Trendforscher und Autor Matthias Horx.
Foto: dpa/Gregor Fischer

BerlinStellen wir uns vor, die Corona-Krise ist überstanden. Die Menschen können wieder uneingeschränkt nach draußen gehen und sich treffen. Werden wir uns zur Begrüßung noch die Hand geben, uns umarmen? Räumen wir ohne weiteres unser Home-Office? Und haben wir überhaupt noch Arbeit? Trendforscher machen sich bereits Gedanken über die Welt nach dem Coronavirus. Sie sehen in der Pandemie eine tiefgreifende Zäsur - entwerfen aber durchaus ermutigende Zukunftsvisionen. Ein Überblick der Deutschen Presse-Agentur.

«Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten», sagt etwa Trendforscher und Publizist Matthias Horx. Der Gründer des Zukunftsinstituts in Frankfurt unternimmt auf seiner Webseite www.horx.com ein Gedankenexperiment: Er stellt sich vor, es ist schon Herbst und blickt von dieser Perspektive zurück auf unsere aktuelle Gegenwart mitten in der Corona-Krise mit all ihren Unsicherheiten, Einschränkungen und Kontaktverboten.

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«Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe», schreibt er. «Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.»

Ein weltveränderndes Ereignis

Horx überlegt weiter: «Wir staunen rückwärts, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.» Bei Fußballspielen im Herbst werde eine ganz andere Stimmung als noch im Frühjahr herrschen, als es «jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien» gegeben habe.

Horx beschäftigt sich schon jetzt mit der Post-Corona-Ära, weil die Pandemie nach seiner Ansicht ein weltveränderndes Ereignis ist und wir nicht zur alten Normalität zurückkehren werden. «Das eröffnet ein großes Fenster für Zukunftsforscher», sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

In den Sozialen Netzwerken finden die Überlegungen derzeit reichlich Widerhall, aber auch ein geteiltes Echo über die Aussagekraft. Für die einen sind es spannende Ideen, andere verweisen auf den Unsicherheitsfaktor von Prognosen.

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner geht davon aus, dass wir zwar vermutlich für einige Zeit Verhaltensänderungen pflegen werden und etwa Begrüßungsformen verändern. Wie lange das anhalte, wisse aber niemand, sagt der Professor. Er verweist darauf, dass es bislang nur erste Überlegungen zu dem Thema gebe.

«Ob es zu grundlegenden Verhaltensänderungen kommt - wie zum Beispiel die stärkere Nutzung von Home-Office, Verlangsamung oder größere Besinnlichkeit anstatt ständiges beschleunigtes Vorankommen - wird stark davon abhängen, wie und ob wir unseren Konsum und unsere Konsumerwartungen ändern oder nicht - und ob sich die Wirtschaft nach der Krise neu aufstellt.»

Lernchancen nutzen

Nach Angaben von Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, sind mehrere Szenarien denkbar - die pessimistische Vision: Nach der Corona-Krise begeben wir uns in die «totale Isolation», die Menschen werden argwöhnisch, trauen anderen weniger, Staaten und Gesellschaften schotten sich ab.

Die positivste Annahme: Die Welt geht gestärkt aus der Krise hervor. Den Menschen gelingt die Adaption ans Neue, sie passen sich also an und lernen, besser mit Veränderungen umzugehen und achtsamer miteinander zu sein. Während der Zeit der Corona-Isolation müssen sich die Menschen ja auf sich selbst besinnen, erläutert der Trendforscher. Dadurch könnten sie einen Lerneffekt erleben. «Das heißt, dass wir völlig neu ordnen, was wichtig und was unwichtig ist. Dass wir verstehen, dass die soziale Beziehung und Bindung zu anderen Menschen eigentlich unsere Gesellschaft erst ausmacht.»

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Und welches Szenario wird Wirklichkeit? «Im Grunde gehen wir heute davon aus, dass schon die Adaption gelingen wird - aber nicht uneingeschränkt», erklärt Gatterer. Nach seinen Worten kann es also in manchen Bereichen der Wirtschaft so etwas wie einen System-Crash geben. Teile der Gesellschaft könnten sich auch zurückziehen, um sich «den globalen Gefahren sukzessive zu entziehen», was etwa dem Nationalismus Aufwind geben könnte. Klar sei aber auch: Jeder könne dazu beitragen, die Krise zu überwinden - indem man ihre Lernchancen nutze.