Hannover/Berlin - Macht die Corona-Krise aus uns allen Camping-Urlauber? Die Frage kann man sich stellen, wenn Verkäufer und Vermieter von Wohnmobilen kaum so schnell für Nachschub sorgen können, wie die von Fernweh geplagten Menschen ihnen Wohnmobile aus den Händen reißen. Oder gleich selber Bullis und Transporter zu Campern umbauen. Ist das der große Trend? Die Industrie sieht darin eine Nische, geht aber davon aus, dass es immer beliebter wird, selbst Vans auszubauen – Camping ist extrem angesagt. Kein Wunder, dass es in der Welt von Instagram und Co. als das Hohelied des #vanlife, des Lebens im Camper, besungen wird.

Kein Wunder auch, dass der oft mühsame Ausbau gern in allen Details dokumentiert wird, ob auf YouTube oder Instagram. Doch dort geht es nicht nur um Lifestyle, es gibt auch Anleitungen und Hilfen zum Selbermachen, sagt Greta Thomas. Die 23-jährige Studentin und der ein Jahr ältere Hannes Wehrmann, ebenfalls Student, nutzen die Zeit, die Pandemie und Studium ihnen lassen, und bauen einen Transporter aus: „Wir haben ein halbes Jahr frei zwischen Bachelor und Master“, sagt Thomas. Für sie war es ein Sprung ins kalte Wasser. Aber: „Es ist mein Traum geworden, weil es Hannes’ Lebenstraum ist.“

Wehrmann erzählt, er habe drei Monate in Neuseeland gecampt – seitdem wünsche er sich einen eigenen Campingbus. Also kauften sie einen gebrauchten Mercedes Sprinter, den Transporter mit kurzem Radstand, und begannen im März, ihr eigenes Wohnmobil zu planen und auszubauen. Nun wird man nicht im Schlaf zum Handwerker: „Viele trauen sich dank Social Media erst ran, die ganze Elektrik kann man bei YouTube lernen“, erklärt der 24-Jährige aus Bremen. „Man muss kein Elektriker sein.“ Das Paar postet Videos vom Umbau bei Instagram. Und stellt fest, eine Menge gelernt zu haben. Beispiel gefällig? „Man muss keine Angst vor Werkzeug haben.“

Sie sind nicht die Einzigen, die sich an den Ausbau heranwagen. Ines Spicker, 31, und Arne Meyer, 30, aus Hannover haben sich für den Klassiker entschieden – den VW-Bulli in der Generation T5. 2019 haben sie den Bulli gekauft und seit März 2020, mitten in der Corona-Zeit, ausgebaut – zu Hause vor der eigenen Tür. „Was Geduld angeht, haben wir beide viel gelernt“, sagt der Grafikdesigner. Auch sie haben ihre Erfahrungen online veröffentlicht – und bekommen nun permanent Anfragen, wie man das macht, sagt Carsharing-Marketingexpertin Spicker. Im eigenen Freundeskreis gebe es vier oder fünf Paare, die ebenfalls ein Wohnmobil selber ausbauen wollten.

An der Heckklappe lässt sich Wäsche aufhängen

Ursprünglich war der T5 ein Handwerkerwagen, in den sie dann die Seitenfenster selber einbauten. Stehhöhe hätten sie gerne gehabt, aber beim Gedanken an ein Aufstelldach hätten sie doch etwas Bammel gehabt, erklärt der 30-Jährige. Zwar gebe es keine Nasszelle, aber sonst alles. Alles haben sie geplant, ausgedacht und zugeschnitten, alle Möbel und Einrichtungen hätten mindestens zwei Zwecke: So wird aus einer hochgeklappten Schranktür ein Tisch, an der Heckklappe lässt sich Wäsche aufhängen.

dpa/Hauke-Christian Dittrich
Erst mal Kaffee kochen: Ines Spicker im selbst ausgebauten Campervan.

Auch Greta Thomas und Hannes Wehrmann haben es gern praktisch, so wurde das Bett wegen der Breite des Transporters von nur 1,75 Metern nicht quer eingebaut, sondern ein Bett zum Ausklappen selbst geschweißt – schließlich sei Hannes 1,94 Meter groß, sagt Greta Thomas. Tagsüber sei es nun ein Sofa, während es nachts fast den ganzen Bulli ausfüllt. Sie hatten Glück, mussten nicht alles selber einbauen: Eine Standheizung war schon da.

Denn manches ist beim Ausbau schwer zu machen. Was besonders kompliziert war? Die 30-Liter-Wassertanks unter dem Fahrzeug zu montieren, meint Thomas – ohne Hebebühne, den ganzen Tag auf dem Boden liegend, mit den Händen nach oben. Für Ines Spicker wiederum ist die Elektrik eine Herausforderung – und vor allem der Einbau der Seitenverkleidung: Drei Wochenenden habe das in Anspruch genommen, und nie passten die Seiten so richtig.

Wohnmobile sind gefragt: Plus von 24 Prozent bei Neuzulassungen

Probleme, die die industriellen Wohnmobilfirmen vermutlich nicht kennen. Deren Geschäft läuft rund – vermutlich besser denn je. Schon im ersten Quartal 2021 wurden so viele Freizeitmobile neu zugelassen wie noch nie zu einem Jahresbeginn, wie der Caravaning Industrie Verband (CIVD) kürzlich meldete. Die Zahl der Neuzulassungen stieg in den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 12,6 Prozent auf 24.224 Fahrzeuge. Besonders gefragt waren Wohnmobile. Sie kamen auf 19.058 Neuzulassungen – ein Plus von 23,9 Prozent.

Und die selbst ausgebauten Bullis? Es sei schwer an Zahlen zu kommen, sagt Verbandssprecher Daniel Rätz. Man gehe davon aus, „dass das zunimmt“. Wer selbst ein Wohnmobil ausbauen wolle, brauche aber Zeit und Equipment. Und Wasseranschluss, Wassertank oder Gasinstallation könne man nicht mal eben so machen.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, Camping-Urlaub zu machen? Ganz einfach: Irgendwann war der gebuchte Urlaub mit Flug und Mietwagen nicht mehr genug, erzählt Arne Meyer. Manchmal hatte das Paar aus Hannover nicht einmal vorher gebucht, dann kam irgendwann am Strand die Panik auf: Wo schlafen wir heute Nacht? Das Fernweh ist geblieben, die Unsicherheit, wohin man in der Pandemie überhaupt verreisen kann, aber auch. Die Lösung: Der selbst ausgebaute Bulli. Einfach mal ein Wochenende wegfahren, irgendwo stehenbleiben, nicht mehr auf Hotels angewiesen sein, schwärmt Ines Spicker.

Wo es jetzt hingehen soll? Das Paar aus Hannover träumt von einer Tour nach Skandinavien – „hoffentlich in nächster Zeit“, sagt die 31-Jährige. Greta Thomas und Hannes Wehrmann wollen gerne über Mittsommer ebenfalls nach Skandinavien, rechnen aber in den Pandemiezeiten nicht fest damit. Sie sagen: „Wenn das nichts wird, fahren wir einfach los.“ (dpa)