Bio boomt. Aus kleinen Naturkostläden sind große Öko-Ketten geworden. Auch konventionelle Supermärkte und Discounter haben ihre eigenen Bio-Marken im Sortiment. Eine kürzlich im Fachblatt Jama Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung französischer Forscher dürfte daher die wachsende Anhängerschar von Bio-Kost erfreuen. Demnach schützen ökologisch erzeugte Lebensmittel vor Krebs, genauer gesagt vor Brustkrebs und vor Lymphomen.

Das klingt nach einem weiteren guten Grund, den Bio-Anbau zu stärken und gegebenenfalls sein eigenes Ernährungsverhalten zu überdenken. Aber: Schützen Bio-Esser tatsächlich nicht nur die Umwelt, sondern auch sich selbst? Diese Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten. „Es ist immer schwierig, den Einfluss der Ernährung auf Krebsentstehung zu untersuchen, einfach weil die Ernährung so schwer messbar ist“, sagt etwa Tilman Kühn vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

Es könnte an den Pestiziden liegen

Die französischen Wissenschaftler um Julia Baudry von der Université Paris versuchten es folgendermaßen: Sie werteten Daten einer großangelegten Studie aus, die den Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit untersucht, der NutriNet-Santé-Studie. Die Teilnehmer hatten dabei unter anderem Fragebögen über das Internet beantwortet, zum Beispiel wie oft sie bestimmte Lebensmittel als Bio-Varianten essen, etwa Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch, Eier, Brot und Schokolade. Den Forschern lagen Angaben von 68.946 Erwachsenen vor.

In den darauffolgenden Jahren – im Schnitt hatten die Wissenschaftler die Teilnehmer viereinhalb Jahre beobachtet – berichteten 1340 Menschen von einer neu aufgetretenen Krebserkrankung. Am häufigsten kam es dabei zu Brustkrebs (34,3 Prozent), gefolgt von Prostatakrebs (13,4 Prozent), Hautkrebs (10,1 Prozent), Darmkrebs (7,4 Prozent) sowie Non-Hodgkin-Lymphomen (3,5 Prozent) und anderen Lymphomen (1,1 Prozent).

Die Analyse ergab, dass diejenigen Teilnehmer, die besonders häufig Bio-Lebensmittel verzehrt hatten, ein erheblich geringeres Risiko für Brustkrebs nach der Menopause sowie für Non-Hodgkin- und andere Lymphome aufwiesen. Das Risiko war bei Teilnehmern mit dem höchsten Bio-Lebensmittelkonsum um 25 Prozent geringer als bei Teilnehmern mit dem geringsten Verzehr an Bio-Kost, schreiben die Forscher im Fachmagazin Jama Internal Medicine.

„Der gefundene statistische Zusammenhang ist überzeugend genug, um dieses Thema weiter zu erforschen“, sagt DKFZ-Forscher Kühn. Die Studie allein liefere aber keine überzeugenden Beweise, um zur Krebsvorsorge auf Bio-Lebensmittel umzusteigen.

Bio-Lebensmittel enthalten weniger Pestizide

Die Forscher erklären den schützenden Effekt vor allem mit dem geringeren Gehalt an Pestiziden in Bio-Lebensmitteln. Das klingt zunächst einmal schlüssig: Von einigen Pestiziden ist bekannt, dass sie das Krebsrisiko erhöhen. Und Bio-Lebensmittel weisen Untersuchungen zufolge weniger Pestizidrückstände auf als konventionell erzeugte Lebensmittel, weil im Ökolandbau der Einsatz dieser Mittel weitgehend verboten ist.

„Die Reduzierung der Lymphome wäre mit dieser Pestizid-Hypothese grundsätzlich konsistent“, sagt Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (Dife). Auch für Brustkrebs hält der Wissenschaftler einen Zusammenhang aufgrund der hormonähnlichen Wirkung einiger Pestizide für grundsätzlich plausibel.

Forscher liefern keine empirischen Beweise

Aber: War die Pestizidbelastung bei den Bio-Fans unter den Teilnehmern tatsächlich geringer? „Dafür liefern die Forscher keinen empirischen Beweis“, kritisiert ein Forscherteam um Frank Hu von der Harvard University im US-amerikanischen Boston in einem Kommentar zu dem Artikel.

„Eigentlich hätten die Forscher die Pestizidbelastung im Blut messen sollen, dann wäre der Zusammenhang eindeutiger“, sagt auch Kühn vom DKFZ. „So besteht auch die Möglichkeit, dass andere Faktoren, wie etwa ein allgemein gesünderer Lebensstil, für den beobachteten Effekt verantwortlich sind – auch wenn die Forscher wichtige bekannte Risikofaktoren herausgerechnet haben, etwa das Rauchverhalten.“

Keine vorschnellen Schlüsse ziehen

Hinzu kommt: Auch bei herkömmlichen Lebensmitteln liegen die Pestizidrückstände in Deutschland und der EU in den allermeisten Fällen innerhalb der festgelegten Grenzwerte. Dem aktuellen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zufolge war mehr als die Hälfte der fast 85.000 im Jahr 2016 stichprobenartig getesteten Lebensmittel vollständig frei von Pestizidrückständen, mehr als 96 Prozent lagen innerhalb der Grenzwerte. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel meldet für 2016 bei 1,7 Prozent der Proben aus Deutschland Überschreitungen der Pestizidrückstände.

Die Ergebnisse der französischen Forscher können theoretisch bedeuten, dass die Grenzwerte, die für sicher gehalten werden, nicht wirklich sicher sind und neu bewertet werden müssen, erläutert Boeing. Dieser Schluss sei aber vorschnell, solange der in der Studie gefundene Schutz von Bio-Lebensmitteln nicht mit einer gleichzeitigen Messung von Pestizidrückständen in Blut oder Urin in Zusammenhang gebracht werden kann. Mehr Forschung sei in diesem Bereich dringend nötig, weil Lebensmittel mit Pestizidrückständen verbreitet konsumiert würden, schreibt das Team um Frank Hu in seinem Kommentar.

WCRF empfielt: Wenig rotes Fleisch, keine verarbeiteten Produkte

Derweil liefern wissenschaftliche Studien nur für einige wenige Lebensmittel Hinweise darauf, dass sie das Krebsrisiko beeinflussen. „Der häufige Verzehr von rotem Fleisch wie Rind oder Schwein wird mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Verbindung gebracht, ein hoher Ballaststoff-Anteil in der Nahrung etwa aus Vollkornprodukten scheint davor hingegen zu schützen“, erläutert Kühn.

Die internationale Krebsforschungsorganisation World Cancer Research Fund (WCRF), die wissenschaftliche Informationen über den Zusammenhang zwischen Ernährung, Gewicht sowie körperlicher Aktivität und Krebs sammelt und bewertet, rät nicht mehr als drei Portionen rotes Fleisch pro Woche zu essen, etwa 350 bis 500 Gramm. Auf stark verarbeitete Produkte wie Wurst und Würstchen sollte man bestenfalls ganz verzichten.

Faktor Übergewicht

Jenseits einzelner Lebensmittel oder Lebensmittelgruppen gebe es im Bereich Ernährung einen vermeidbaren Risikofaktor, der nachweislich das Krebsrisiko beeinflusse, sagt Kühn: Übergewicht. „Etwa 6 bis 7 Prozent der Krebsfälle lassen sich auf Adipositas zurückführen.“ Der Einfluss sei über verschiedene Krebsarten hinweg feststellbar.

Wer sein Krebsrisiko mit der Ernährung beeinflussen möchte, sollte den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge in erster Linie Übergewicht vermeiden oder bekämpfen. Gut 30.000 Fälle von Krebs dürften nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums im Jahr 2018 auf zu hohes Gewicht zurückzuführen sein. Insgesamt seien 165.000 Krebsfälle in Deutschland vermeidbar – durch Rauchverzicht, gesündere Ernährung oder mehr sportliche Aktivität zum Beispiel.

Das Umsteigen auf Bio-Lebensmittel dürfte da eine, wenn überhaupt, eher untergeordnete Rolle spielen, sagt DKFZ-Forscher Kühn. Es gebe viele gute Gründe, Bio-Lebensmittel zu kaufen und zu essen, sagt der Experte. „Aber sein Krebsrisiko darüber zu senken – das halte ich derzeit noch für unzureichend bewiesen.“ (dpa/fwt)