Wenn man in China in einer Filiale von Suning, einer Elektromarktkette, einkauft, kann es sein, dass der Kunde auf dem Radar von Sensetime landet. Der Softwarehersteller stattet Unternehmen und Behörden mit intelligenten Gesichtserkennungssystemen aus.

Mithilfe der Software können die Geschäfte genau erkennen, welcher Kunde sich in ihren Läden aufhält – und wie er sich verhält. 2014 im Hong Kong Science Park gegründet, ist Sensetime mit einem geschätzten Wert von 4,5 Milliarden Dollar inzwischen das wertvollste Start-up der Welt.

Intelligentes Überwachungssystem

Sensetimes Softwarepalette reicht von Gesichtserkennungssystemen bis hin zu AR-Suchmaschinen. Für die Sicherheitsbehörden der Millionenmetropole Guangzhou hat das KI-Unternehmen ein intelligentes Überwachungssystem entwickelt, mit dem es möglich ist, die auf Überwachungsbildern festgehaltenen Gesichter von Kriminellen automatisiert mit Fotos in Datenbanken abzugleichen. Laut Sensetime konnten mit Hilfe des Computerprogramms seit seiner Einführung 2017 bereits 2000 Verdächtige identifiziert werden.

Auch die Behörden in der Provinz Yunnan nutzten ein System von Sensetime, um den öffentlichen Raum zu überwachen. Die Software erkennt dabei nicht nur die Identität der Person, sondern auch automatisch bestimmte Merkmale wie Kleidung, Fortbewegungsmittel oder mitgeführte Gegenstände. Blickrichtung: nach vorne. Gepäck: über der Schulter. Top: schwarz.

Wie in einem Science-Fiction-Film können die Überwacher im Kontrollzentrum auf die Zielperson heranzoomen und Informationen abrufen. „Auf der ganzen Welt gibt es rund 250 Millionen Überwachungskameras und diese wurden zuvor durch eine Person angeschaut“, sagte Sensetime-CEO Li Xu. „Unsere Technologien können die menschliche Genauigkeit in der Gesichtserkennung und Objektklassifizierung übertreffen.“

Der große Deal in China

China erlebt gerade einen KI-Sommer. Das liegt zum einen an der staatlichen Nachfrage durch Behörden. Zum anderen an der Deregulierung des KI-Sektors. Zwar ist China weiter eine Planwirtschaft. Doch wenn es um die Entwicklung Künstlicher Intelligenzen geht, gibt es im Reich der Mitte so gut wie keine Auflagen. Erlaubt ist alles, was dem Fortschritt dient.

Der Entrepreneur Justin Niu, ein früher Investor bei Sensetime, sagte der Financial Times: „Sensetime und seine Wettbewerber können so schnell wachsen, weil Videoüberwachung ein Big Deal in China ist.

Die Regierung kontrolliert den Haushalt, und es gibt ein großes Budget dafür, so dass sie die Gesellschaft managen kann.“ Laut Bloomberg entwickelt Sensetime gerade für die Polizei eine Software namens Viper, die Tausende Live-Kamera-Feeds durchforstet.

Biometrische Erkennungsverfahren

Eine Überwachung, die auch in den Konsum eingewoben ist. In Peking hat kürzlich das erste personalfreie Kaufhaus EatBox (ähnlich Amazons kassenlosem Supermarkt Go) eröffnet, wo Kunden per Gesichtserkennung identifiziert werden und am Ende kontaktlos auschecken. Kunden, die die Filiale zum ersten Mal besuchen, scannen mit ihrem Smartphone an der Eingangstür einen Barcode und laden dann ein Selfie von sich hoch. In weniger als einer Minute ist das Gesicht des Kunden online registriert. Erst dann öffnet sich die Tür.

Ausgewählte Waren werden sodann gescannt und über den Online-Account abgebucht. Zahlt der Kunde nicht, öffnet sich die Tür beim Ausgang nicht. Autoritäre Schließungsmechanismen paaren sich mit Hyperkonsum.

Biometrische Erkennungsverfahren sind in China längst Alltag. In Peking scannt eine Filiale der Fast-Food-Kette KFC die Gesichter ihrer Kunden, um auf der Grundlage von Alter und Geschlecht Menüvorschläge zu unterbreiten. Und am Pekinger Himmelstempel müssen sich Toilettengänger per Gesichtsscan authentifizieren, nachdem es immer wieder zu Toilettenpapier-Diebstählen gekommen war. Das Gesicht wird im Überwachungskapitalismus zum Ausweisdokument. Man trägt es stets mit sich herum – und man kann es nicht fälschen.

Totalüberwachung als Blaupause

Geht es nach den Tech-Konzernen, dann könnte sich der Datenschutz, der durch die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) auf ein neues rechtliches Fundament gestellt wird, gravierend ändern.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg sagte bei der Anhörung vor dem US-Senat zu den Bemühungen seines Unternehmens, die Gesichtserkennung voranzutreiben: „Wir müssen sicherstellen, dass amerikanische Unternehmen in diesen Bereichen innovativ sein können, sonst fallen wir hinter den chinesischen Wettbewerbern und anderen auf der Welt zurück.“

Ob das chinesische Modell der Totalüberwachung eine Blaupause für die USA und Europa ist, darf bezweifelt werden. Doch im Kampf um die Vorherrschaft um Künstliche Intelligenz droht ein Wettrennen nach unten („race to the bottom“), bei dem Datenschutz zunehmend als Innovationshemmnis betrachtet wird.