Ist das Bild echt oder handelt es sich um das Werk eines Fälschers? Warum sind die Farben auf manchen Gemälden so stark verblasst? Um Fragen wie diese zu klären, greifen Kunsthistoriker immer öfter auf wissenschaftliches Großgerät zurück – Teilchenbeschleuniger, die ultrastarke Röntgenstrahlung erzeugen und Kunstwerke damit detailliert durchleuchten können. Mit dieser Methode konnte jetzt eine Frage beantwortet werden, die seit Jahrzehnten Kunstexperten beschäftigte. Dabei ging es darum, woraus jene seltsamen Spritzer bestehen, die sich auf dem weltberühmten Bild „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edvard Munch finden.

Vier Versionen hatte der Künstler geschaffen. Die älteste von 1893 hängt im Norwegischen Nationalmuseum – und gibt den Kunsthistorikern seit Langem Rätsel auf. Denn auf der Oberfläche des Bildes finden sich weiße Spritzer von unbekanntem Ursprung. Einige Experten vermuteten, es seien schlicht Farbkleckse, die dem Meister versehentlich auf die Leinwand getropft waren. Origineller aber ist eine andere Hypothese: „Demnach handelt es sich um Vogelkot“, sagt Geert Van der Snickt, Kulturwissenschaftler an der Universität Antwerpen. „Edvard Munch hatte oft draußen gearbeitet, und da könnte es schon sein, dass das Bild damals von einem vorbeifliegenden Vogel getroffen wurde.“

Um das Rätsel zu lösen, untersuchte sein Team das Bild in Oslo mit einem mobilen Röntgenscanner – und konnte eine der beiden Theorien rasch abhaken. „Als wir das Gemälde abscannten, war schnell klar, dass die Spritzer keinerlei weiße Pigmente enthalten“, erklärt Van der Snickt. „Es ist also keine Farbe, sondern muss etwas anderes sein.“

Sollte es sich bei den Spritzern also doch um Vogeldreck handeln, so wie es die Legende will? Vor Ort ließ sich das nicht entscheiden, dazu war der mobile Röntgenscanner nicht empfindlich genug. Also entschlossen sich die Experten zu einem drastischen Schritt. „Wir hatten sämtliche zerstörungsfreien Analysemöglichkeiten ausgeschöpft“, erzählt der Forscher. „Um das Geheimnis zu lüften, mussten wir eine Materialprobe nehmen.“

Lichtschnelle Elektronen

Höchst behutsam kratzte ein Konservator ein Fitzelchen von der Leinwand ab – einen Krümel, nur ein paar Hundert Mikrometer groß. Dieses Krümelchen verfrachteten Van der Snickt und seine Leute nach Hamburg. Dort, am Forschungszentrum Desy, findet sich eine der stärksten Röntgenquellen der Welt: Der Ringbeschleuniger Petra III hat einen Umfang von mehr als zwei Kilometern.

Er bringt Elektronen auf nahezu Lichtgeschwindigkeit, um sie in Spezialmagneten Slalom fahren zu lassen. Dabei senden die Elektronen einen ungemein starken und gebündelten Röntgenstrahl aus, mit dem die Forscher unterschiedlichste Materialproben unter die Lupe nehmen – unter anderem das von Munchs Meisterwerk abgekratzte Krümelchen.

„Weil wir uns um mikrometerkleine Proben kümmern, müssen wir sicherstellen, dass wir tatsächlich die Probe messen und nicht den Staub, den wir hineintragen“, erläutert der Desy-Physiker Gerald Falkenberg. „Deshalb versuchen wir, besonders sauber zu arbeiten und wechseln hier unsere Schuhe.“

Mit sauberen Pantoffeln ausgestattet zeigt Falkenberg auf den Versuchsaufbau – ein massiver Tisch mit diversen Halterungen und Gestellen. Damit hatten die Forscher vor einiger Zeit die winzige Probe von „Der Schrei“ inspiziert.

Eindeutig Wachs

Die Atome im Krümelchen reagierten auf den Röntgenstrahl, lenkten ihn ab und veränderten seine Farbe. Aus den Messdaten konnten die Experten ein verblüffendes Resultat ablesen: „Es handelte sich eindeutig um Wachs“, sagt Falkenberg.“

Um auf Nummer sicher zu gehen, untersuchten die Forscher zusätzlich original norwegischen Vogeldreck, eigenhändig abgekratzt von den Osloer Straßen. „Diesen Vogelkot haben wir als Referenz gemessen“, erläutert der Physiker. „Aber der Unterschied war ganz klar.“ Es handelt sich bei den Flecken auf Munchs Bild schlicht um Wachs, das dem Künstler irgendwie auf die Leinwand geraten war – womöglich ganz einfach durch unvorsichtiges Auspusten einer Kerze.

Dies ist nicht die erste Erkenntnis, die Kunsthistoriker einem Beschleuniger zu verdanken haben. So hatten sich zum Beispiel Kunsthistoriker darüber gewundert, dass die Leuchtkraft in manchen Werken von Vincent van Gogh im Laufe der Jahrzehnte stetig abnahm. Das einst strahlende Gelb der Sonnenblumen hate sich in ein trübes Braun verwandelt. Untersuchungen per Beschleuniger verrieten, dass sich das Farbpigment Chromgelb durch den Einfluss von Licht chemisch veränderte. Vor allem grünes und blaues Licht haben einen schädlichen Einfluss – eine wichtige Information für die Beleuchtung der Kunstschätze in Museen.

Ferner hatten Experten die Echtheit eines Blumenstilllebens van Goghs bezweifelt, unter anderem wegen einer ungewöhnlichen Signatur. 2012 aber konnte ein Hamburger Teilchenbeschleuniger zeigen, dass die Farbpigmente des Gemäldes haargenau jenen entsprachen, die van Gogh auch sonst verwendete. Außerdem ließ sich die typische Pinselführung des Meisters in dem Motiv erkennen, das er mit dem „Stillleben mit Wiesenblumen und Rosen“ übermalt hatte.

Ein ähnlicher Coup gelang am Berliner Teilchenbeschleuniger Bessy II in Adlershof: Lange waren sich die Kunsthistoriker nicht sicher, ob das Gemälde „Armida entführt den eingeschläferten Rinaldo“ vom französischen Maler Nicolas Poussin stammt oder nicht. Bessy II konnte zeigen, dass der Künstler vorskizzierte Bäume von der gleichen Art mit identischen Farbpigmenten übermalt hatte – für Fachleute ein sicheres Indiz, dass sie es mit einem Original zu tun haben.

Dürers Silberstiftlinien

Außerdem ließ sich mit Bessy II feststellen, dass die rund 4000 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra – die älteste bekannte Abbildung des nächtlichen Sternenhimmels – nicht in einem Stück erschaffen wurde, sondern in mehreren Phasen. Zur Überraschung der Forscher kamen dabei Materialien aus unterschiedlichsten Teilen Europas zum Einsatz – was auf eine unvermutet rege Reisetätigkeit der Menschen in der frühen Bronzezeit hindeutet.

Ferner analysierten die Berliner Fachleute prominente Silberstiftzeichnungen von Albrecht Dürer. Kunsthistoriker nahmen an, dass der Renaissance-Künstler eine Serie von 27 Bildern während einer Reise durch die Niederlande geschaffen hatte. Bei Untersuchungen mit dem Beschleuniger Bessy II erwies sich diese Vermutung als Fehlschluss. Die aus winzigen Metallklümpchen bestehenden Silberstiftlinien waren viel zu verschiedenartig, um in der selben Phase entstanden zu sein.