Zu Beginn des 20. Jahrhunderts benutzte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler zum ersten Mal den Begriff Schizophrenie. Es handle sich dabei um ein seelisches Leiden, bei dem Denken, Fühlen und Wollen „auseinanderfallen“, so der damalige Nervenarzt. Schizophrenie ist bis heute der Name für eine psychische Krankheit geblieben, die sich durch Halluzinationen, Antriebs- und Konzentrationsmangel, Gefühlsarmut und ein gestörtes Ich-Erleben äußert.

„Die Schizophrenie ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns. Das bedeutet, sie beginnt schon lange bevor erste Krankheitssymptome sichtbar werden“, erklärt Christine Winter. Sie leitet das Labor für experimentelle Psychiatrie an der Berliner Charité in Mitte. Den Ausbruch einer Schizophrenie zu verhindern oder die Krankheit zu heilen, sei bislang nicht möglich. Es gehe darum, Symptome früh zu erkennen und einen günstigeren Krankheitsverlauf zu erwirken. In ihrer aktuellen Studie hat Winter mit ihrem Forschungsteam daher die Anfangsphase der Psychose untersucht.

Mittels tiefer Hirnstimulation im Tiermodell mit Ratten wurden betroffene Hirnareale stimuliert und die Effekte der Psychose damit erfolgreich gemildert. Bei dieser Methode, umgangssprachlich auch Hirnschrittmacher genannt, werden Elektroden durch kleine Löcher in der Schädeldecke im Gehirn implantiert und geben dann in regelmäßigen Abständen elektronische Impulse ab.

Schizophrenie ist keine seltene Krankheit

Man sei zwar noch Jahre von einem effektiven Einsatz beim Menschen entfernt, unterstreicht Winter, die Forschungsergebnisse würden jedoch optimistisch stimmen. Neue Ansätze wie dieser seien in der Forschung der Schizophrenie und in der gesamten Psychiatrie dringend nötig, sagt die Medizinerin. Außerdem seien Früherkennungszentren nötig und Ängste und Barrieren müssten abgebaut werden, die viele Menschen immer noch vor dem Gang zum Psychologen abhalten, sagt Winter.

Schizophrenie ist keine seltene Krankheit, rund ein Prozent der Bevölkerung erkrankt daran, und die Störung begleitet den Großteil der Betroffenen ein Leben lang. Erste Anzeichen sind sozialer Rückzug, Schlafstörungen, Sprachmangel, Interessenverlust und Nervosität. Derartige Symptome können aber auf viele Erkrankungen hindeuten. Oft treten diese Veränderungen schon fünf Jahre vor der ersten akuten Phase auf.

„Die Schizophrenie ist wohl die schwerste psychiatrische Erkrankung und eine vollständige Wiedereingliederung in Gesellschaft und Beruf eine enorme Herausforderung“, berichtet Winter. Das sei auch der Grund, warum es nach wie vor keine Lobby für Schizophrenie-Erkrankte gebe und gesellschaftliche Stigmatisierung gerade bei diesem Krankheitsbild – im Gegensatz zur Depression oder der Essstörung – immer noch besonders hoch ist.

Die Humangenetik könnte eine zukünftige Lösung sein

„Die medikamentöse Behandlung ist durchaus effektiv, aber ebenso veraltet und bedarf neuer Ideen“, meint die Charité-Ärztin. Die gängigen Präparate haben starke Nebenwirkungen, machen müde und antriebslos, führen zu Gewichtszunahme und Herz-Kreislaufproblemen sowie einer verminderten Kreativität und Wahrnehmung des eigenen Körpers, der eigenen Gedanken und Gefühle, was von den Betroffenen oft als sehr quälend empfunden wird.

Die tiefe Hirnstimulation könnte in diesem Fall eine Möglichkeit sein, das Leiden gezielter zu behandeln und nur die Hirnareale zu beeinflussen, die auch betroffen sind. Bei Depressionen hat sich die Methode bereits erfolgreich in der Therapie bewährt.

Auch die Humangenetik könnte eine zukünftige Lösung sein, um Schizophrenien einzudämmen: Mögliche Risikopatienten könnten so schon frühzeitig herausgefiltert werden und ihren Lebenstil dementsprechend anpassen. Ein internationales Konsortium mit Forschungsgruppen aus vierzig Instituten weltweit, darunter mehreren deutschen, hat vor drei Jahren die bislang größte Untersuchung zur Genetik der Schizophrenie vorgelegt. Für die Studie haben die insgesamt 388 Autoren 150.000 Datensätze vereint.

"In Zukunft werden ganz sicher mehr genetische Informationen über Patienten gesammelt, um Risiken gezielt vorzubeugen"

Sie stammten von etwa 36.000 Schizophreniekranken und 113.000 gesunden Kontrollpersonen, die Blutproben abgegeben hatten. Dabei wurden 83 bislang unbekannte genetische Regionen entdeckt, die mit der Schizophrenie in Zusammenhang stehen könnten. Auch Markus Nöthen vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn war an der Studie beteiligt.

„In Zukunft werden ganz sicher mehr genetische Informationen über Patienten gesammelt, um Risiken gezielt vorzubeugen“, ist der Wissenschaftler überzeugt. Seiner Meinung nach könnte Genetik gerade in der Psychiatrie eine wichtige Rolle bei der Früherkennung spielen. „Untersuchungen beim Psychiater könnten in Zukunft auch Erbinformationen stärker berücksichtigen. Es könnte eine Routine werden, etwa wie ein großes Blutbild.“

Der Lebensstil könnte dann bereits präventiv oder im Frühstadium angepasst werden. Im Falle der Schizophrenie beispielsweise sollte Cannabiskonsum vermieden werden, dessen Einfluss bei vorliegender Disposition den Ausbruch einer Psychose begünstigen kann. „Einige Studien haben außerdem die Vermutung nahegelegt, dass das Leben in der Stadt eine Schizophrenie fördern kann“, sagt Nöthen.

Die Feststellung psychischer Störungen basiert auf einer Analyse der beobachteten Symptome

Städte als sogenannte Stressballungszentren begünstigen offenbar viele psychische Erkrankungen. Stress beeinflusse unter anderem direkt das Immunsystem, erklärt Winter. „Gerade hier scheint es eine Verbindung zur Schizophrenie zu geben.“ Man vermutet, dass zum Beispiel frühkindliche Infektionen und die darauf folgende Antikörper-Reaktion des Immunsystems eine Rolle spielen. Unter Verdacht stehen bestimmte Viren wie Herpes-simplex-Virus Typ II, Influenzavirus und auch das Virus der Bornaschen Krankheit, das eine Gehirnhautentzündung hervorruft.

Auch in der großen Genetikstudie fanden die Wissenschaftler deutliche Hinweise, dass das Immunsystem eine Rolle bei der Entstehung von Schizophrenien spielt. In einer Untersuchung der Universitätsklinik Magdeburg vor zwei Jahren wurden in Stichproben von 120 neu diagnostizierten Schizophreniepatienten bei jedem zehnten eine Erkrankung des Immunsystems festgestellt.

An den Universitätskliniken in Freiburg und Berlin bietet man aus diesem Grund mittlerweile allen psychotischen Patienten Antikörpertests an. Dies ist jedoch noch die Ausnahme. „In der Psychiatrie gibt es mittlerweile viele neue Ansätze, jedoch ebenso viel Handlungsbedarf“, sagt Winter. Damit meint die Ärztin nicht nur Prävention und Behandlung, sondern auch die Diagnose.

"Wir brauchen ein neues Klassifikationssystem"

Denn die Feststellung psychischer Störungen basiert bis heute auf einer Analyse der am Patienten beobachteten Symptome. Bei jedem fünften Patienten steht der Psychiater heute vor dem Problem, dass die Symptome nicht nur zu einer, sondern zu mehreren Erkrankungen passen. Große Diagnosekataloge fassen die auftretenden Beschwerden in einzelnen Gruppen zusammen und heißen dann Zwangs- oder Persönlichkeitsstörung.

Doch oft werden sie dem Betroffenen in seiner Ganzheit nicht gerecht. „Wir brauchen ein neues Klassifikationssystem, das viel spezifischer Unterscheidungen trifft“, sagt Winter. Neurobiologische Veränderungen müssten berücksichtigt und vor allem viel mehr Sub-Kategorien geschaffen werden, um gezielter behandeln zu können.