Künstliche Intelligenz durchdringt bereits viele Bereiche im Alltag.
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Die Europäische Union scheint endlich verstanden zu haben, dass Künstliche Intelligenz das nächste große Ding der Digitalisierung sein wird. Oder eigentlich schon ist. Jedenfalls hat die EU-Kommission am Mittwoch bekanntgegeben, dass Europa zu einem weltweit führenden Standort für vertrauenswürdige Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) werden soll.

Schon jetzt hat diese digitale Technik einen enormen Einfluss auf unseren Alltag. Es gibt kaum einen Verkehrsteilnehmer, der noch ohne Navigationssystem auskommt. Kaum eine Familie, in der keine Sprachassistenten wie Alexa verwendet werden.

Chinesische Behörden analysieren Sozialverhalten

In den USA sorgte ein Unternehmen neulich für Schlagzeilen, weil es ein Gesichtserkennungsprogramm entwickelt hatte, mit dem sich innerhalb weniger Sekunden Millionen von Gesichtern analysieren ließen, die Polizei griff gerne zu. Aus China sind Anwendungen bekannt, mit denen die Behörden das Sozialverhalten ihrer Bürger beobachten und auswerten, um die Erkenntnisse bei der Vergabe von Wohnungen zu nutzen.

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Die Beispiele zeigen auch, dass man beim Thema Künstliche Intelligenz gar nicht groß genug denken kann: Selbst fahrende Autos, medizinische Diagnosen, Klimawandel – das sind nur drei von sehr vielen markanten Zukunftsthemen auf diesem Gebiet.

Das Problem nur: Diese Technologie funktioniert dann gut, wenn die Computer mit vielen Daten gefüttert werden. Aber woher die Daten nehmen, ohne die Persönlichkeitsrechte zu verletzen? Bilderkennungsprogramme können Krebserkrankungen nur dann besser als Radiologen erkennen, wenn sie Tausende von Fotos ausgewertet haben. Klar ist auch, dass die Bürger diese Röntgenbilder in Europa nur guten Gewissens zur Verfügung stellen, wenn die Daten anonymisiert genutzt werden. Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat also völlig recht, wenn sie sagt, dass KI immer die Rechte der Menschen beachten muss.

Einschätzung der Folgen von KI noch in Kinderschuhen

Gleichzeitig hält die Kommission die Kontrolle von besonders risikobehafteten KI-Anwendungen für notwendig. Schon beginnen die Probleme. Ein Beispiel: Sehr, sehr viele Verkehrsteilnehmer nutzen Navigationssysteme. Ist ja auch hilfreich, dass die Algorithmen eine Umleitung empfehlen, wenn es einen Stau auf der gewählten Strecke gibt.

Aber was tun, wenn es durch Bauarbeiten täglich zu dem Stau kommt und die Alternativstrecke durch ein Wohngebiet führt, wo die Menschen unter den Abgasen leiden und die Immobilienpreise sinken? Definitiv zu viel Macht für die Technik, wenn sie entscheiden soll, welche Umleitung wirklich empfohlen werden sollte. Und dabei würde man Navigationssysteme zunächst nicht als risikobehaftete KI-Anwendungen bezeichnen.

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Das Beispiel zeigt auch, dass wir noch ganz am Anfang stehen, was die Einschätzung der Auswirkungen von KI betrifft. Wo bisher keine Probleme erwartet werden, tauchen sicherlich welche auf. Und wo heute Skepsis herrscht, wird vielleicht eine einfache Lösung gefunden werden. Bei allen Fragen kann es allerdings keine Diskussion darüber geben, dass der Mensch immer die letzte Entscheidung auf der Basis der Grundrechte treffen muss. Und dass Datensicherheit ein hohes Gut ist.

Vorbildliche Regulierung der Europäer

In den USA scheinen solche Überlegungen niemanden so richtig zu interessieren, in China wird sowieso das gemacht, was die Algorithmen wollen. Bei der Datenschutzgrundverordnung haben die europäischen Behörden und Politiker lange das Vorgehen der Tech-Unternehmen beobachtet, bevor sie gehandelt haben.

Herausgekommen ist eine Regulierung, die sogar von Tech-Experten wie dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als vorbildlich bezeichnet wird. Sie hat auch dem Standort Europa nicht geschadet, wie die Milliardensummen zeigen, die Risikokapitalgeber in europäische Start-ups investieren.

Was den Umgang mit den Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz angeht, könnte Apple ein Vorbild sein: Firmengründer Steve Jobs hatte nie vor, der Schnellste zu sein. Ihm ging es immer darum, der Beste zu sein. Mit diesem Anspruch hat das Unternehmen die Welt verändert.