Einst war er das erste deutsche Großklinikum und wurde sogar als „modernster Krankenhausbau Europas“ gefeiert. Jetzt begeht er seinen 50. Geburtstag: der Campus Benjamin Franklin, gelegen im Südwesten Berlins, zwischen Hindenburgdamm und Teltowkanal. Er gehört heute zur Charité und hat im Laufe seiner Zeit mehrfach den Namen gewechselt, was bereits auf seine wechselhafte Geschichte hindeutet.

Als der Gebäudekomplex im Herbst 1968 eröffnet wurde, hieß er Klinikum Steglitz und war eine Neugründung aus der Not heraus. Denn nach der politischen Spaltung Berlins mit ihrem vorläufigen Höhepunkt, der Blockade des Westteils der Stadt durch die Sowjets, wurde 1948 in Dahlem die Freie Universität (FU) Berlin gegründet. Dies geschah mit Unterstützung der Amerikaner – als Gegengründung zur von der SED beherrschten Humboldt-Universität im Osten der Stadt. Zu ihrem Gründungsjahrgang gehörten auch viele Medizinstudenten.

Willy Brandt warb für neues Klinikum

Doch gerade die angehenden Mediziner spürten bald einen großen Mangel. Denn die Charité, die Universitätsklinik Berlins, lag im Osten der Stadt und gehörte zur Humboldt-Universität. Die FU-Medizinstudenten erhielten ihre Ausbildung im Klinikum Westend, das viel zu klein war. Auch fehlten in West-Berlin Krankenhausbetten.

Aus diesem Grund warb Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister, 1958 auf einer Reise nach Washington für den Bau eines neuen großen Klinikums im Südwesten Berlins – „als weiteren Beweis des amerikanischen Interesses an der Zukunft der Stadt“. Die US-Amerikaner gaben grünes Licht, allerdings mit Vorgaben, die man sich in West-Berlin wohl zunächst nicht so vorgestellt hatte.

Geheimratsdenken ade

Die 1955 gegründete Benjamin-Franklin-Stiftung sollte für den Bau des neuen Klinikums umgerechnet 60 Millionen D-Mark beisteuern. Über diese Stiftung war bereits der Bau der Kongresshalle im Tiergarten initiiert worden. Ein Expertengremium entwarf ein „Building Programm“. Dessen Auflagen sahen vor, dass die Planung von einem amerikanischen Architektenbüro durchgeführt wird und dass die Konzeption der Klinik amerikanischen Vorbildern folgt.

Es sollte ein großer Kompaktbau werden, der Klinik, Krankenversorgung, Forschung und Lehre unter einem Dach vereint – etwas Neues für Deutschland. Damit verfolgten die US-Amerikaner, die zu jener Zeit die modernsten Kliniken besaßen, gemeinsam mit deutschen Reformern auch eindeutig gesundheitspolitische Ziele. 

„Das deutsche Geheimratsdenken – wie die Amerikaner es nennen – wird keine Chance mehr haben“, sagte damals ein Berater der Benjamin-Franklin-Stiftung. Man wollte die Zusammenarbeit der verschiedensten Krankenhausabteilungen „durch die bauliche Konzeption“ erzwingen. Bis dahin waren deutsche Kliniken vor allem im sogenannten Pavillonstil erbaut worden. 

Ziel: Teamwork

Das Magazin Der Spiegel nannte 1961 als Beispiel dafür das 1906 eröffnete Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Wedding: „Fast jede Station verfügt über ein eigenes Gebäude, in dem jeweils Bettenhaus und Behandlungsräume vereint sind.“ Die Abtrennung verstärke das Autonomiebedürfnis der Professoren. Viele Chefärzte hätten eine nahezu „gottähnliche Stellung“. Damit sollte es nun vorbei sein. Teamwork – so lautete die Forderung der Stunde. 

Geplant und entworfen wurde der Bau vom Architekturbüro Curtis & Davis in New Orleans. Die technische Planung in Berlin übertrug man – wie bereits bei der Kongresshalle – dem Berliner Architekten Franz Mocken, der übrigens später als erster Patient im neuen Klinikum operiert werden sollte, wegen eines komplizierten Unterschenkelbruchs.

3500 Mitarbeiter unter einem Dach

Am 9. Oktober 1968 – nach einem Jahrzehnt Planung und Bau – wurde das Klinikum Steglitz der Freien Universität übergeben. 115.000 Kubikmeter Beton waren verbaut worden, dazu 8700 Tonnen Stahl. Das Ganze kostete am Ende 304 Millionen D-Mark, von denen gut ein Fünftel die Benjamin-Franklin-Stiftung trug.

Ein großer Forschungs- und Behandlungstrakt wurde flankiert von zwei leicht winkeligen Bettenhäusern, die dem Komplex aus der Luft die Form eines etwas plumpen Schmetterlings gaben. Die 10.000 Quadratmeter große Fassade sollte von der Struktur her an die menschliche Wirbelsäule erinnern. Der ganze Bau steht seit 2012 unter Denkmalschutz.

Nach dem Vorbild des amerikanischen Department-Systems begannen 3500 Mitarbeiter unter einem Dach zu arbeiten, darunter 355 Ärzte, 295 Assistenzärzte, 805 Krankenschwestern und Pfleger. Zum Komplex gehörten elf Kliniken mit 16 Operationssälen, Ambulanzen, Labors, Diagnostik- und Therapieeinheiten. 

Nach dem Fall der Berliner Mauer gab es über Jahre Streit, denn Berlin hatte nun drei Uni-Kliniken, die um ihren Bestand rangen: Neben der Charité und dem Klinikum Steglitz gehörte auch das 1986 der FU unterstellte Virchow-Klinikum dazu. Es fusionierte 1997 mit der Charité. Das Klinikum Steglitz wiederum gab sich 1994 den Namen Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) – nicht zuletzt, um seine Eigenständigkeit und seine Verbundenheit mit den Amerikanern zu betonen. Es wehrte sich gegen die drohende Umwandlung in ein reines städtisches Krankenhaus ohne Bezug zur Forschung und Lehre. 

Campus der Charité

Die Lösung wurde 2003 gefunden. Unter dem Namen Charité – Universitätsmedizin Berlin bildete man vier Standorte, die von zwei Universitäten getragen werden. Auch der Campus Berlin-Buch gehört dazu. Als Campus Benjamin Franklin ist das einstige Klinikum Steglitz heute Teil eines riesigen Unternehmens mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Nach einem halben Jahrhundert ist der einstige Vorzeigebau stark sanierungsbedürftig. Die Arbeiten laufen und werden noch Jahre dauern. Doch dies ist ein eigenes Thema.