Im Jahr 1916 brach Nikolai Iwanowitsch Wawilow zu einer Expedition in den Iran auf. Es war die erste Reise, auf der der russische Botaniker und Genetiker nach den Ursprüngen der Kulturpflanzen suchte. Er war überzeugt, dass es auf der Welt einige wenige Zentren geben müsse, in denen der Mensch einst zum Züchter wurde und wilde Pflanzen zähmte, um sie für seine Ernährung zu nutzen.

Wawilows Interesse an derartigen Regionen war eher praktischer Natur. Er ging davon aus, dort eine besonders große Vielfalt ursprünglicher Sorten zu finden – also frühe Verwandte von Weizen, Mais und Co. Der Gedanke dahinter: Dort, wo die Pflanzen schon lange wachsen und angepflanzt werden, haben sie sich am stärksten differenziert und viele Varianten hervorgebracht. Dieses genetische Reservoir wollte der Forscher für die Züchtung nutzen. Vielleicht schlummerten in den Zentren der Nahrungspflanzen ja solche, die besonders früh reiften – eine wichtige Eigenschaft beispielsweise für den Anbau in nördlichen Gefilden. Auch hoffte Wawilow auf Varianten, die gegen Pflanzenkrankheiten resistent sind.

Weltweit wurden 23 Ursprungsorte für die meisten unserer Nahrungsmittel ausfindig gemacht

Systematisch gingen die ersten Landwirte sicher nicht vor. Sie säten vermutlich einfach weiter die Samen jener Pflanzen aus, die einigermaßen gut wuchsen und Ertrag brachten. Handel und Migration trugen dazu bei, dass diese Zufallszüchtungen die Welt eroberten. Wawilow sah wohl die Chance, die Zeit seit der Erfindung der Landwirtschaft vor 10.000 bis 12.000 Jahren noch einmal ein wenig zurückzudrehen und die Züchtung der Nahrungspflanzen systematischer und breiter anzugehen als damals.

Und so reiste und sammelte der Russe wie besessen. Er unternahm 180 Forschungsreisen in 64 Länder auf fünf Kontinenten. Tausende von Saatgutproben brachte er mit nach Hause und legte damit den Grundstock für die erste Genbank der Welt, die unter dem Namen Wawilow-Institut noch heute in St. Petersburg existiert. Acht Zentren der Pflanzenzähmung spürte der russische Botaniker auf, darunter Zentralamerika und Mexiko, Indien, Äthiopien und der Nahe Osten.

Heute, hundert Jahre nach Wawilows erster Reise zu den Wurzeln unseres Essens, sind noch weitere bekannt. Forscher gehen davon aus, dass es weltweit 23 sogenannte Diversitätszentren der Kulturpflanzen gibt. Von dort verbreiteten sich die Pflanzen und sind vielerorts nicht mehr wegzudenken – weder vom Teller noch vom Acker.

151 Nutzpflanzen standen im Fokus

Lange war unklar, wie stark die Pflanzen-Migranten die jeweils einheimischen Gewächse verdrängt haben. Ein Forscherteam um Colin Khoury vom International Centre for Tropical Agriculture in Cali, Kolumbien, hat nun erstmals überprüft, wie groß der Anteil an nicht-einheimischen Pflanzen in der Landwirtschaft und der Ernährung heutzutage ist. Die Analyse zeigt, dass unser Essen erstaunlich global ist. Weltweit stammt es im Schnitt zu 70 Prozent von Pflanzen, die ihre Heimat eigentlich ganz woanders haben, berichten die Forscher im Fachmagazin Proceedings B der britischen Royal Society.

„Dass der Anteil so hoch ist, war vorher nicht klar und hat auch uns überrascht“, sagt Hannes Dempewolf, der als Botaniker beim Global Crop Diversity Trust in Bonn, dem Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt, an der Arbeit beteiligt war. Die Studie mache bewusst, dass die Artenvielfalt essbarer Pflanzen alle Länder dieser Erde gleichermaßen angehe. „Wir müssen die Vielfalt an Nutzpflanzen sichern – nicht nur im Anbau, sondern auch, indem wir sie in Genbanken speichern und schützen“, ergänzt Dempewolf.

Für ihre Studie durchforsteten die Wissenschaftler Daten von 177 Ländern, in denen zusammen 98 Prozent der Weltbevölkerung leben. „Die Welternährungsorganisation FAO erfasst jährlich, welche Nutzpflanzen wo angebaut werden und was wo gegessen wird. Diese Datensätze haben wir für unsere Studie genutzt“, erläutert Dempewolf. Die Forscher wählten 151 Nutzpflanzen aus dieser Datenbank aus und überprüften deren Herkunft. „Dazu fand sich viel in der wissenschaftlichen Literatur. In den vergangenen Jahrzehnten wurde intensiv zu den Ursprungsregionen einzelner Pflanzen geforscht. Bisher hatte aber niemand alles zusammengefasst“, berichtet der Botaniker.

Ursprungsregionen bauen noch heute häufiger verschiedene Arten an

Aus der Studie ist unter anderem eine detaillierte Weltkarte hervorgegangen, die die Kulturpflanzen und ihre Herkunftsgebiete auflistet. Die Karte oben zeigt eine Auswahl von 50 Pflanzen. Daraus geht zum Beispiel hervor, dass die heute in aller Welt so beliebten Tomaten eigentlich in den Anden beheimatet sind, dass Auberginen nicht etwa aus Frankreich, sondern aus Asien stammen und dass der weltweit auf großen Plantagen angebaute Kaffeestrauch ursprünglich aus Afrika kommt.

Manche Kulturpflanzen lassen sich nicht auf eine einzige Region zurückführen. „Das liegt bei einigen daran, dass nicht ganz klar ist, wo es mit der Domestizierung begann“, sagt Dempewolf. Kokosnüsse nennt er als Beispiel. „Andere Pflanzen, Tee etwa, wurden vermutlich unabhängig voneinander mehrfach domestiziert.“

Die Analyse der Forscher um Khoury und Dempewolf ergab darüber hinaus, dass die Herkunft unseres Essens in den vergangenen 50 Jahren noch globaler geworden ist. 1961 stammten im weltweiten Durchschnitt etwa 62 Prozent der Nahrungskalorien aus nicht-einheimischen Pflanzen, im Jahr 2009 waren es 68 Prozent. Von Land zu Land gibt es dabei aber deutliche Unterschiede. Geografisch isolierte Länder wie Australien oder Länder in Nordeuropa, die fernab von den wichtigen Ursprungsregionen liegen, haben einen vergleichsweise hohen Anteil fremder Pflanzen.

Länder, die in wichtigen Kulturpflanzenregionen liegen, etwa im östlichen Mittelmeergebiet oder in Südostasien, bauen dagegen oft auch noch viele „ihrer“ Grundnahrungsmittel an und haben einen geringeren Migrantenanteil unter den Kulturpflanzen. Am wenigsten global durchmischt erwiesen sich die Äcker und Speisezettel in armen Ländern wie Kambodscha, Bangladesch und Niger. Alle drei haben einen Anteil von nur 20 Prozent nicht-einheimischen Pflanzen. Die Landwirte dort bauen noch viele traditionelle Ackerfrüchte an wie Reis, Sorghum und Hirse an.