Irgendwo in Michigan und Arizona lagern etwa 250 tote Menschen bei Minusgraden in hermetisch verschlossenen Metallcontainern. Ihr Blut wurde durch Frostschutzmittel ersetzt. Ihre Körper liegen in Stickstoff gelagert, auf minus 196 Grad Celsius heruntergekühlt. Sie warten auf ihre Auferstehung aus dem Eis. Wenn nicht morgen oder übermorgen, dann vielleicht in 50, 100 oder 200 Jahren. Sie sind Kryoniker.

Die Hoffnung auf ein längeres Leben, ja, auf Unsterblichkeit, ist so alt wie die Menschheit selbst. Dafür stehen ägyptische Mumien und griechische Halbgötter genauso wie der christliche Glaube an die Auferstehung und die mysteriösen Elixiere von Alchemisten. Mit dieser uralten Hoffnung wirbt die Kryonik („Kryos“, altgriechisch für Frost), deren Methode der Kältekonservierung vor etwa einem halben Jahrhundert entwickelt wurde. Ihre Gemeinde wächst. Die Kryoniker-Gesellschaften in den USA und Russland haben Tausende Mitglieder. In einem Dutzend europäischer Staaten gibt es Vereine und Vertreter, die den Gedanken vom ewigen Leben in die Praxis umsetzen wollen.

Goldrausch in der Genetik des Alterns. Damit liegen sie durchaus in einem Trend. Denn die Idee, dass der medizinische Fortschritt Alterung und Tod des Körpers aufhalten oder umkehren kann, ist sehr aktuell. „Der Tod ist die tiefste und gewaltigste Barriere, die die Natur der vollständigen Selbstbestimmung des Menschen entgegensetzt“, erklärte der amerikanische Wissenschaftler Leon R. Kass in einer Rede vor dem Council of Bioethics des US-Präsidenten. Seit Jahren beobachtet er, wie die Forschung zu lebensverlängernden Behandlungen boomt. Für den ehemaligen Präsidenten des US-Bioethikrates ist es Ausdruck des verzweifelten menschlichen Egos, das die Nicht-Existenz mehr fürchtet als alles andere, und das dem Tod ein Schnippchen schlagen will.

Bereits heute ist die Lebenszeitspanne des Menschen beträchtlich länger als noch vor hundert Jahren, und die Entwicklung wird von Ärzten und Forschern immer weiter vorangetrieben. Wissenschaftlern der University of California ist es in einem Experiment gelungen, die Lebenserwartung der Fruchtfliege um 80 Prozent zu verlängern. Dafür bedienten sie sich des uralten Gesetzes der Züchtung und wählten lediglich die Fliegen zur Kreuzung aus, die ein bestimmtes Alter schon überschritten hatten. So potenzierte sich die Lebenserwartung der Tiere mit jeder Generation.

Der Cyborg ist auf dem Sprung

Trotz dieser Erfolge haben Forschungsmethoden, die auf selektiver Paarung beruhen, mittlerweile ausgedient, findet der Physiker und Nanomediziner Robert A. Freitas Jr. Längst gebe es ganz andere Techniken in der Medizin. Bald werde man in der Lage sein, Zerfallsprozesse in den Zellen zu verlangsamen oder durch gezielte Reparaturen zu beheben. „In den letzten 15 Jahren haben wir einen wahren Goldrausch in der Genetik des Alterns erlebt“, sagt Freitas Jr. Bisher habe man geglaubt, Alterungsprozesse in den Zellen treten zwangsweise ein. Nur allzu bald werde man sie jedoch rückgängig machen können. Die „Dechronifikation“, das Zurückdrehen der biologischen Uhr, werde voraussichtlich aus der Nanomedizin kommen.

„Die Nanorobotik wird uns in die Lage versetzen, alle wesentlichen Ursachen des natürlichen Todes weitgehend zu eliminieren“, prophezeit Freitas Jr. Er hat bereits zwei biologische Roboter erfunden: ein künstliches rotes Blutkörperchen und eine künstliche weiße Blutzelle. Sie sollen dem Menschen injiziert werden, in Sekundenschnelle heilen und anschließend das biologische Alter reduzieren.

Eine Dosis von mehreren Billionen der künstlichen weißen Blutzelle sei effektiver als jedes Antibiotikum, erklärt Freitas Jr. Drei Mikrometer groß und ausgestattet mit Maul, Greifzangen, einer sogenannten Schredderkammer und Afterausgang, könne der winzige Roboter schädliche Bakterien und Schadstoffe einfangen und zersetzen. Nachdem der Körper auf diese Art und Weise von Giften gereinigt worden sei, folge eine „Chromosomenersatz-Therapie“, um genetische Schäden zu beheben. Zuletzt unterziehe man die einzelnen Zellen noch individuellen Reparaturmaßnahmen.

„Wir sind immer noch weit davon entfernt, vollständige theoretische Entwürfe für all diese Maschinen zu haben“, sagt Freitas Jr., doch sie liegen im Bereich des Möglichen. Mit der Nanomedizin werde bald „das Band zwischen kalendarischem Lebensalter und biologischer Gesundheit für immer zerissen“. Der Cyborg ist auf dem Sprung.

Doch die Zeit bis zum Eintreten solcher Wunder muss überbrückt werden. Hier kommen die Kryoniker ins Spiel. Denn sie legen den Tod wortwörtlich auf Eis. Der 53-jährige Programmierer Michael Saxer ist einer der führenden Vertreter der deutschen Kryonik-Szene. Mit seiner Firma Biostasis und Kryonik in Europa arbeitet er in einem Kompetenzteam in Ulm, das intensiv an Methoden der sogenannten Kryokonservierung forscht. Auch er selbst will sich einfrieren lassen. Die meisten seiner Freunde sind ebenfalls Kryoniker.

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