Krebs durch Tattoos? Tattoo-Farbstoffe sollen krebserregend sein

Berliner Tattoo-Studios heißen „Painful Love Tattoo“, „Love is Pain“ oder „Painful Steel Tattoo“. Dass die Kunst der bunten Hautbilder etwas mit Schmerz zu tun hat, ist für die Tattoo-Branche und ihre Kunden selbstverständlich. Allerdings denken sowohl die Tätowierer und ihr Klientel dabei vor allem an die Minuten oder Stunden, in denen die Farbpigmente unter die Haut gestochen werden. Ob und was danach im Körper der Tätowierten geschieht, beunruhigt kaum jemanden.

Das in Berlin ansässige Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) veröffentlichte jüngst einen Verbrauchermonitor, der zeigte, dass Tätowierungen für die meisten als gesundheitlich unbedenklich gelten. Fast 90 Prozent der bereits tätowierten Person äußerten sich entsprechend. Dass viele Tätowiermittel noch unerforscht sind, wissen die wenigsten. „Es gibt jedoch wissenschaftliche Belege dafür, dass Farbpigmente aus den Tattoos in das Lymphsystem wandern können“, sagt BfR-Präsident Andreas Hensel.

Genauer Inhalt der Farbe meist unbekannt

Das BfR untersucht bereits seit Jahren die Gesundheitsrisiken von Tätowiermitteln, also den Farben, die unter die Haut geritzt werden. Wer im Internet danach sucht, findet schnell die Produkte. 30 Milliliter „Diabolo Genesis China Dunkel Orange“ kosten zum Beispiel 15 Euro. In der Produktbeschreibung steht: „Diese Farbe erfüllt die höchsten Sicherheitsstandards weltweit.“ Sie gehe fantastisch schnell in die Haut. Inhaltsstoffe werden nicht genannt.

Hier genau liegt das Problem. Zwar ist seit 2009 eine Tätowiermittel-Verordnung in Kraft, doch diese enthält lediglich eine Liste der Farbstoffe, die in Deutschland beim Tätowieren nicht verwendet werden dürfen. Auf vielen Farbfläschchen wird allerdings gar nicht der genaue Inhalt genannt oder nur ein Teil der verwendeten Stoffe deklariert. Eine behördliche Zulassung von Tätowiermitteln findet nicht statt.

Farben auf Kohlenstoffbasis

Wer also am Morgen losgeht, um sich den Schriftzug des oder der Liebsten großflächig aufs Schulterblatt tätowieren zu lassen, könnte am Abend den Rücken voller krebserregender Stoffe haben. Vor allem sogenannte Azopigmente sollen gefährlich sein. Das sind Pigmente, die eine oder mehrere Azogruppen enthalten. Ines Schreiver, Leiterin der Nachwuchsgruppe Tätowiermittel im BfR, hat sich mit ihnen beschäftigt.

„Die Farben, die heutzutage verwendet werden, sind sehr farbintensiv. Es sind sogenannte organische Farben, das heißt, sie sind auf Kohlenstoffbasis aufgebaut“, sagt Schreiver. „Viele dieser Pigmente, vor allem die Azopigmente, können sich in krebserregende Stoffe zersetzen.“ Das könne zum Beispiel passieren, wenn Tattoos der Sonnenbestrahlung ausgesetzt sind. Oder wenn sie per Laserbehandlung entfernt werden sollen.

Bei Herstellung verunreinigt

Das BfR hat in diesem Jahr nachgewiesen, dass ein bestimmtes Azopigment unter Laserbehandlung das Erbgut schädigen kann. Der Körper versucht, dies zu reparieren, dabei kommt es zu Fehlern. Wenn sich solche Fehler in einer Zelle häufen, kann es passieren, dass diese Zelle zu einer Krebszelle mutiert, erklärt Schreiver. Besonders häufig kommen Azopigmente in Tätowiermitteln mit den Farben Gelb, Orange und Rot vor.

Noch ein dritter Weg ist bekannt, wie gefährliche Stoffe in den Körper gelangen können: und zwar, wenn die Farbe bei ihrer Herstellung verunreinigt wird. Dann können sich die krebserregenden Stoffe im Tätowiermittel selbst befinden. Gerade die dunklen Farben enthalten in hohem Maße Rußpartikel. „Wenn diese Rußpartikel nicht rein hergestellt werden, weisen sie auch viele krebserregende Stoffe auf“, sagt Schreiver.

Bunte Lymphknoten

Gelangen Tattoo-Farbstoffe unter die Haut, kommt es nicht selten zu allergischen Reaktionen. „Diese Reaktionen sind meist auf die Farben begrenzt – zum Beispiel auf die rote Fläche im Tattoo“, sagt Wolfgang Bäumler, Medizinphysiker an der Universität Regensburg und einer der deutschlandweiten Experten für die Untersuchung von Tätowiermitteln. Manchmal verschwinde die Allergie von selbst, manchmal müsse man therapeutisch eingreifen. Antihistaminika und Kortison werden verabreicht. Lässt die Allergie nicht nach, muss die tätowierte Hautstelle entfernt werden.

Eine andere Reaktion sind Infektionen. Die Hände, Handschuhe oder Geräte des Tätowierers sind Gefahrenquellen. Mit der Farbe können Schmutzpartikel unter die Haut gelangen. Bäumler berichtet von einem Fall, bei dem ein Mann sich großflächig das Bein tätowieren ließ. Die Folgen der Infektion seien so stark gewesen, dass der Mann stationär aufgenommen werden musste und intravenös Antibiotika verabreicht bekam. Sein Tattoo habe er dennoch nicht bereut.

Bäumler hat bereits nachgewiesen, dass Tattoos nicht nur lokal wirken: „Die Pigmente gehen auch in die Lymphknoten. Diese sind dann genauso bunt wie die Tätowierungen selbst.“ Was sie dort anrichten, ist aber noch weitgehend unbekannt. Bisher haben die Gesundheitsbehörden ihre Maßnahmen in Sachen Tattoos auf die Tätowiermittel-Verordnung beschränkt. Zurzeit beschäftige sich die EU aber mit der Sicherheit der Mittel und der Hygiene in den Studios. Möglicherweise werde es dazu 2019 Regeln geben.

Schriftliche Aufklärung gefordert

Auch Mediziner wie die Berliner Hautärztin Anya Miller, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lymphologie, sehen Änderungsbedarf: „Menschen, die sich tätowieren lassen wollen, sollten unbedingt von den Tattoo-Studios schriftlich darüber aufgeklärt werden, worauf sie sich einlassen.“ Die Studios müssten zu dieser Aufklärung verpflichtet werden. Aus ihrer Praxis kennt Anya Miller viele der Folgen von Tätowierungen. „Auch ich habe schon bösartige Veränderungen aus Tattoos entfernt“, erzählt sie. Die Farbstoffe führten zu Veränderungen in den Lymphknoten, in der Lunge. Wegen der Verfärbungen werde auch lebensbedrohlicher Hautkrebs oft zu spät entdeckt. Dringend notwendige MRT-Untersuchungen seien oft nicht möglich, weil viele Farbstoffe Metalle enthielten.

„Dramatisch wird es wahrscheinlich in 20 Jahren“, sagt die Ärztin. Dann komme eine große Kohorte Tätowierter in die Praxis, die sich zudem lange Zeit der Sonne und anderen Einflüssen ausgesetzt hätten.