Meeresschildkröten in bräunlich verschmierten Panzern, elend aussehende Pelikane mit verklebten Federn, Delfine, die durch öliges Wasser schwimmen: Nach dem Brand der Bohrplattform Deepwater Horizon gingen im Jahr 2010 dramatische Bilder um die Welt. Über Monate hinweg sollen etwa 800 Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko geflossen sein. Hätte man damals mehr tun können, um den rund 10.000 Quadratkilometer großen Ölteppich zu beseitigen?

Darüber können sich Besucher der Langen Nacht der Wissenschaften an der Technischen Universität (TU) Berlin informieren. Im Eingangsbereich der markanten „Rosa Röhre“ auf der Schleuseninsel in Charlottenburg stellt das Institut für Land- und Seeverkehr sein neuartiges Ölbekämpfungssystem SOS vor.

Eine gängige Strategie besteht darin, das auf dem Wasser treibende Öl zunächst zwischen schwimmenden Barrieren aus aufblasbaren Plastikschläuchen einzuschließen. Von dort kann man es dann von Spezialschiffen abpumpen lassen. Das aber dauert nicht nur relativ lange, es klappt auch nur bei spiegelglattem Wasser.

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Oftmals ist Ölbekämpfung aber auf dem offenen Meer bei Seegang vonnöten. Die TU-Forscher unter Leitung von Günther Clauss haben daher jahrelang an einer Technik getüftelt, die auch bei rauer See funktioniert. Herausgekommen ist dabei der Seegangsunabhängige Ölskimmer, kurz SOS, dessen Funktion man sich während der Langen Nacht erklären und an Modellen demonstrieren lassen kann. „Die Idee war, ein möglichst effektives und gleichzeitig billiges System zu entwickeln“, sagt Löhrmann. Dazu haben seine Kollegen unter anderem eine Komponente eingespart, die Wasserfahrzeuge normalerweise sehr teuer macht: den Motor.

Die SOS-Entwickler haben sich stattdessen für einen Ponton entschieden, eine Art schwimmenden Rumpf ohne eigenen Antrieb. Der ist für vergleichsweise bescheidene 350.000 Euro zu haben. An seinem hinteren Teil kann ein gewöhnlicher Schlepper andocken und ihn vor sich her in Richtung Ölteppich schieben. Oder man schafft zwei Rümpfe an und befestigt diese rechts und links an einem größeren Küstenschiff. Wenn dieses in einem Tempo von bis zu vier Knoten, also 7,4 Stundenkilometern, durch das verschmutzte Wasser fährt, kann der SOS seine Säuberungsarbeit problemlos erledigen.

Ähnlich wie andere Reinigungssysteme nutzt er die Tatsache, dass Öl leichter als Wasser ist und sich kaum mit diesem vermischt. Es treibt als Film an der Oberfläche, so dass man es einfach abschöpfen könnte. Der Seegang sorgt jedoch dafür, dass man dabei in jedem Wellental vor allem Wasser und auf jedem Wellenberg Luft schöpft – und in beiden Fällen nur wenig Öl. Das verhindern die TU-Forscher dadurch, dass sie die Abscheidung des Öls ins deutlich ruhigere Innere ihres schwimmenden Meeresreinigers verlegt haben.

Um dorthin zu gelangen, fließt das Wasser mitsamt seiner Ölfracht zunächst unter den Bug des Pontons und wird dann unter ihm entlang gedrückt. Noch im vorderen Teil des Rumpfes erreicht es eine Öffnung, die in den sogenannten Moonpool führt – ein Becken im Inneren des Rumpfs. Zwar landet auch Wasser im Moonpool. Doch beim Einströmen entstehen Wirbel, die das ohnehin leichtere Öl Richtung Oberfläche schubsen.

Auf dem Wasser des Moonpools bildet sich eine dicke Ölschicht, die sich gut abtrennen lässt. Durch die Bewegungen des Rumpfs schwappt sie vorn und hinten über die Kanten des Beckens. Über Druckveränderungen lässt sich der Wasserspiegel im Moonpool so regulieren, dass dabei nicht zu viel Wasser mit hinüberläuft. Das übergeschwappte Öl aber landet in Sammelbehältern, aus denen es einfach abgepumpt werden kann. Anschließend lässt es sich sogar aufbereiten und verkaufen. Pro Tag schafft es der SOS, 322 Millionen Liter Wasser zu reinigen.

Abgesehen von einer Klinge, mit der sich der Eingang zum Moonpool öffnen und verschließen lässt, enthält die gesamte dazu nötige Konstruktion keine beweglichen Teile. „Das ist ein großer Vorteil, weil dadurch weniger kaputtgehen kann“, erklärt Jan Löhrmann. Allerdings soll das Ganze natürlich nicht nur robust und zuverlässig sein, sondern auch effektiv. Wie gut der SOS bei unterschiedlichen Bedingungen arbeitet, haben die Forscher daher in Versuchen mit Modellen in verschiedenen Maßstäben getestet.

Im Seegangsbecken der TU mussten diese Miniatur-Pontons in künstlich erzeugten Wellen ihre Reinigungstalente beweisen. Häufig galt es dabei, ein synthetisches Pulver vom Wasser zu trennen. Einmal aber haben die Forscher auch echtes Rohöl ins Becken gefüllt. „Das gab natürlich eine Riesenschweinerei“, sagt Löhrmann. Doch die Herausforderung sollte so realistisch wie möglich sein.

Die Ergebnisse dieser Prüfungen waren vielversprechend. So gelang es dem System bei glattem Wasser, 95 Prozent des Öls zu entfernen. Getestet wurde der SOS aber auch bei einem kräftigen Seegang von durchschnittlich drei Metern, bei dem einzelne Wellen durchaus auch eine Höhe von fünf Metern erreichen können. „Unter diesen Bedingungen versagen die bisherigen Reinigungssysteme komplett“, erklärt Jan Löhrmann. Doch der TU-Ponton holte trotz der widrigen Umstände immerhin noch die Hälfte des Öls aus dem Wasser. Grund genug, das System patentieren zu lassen.

„Wir sind optimistisch, dass es auch im Ernstfall gut funktionieren wird“, sagt der TU-Forscher. Zumal es mittlerweile nicht nur Modelle, sondern auch einen Prototyp des SOS gibt. Auch der hat bei Tests in der Nähe von Kiel schon erfolgreich Ostseewasser gereinigt. Um nicht auf den nächsten Tankerunfall warten zu müssen, hat er dabei allerdings nur zerstoßenes Eis und ins Wasser geworfenes Popcorn eingesammelt.

Die letzte Bewährungsprobe einer echten Ölpest aber hat der SOS noch vor sich. Dabei hätte es dafür durchaus schon eine Gelegenheit gegeben. „Bei der „Deepwater Horizon“-Katastrophe wäre das System bereits einsatzfähig gewesen“, berichtet Jan Löhrmann. Doch dazu sollte es nicht kommen. Bei den Verantwortlichen bestand kein Interesse.

Ölbekämpfungsschiff SOS: TU-Versuchsanstalt auf der Schleuseninsel, ab 17 Uhr alle 45 Minuten. Ab 10 Jahren.