Wer viel rotes und verarbeitetes Fleisch isst, hat statistisch gesehen ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs. Der Zusammenhang ist bereits länger bekannt, erst kürzlich haben Studien ihn erneut erhärtet. Bis heute ist jedoch ungeklärt, was genau als Auslöser wirkt.

Im Verdacht stehen krebserregende Substanzen, die sich vor allem beim scharfen Anbraten und beim Grillen aus Inhaltsstoffen des Fleisches bilden. Bei Salami, Würsten oder Schinken kommen Umwandlungsprodukte des als Konservierungsmittel eingesetzten Nitritpökelsalzes infrage.

Der Krebsforscher Harald zur Hausen sieht einen weiteren möglichen Auslöser, der auch mit der Zubereitungsart zu tun hat: Viren in Rindfleisch, das nicht über 60 Grad Celsius erhitzt wurde – also im nicht durchgebratenen Steak, in Carpaccio oder luftgetrockneten Spezialitäten wie Bündnerfleisch. Sie könnten im menschlichen Darmtrakt bei der Entstehung von Krebs mitwirken.

Nobelpreis für eine kühne Idee

Der Mann hat Erfahrung mit kühnen Hypothesen. In den 70er-Jahren vermutete er, Gebärmutterhalskrebs könnte durch Viren verursacht werden. Die meisten Wissenschaftler hielten das seinerzeit für abwegig. Doch zur Hausens Arbeitsgruppe wies in Zellen von Gebärmutterhalskarzinomen tatsächlich bestimmte Typen menschlicher Papillomaviren (HPV) nach und entwickelte einen Impfstoff dagegen. Für seine Entdeckung erhielt zur Hausen 2008 den Nobelpreis für Medizin.

Heute gilt als sicher, dass auch andere Viren Krebs auslösen können oder zumindest an dessen Entstehung beteiligt sind (siehe Kasten). Warum also nicht auch Darmkrebs?

Harald zur Hausen, mit inzwischen 77 Jahren weiterhin am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg tätig, hat systematisch nach möglichen Zusammenhängen zwischen Ernährungsgewohnheiten und der Häufigkeit, mit der Darmkrebs auftritt, gesucht. Karzinome des Dick- und Enddarms, wie der Fachbegriff lautet, sind weltweit die zweithäufigste Krebsart bei Frauen und die dritthäufigste bei Männern, verteilen sich aber sehr ungleichmäßig über den Globus.

Ein hohes Erkrankungsrisiko besteht vor allem dort, wo die Menschen viel Rindfleisch essen, etwa in Nordamerika, Argentinien, Uruguay, Neuseeland, Russland und Europa. Relativ niedrig ist das Risiko in China mit seiner traditionellen Vorliebe für Schweinefleisch, sowie in arabischen und afrikanischen Ländern, wo eher Schaf und Ziege auf den Tisch kommen.

Die geringste Darmkrebsrate weltweit findet sich in Indien. Dort wird allgemein wenig Fleisch gegessen und der Verzehr von Rindfleisch ist für den überwiegenden Teil der Bevölkerung aus religiösen Gründen tabu. Besonders interessante Befunde lieferten Untersuchungen in Japan und Korea: Dort kam Darmkrebs früher vergleichsweise selten vor. Von 1975 an verdoppelte sich die Rate in Japan jedoch binnen zwanzig Jahren. Südkorea verzeichnete ab Mitte der 90er-Jahre einen ähnlich dramatischen Anstieg.

Mögliche Erklärungen: Zuvor hatte in den beiden Ländern der Import von Rind- und Schweinefleisch sowie Milchprodukten zugenommen. Sowohl in Japan als auch in Korea war Shabu-shabu in Mode gekommen, eine Art Fondue chinoise, bei dem Rindfleischstreifen kurz in kochende Brühe getaucht werden, so dass sie innen noch rot sind. In Korea ist darüber hinaus auch rohes Rinderhack beliebt, mit pikanten Soßen und einem Eigelb serviert. Die Mongolei, aus der das Tatar ursprünglich kommt, weist hingegen eine niedrige Darmkrebsrate auf; dort stammt das Gehackte aber auch vom Yak, nicht vom Hausrind.

Aus diesen Daten, veröffentlicht im International Journal of Cancer, ergibt sich für zur Hausen, dass die krebserregenden Substanzen in Gegrilltem nicht der alleinige Auslöser sein können. Denn diese entstehen auch, wenn weißes Fleisch wie Geflügel oder Fisch bei hohen Temperaturen gebraten, frittiert oder geräuchert wird. Und auch wo vorwiegend Lamm- und Ziegenfleisch auf dem Speiseplan steht, kommt dieses häufig vom Grillrost oder wird vor dem Schmoren scharf angebraten. Es sei deshalb verlockend, schreibt der HPV-Entdecker in dem Fachartikel, darüber zu spekulieren, dass bei der Krebsentstehung Viren mitwirken, die spezifisch in rohem und wenig erhitztem Rindfleisch vorkommen.

Ein weiteres Indiz liefert ihm die Tatsache, dass im Norden Indiens ausgerechnet dort das Darmkrebsrisiko erhöht ist, wo eine Art Bündnerfleisch zur Kost gehört: „Lufttrocknung ist in den Augen eines Virologen die beste Art, Viren überlebensfähig zu konservieren“, sagt zur Hausen.

Bisher nur Kandidaten

Gesucht ist nun ein kleines Virus, das Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius aushält, sich sowohl in Rindern als auch in Menschen einnistet, in menschlichen Zellen jedoch nicht vermehrt, sondern diese zu Krebszellen umprogrammiert.

Ein paar Kandidaten, auf die dieser Steckbrief passt, hat zur Hausen schon gefunden. Um seine Hypothese zu belegen, müsste er zeigen, dass bestimmte Abschnitte dieses Erbguts menschliche Zellen zum unkontrollierten Wuchern anregen können. Gleichzeitig müsste er die gleichen Abschnitte in Krebszellen nachweisen. Vorläufig ist alles nur Spekulation. Sollte der Nachweis gelingen, sollten die Forscher also tatsächlich einen rinderspezifischen Erreger dingfest machen können, der bei der Entstehung von Darmkrebs mitmischt, bliebe Fleischproduzenten und Liebhabern medium gegarter Steaks nur die Hoffnung, dass die Wissenschaft auch einen Impfstoff dagegen findet. Das kann allerdings dauern.