den Krankheitsverlauf und die Lebenszufriedenheit auswirken.

„Wir haben festgestellt, dass die Angebote zur beruflichen Rehabilitation nicht ausreichend bei den Betroffenen ankommen. Das System ist ausgesprochen kompliziert und unübersichtlich“, bemängelt auch die Kongresspräsidentin Iris Hauth vom Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee. Das liege insbesondere daran, dass das Rehabilitationssystem auf unterschiedlichen Sozialgesetzbüchern basiert und stark zergliedert sei. „Vor allem an der Schnittstelle zwischen Akutbehandlung und Rehabilitation fehlen einfach umsetzbare Möglichkeiten“, sagt Hauth. „Die Wiedereingliederung in die soziale Gemeinschaft ist nicht effizient genug.“

Um den Übergang von der Akutbehandlung in die Rehabilitation zu verbessern, hat ein Team um Katarina Stengler den Teilhabekompass erstellt. „Er ist vor allem für Hausärzte und andere niedergelassene Ärzte und Therapeuten gedacht. Er soll eine rasche Übersicht über klassische Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation bieten, aber auch über Modell- und Forschungsprojekte“, sagt die Leipziger Expertin, die bei der DGPPN das Referat Rehabilitation und Teilhabe leitet.

Dass der frühzeitige Wiedereinstieg in den Job wichtig ist und sogar therapeutischen Wert hat, haben Studien aus anderen Ländern gezeigt, vor allem aus dem angloamerikanischen Raum. Dort erfolgt die Rehabilitation psychisch Kranker für gewöhnlich nach dem Prinzip „First place, then train“, auch „Supported Employment“ (unterstützte Beschäftigung) genannt. Bei diesem Modell hat der Wiedereinstieg in den Beruf Priorität und ist mit der Behandlung eng verzahnt.

„Der Patient wird von einem Job-Coach begleitet, der den Kontakt zum Arbeitgeber herstellt, die Bedingungen abspricht und oft auch den Weg zur Arbeit gemeinsam mit dem Klienten macht“, erläutert Stengler. Über den Job-Coach erhält der behandelnde Arzt oder Therapeut zugleich wichtige Informationen. „Probleme, die vormittags im beruflichen Umfeld zutage treten, können nachmittags in der therapeutischen Sitzung besprochen werden“, sagt Stengler.

Der Normalfall hierzulande ist ein anderer. „Behandlung und Rehabilitation/berufliche Wiedereingliederung sind in Deutschland getrennte Sektoren“, sagt Stengler. Denn es wird das Prinzip „First train, then place“ verfolgt – die Patienten sollen zunächst fit gemacht werden für die Arbeitswelt und dann in den Beruf. „Das führt im schlechtesten Fall dazu, dass viel Zeit mit Rehabilitationsmaßnahmen fern vom Alltag vergeht. So verlieren die Betroffenen die Kompetenzen, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen “, sagt die Leipziger Expertin. Vergleichende internationale Studien hätten gezeigt, dass das Prinzip der unterstützten Beschäftigung mehr Menschen wieder ihren Beruf ausüben lässt und nachhaltiger wirkt.

Hierzulande dagegen sind Arbeitnehmer zunehmend aufgrund von psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig und frühberentet. „Besonders dramatisch ist, dass die Zahlen vor allem bei Menschen, die um 40 Jahre und jünger sind, stark ansteigen“, sagt Stengler. Sie und viele ihrer Fachkollegen sehen daher Handlungsbedarf.

Neues Gesetz steht an

„Einen Anfang macht das Bundesteilhabegesetz, das vom nächsten Jahr an die Unterstützung für behinderte Menschen neu regelt“, sagt die Psychiaterin. Es sehe vor, finanzielle Mittel zum Beispiel für Arbeitsassistenz zur Verfügung zu stellen. Ansonsten sind Ärzte und Patienten, die hierzulande neue Wege beschreiten wollen, einstweilen auf Modellprojekte angewiesen, die das Prinzip der unterstützten Beschäftigung erproben.

Dass psychische Krankheiten im Grunde alle angehen, zeigen die neuesten Zahlen, die das Berliner Robert-Koch-Institut erhoben hat: Demnach kann auf bis zu 40 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens eine psychische Erkrankung zukommen – ob Angststörung, Demenz, Depression, Sucht oder Schizophrenie. Vor allem sogenannte affektive Störungen wie Depressionen sind häufig: „Jede vierte Frau und jeder achte Mann läuft Gefahr, eine Depression zu bekommen“, sagt Katarina Stengler.

Depressionen und Angststörungen sind ihrer Erfahrung nach die häufigsten psychischen Leiden, die auch durch ungünstige Bedingungen am Arbeitsplatz mitbedingt sein können. Die Psychiaterin rät dazu, erste Anzeichen wie Gereiztheit und Unlust ernst zu nehmen. „Wenn einem Dinge, die sonst routiniert von der Hand gingen, plötzlich schwerfallen, sollte man zunächst unbedingt mit einer Person darüber reden, der man vertraut“, sagt sie. Der nächste Schritt sei, sich professionelle Hilfe zu suchen, etwa beim Hausarzt oder in einem Gespräch mit einem Psychologen. Stengler: „Wenn man früh gegensteuert, können auch schon Stress- und Zeitmanagement sowie Entspannungsverfahren einer manifesten psychischen Erkrankung entgegenwirken.“