Berlin - Das Jahr 1987 fristet in den Geschichtsbüchern ein recht unscheinbares Dasein. Immerhin, Berlin feierte damals sein 750-jähriges Bestehen. Die Damen des Friedrichsstadtpalastes wirbelten tänzelnd am mitfeiernden DDR-Oberhaupt Erich Honecker vorbei, während auf der anderen Seite der Mauer am Brandenburger Tor US-Präsident Ronald Reagan zur Jubiläumsfeier Sowjet-Führer Michail Gorbatschow freundlich bat, doch ebensolche einzureißen. Was dann ja auch geschah.

Die Mauer ist also weg, das GIF indes hat überlebt. Steve Wilhite entwickelte es 1987 im Auftrag des US-Konzerns CompuServe. Man wollte endlich bunte Animationen durch das noch blutjunge Internet schicken können und nicht mehr nur schnöde Schwarzweißbilder.

Im Grunde ist das GIF ein prähistorisches Fossil aus der fernen Internet-Urzeit. Und dennoch ist es einzigartig. Bis heute kann kaum eine andere Kreation im Web so schnell und problemlos erstellt und weiterverbreitet werden. Das GIF spürt zwar bereits den Atem moderner Konkurrenz im Nacken und doch hat es schon allein technisch gesehen seinen festen Platz in der Ökologie des Internets behauptet. Bis heute.

Dabei ist selbst das GIF nichts Revolutionäres gewesen. Steve Wilhite darf sich beim britischen Fotopionier Eadweard Muybridge bedanken. Der Urvater der Chronofotografie und Animationstechnik dokumentierte bereits im 19. Jahrhundert die Bewegungsabläufe von Mensch und Tier per Serienaufnahmen und präsentierte sie im Zoopraxiskop, das die in Einzelbilder zerlegte Bewegung einem Kurzfilm ähnlich wieder künstlich zusammensetzte.

Neben der bahnbrechenden Technik war auch die künstlerische Anmutung von Muybridges Arbeit derart inspirierend, dass selbst der französische Surrealist Marcel Duchamp einst seinen Zeichenstil radikal veränderte und 1912 das Gemälde „Akt, eine Treppe herabsteigend“ malte.

Bloß, wie konnte das GIF seinen Einfluss bis in das nächste Jahrtausend hinein wahren? Wo uns doch CSS- und Flash-hörige Web-Entwickler und YouTube-Fanatiker eintrichtern wollen, das GIF sei schon längst passé? In der Tat kommt es schon reichlich widersprüchlich daher, dass wir von modernem Hollywood-Kino immer üppigeren Bombast für Auge und Ohr einfordern, wir aber online krude Low-Res-Kurzanimationen zum Big Thing unserer digitalen Gegenwartskultur erklären.

Trotz Breitbandausbau und leistungsfähiger Prozessoren ist und bleibt der Mensch für gewöhnlich ein Sparfuchs. Gerade online regiert weiter die simple Gleichung: Klein = schnell = günstig. Hier steckt das GIF auch weiterhin alle anderen Formate locker in die Tasche.

Außerdem füttert das GIF unser Bedürfnis, alles jederzeit und überall konsumieren zu können. Anspruchsvollere Formate wie Flash scheitern gelegentlich an Browser-Hürden oder anderen technischen Unbilden. Das schlanke GIF aber schlängelt sich galant durch die proppenvolle virtuelle Welt.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie das GIF unser Gedächtnis überrumpelt.