Deutschland hat zur Zeit dickere Lehrpläne als die meisten Länder, die bei internationalen Vergleichsstudien ganz oben stehen. Und es stopft diese Fülle an Stoff auch noch in die Halbtagsschule. Diese vermag weder für die Schüler noch für die Lehrer Lebensmittelpunkt zu sein. Eine Ganztagsschule ist es aber automatisch, wenn man nicht Kurse wie Eisenbahnwaggons an die Leistungsfächer des Vormittags anhängt. Nur sie kann genug Zeit zum Lernen, Üben, Wiederholen und zur notwendigen Rhythmisierung bieten. Nur sie stärkt die Familie erzieherisch, weil sich Eltern von Ganztagsschülern messbar abends, an Wochenenden, in den Ferien mehr Mühe mit ihren Kindern geben als Eltern von Halbtagsschülern.

Das Lernen braucht einen fein komponierten Wechsel von Anspannung und Entspannung, so dass es kontraproduktiv ist, wenn Schulen am Montag in der ersten und am Freitag in der fünften Stunde Sport anbieten, weil es so im Stundenplan steht, und von Dienstag bis Donnerstag gar nicht. Erfolgreiche Schulen haben daher keine 45-Minuten-Takte mehr, sondern setzen die Erkenntnisse der Hirnforschung um, denen zufolge Einzelheiten wie Vokabeln, Geschichtszahlen oder Merksätze am besten in Zehn-Minuten-Einheiten gelernt werden, vernetzte naturwissenschaftliche Zusammenhänge aber in dreistündigen Portionen.

Wenn Schüler eine Stunde Mathe hatten, sollten sie sich also danach 20 Minuten bewegen, und wenn dann eine Stunde Deutsch folgt, sollten sie 20 Minuten malen oder ein Rollenspiel machen. Denn wenn direkt vor einer Mathe-Stunde ein Fach wie Geschichte, Physik oder Englisch liegt, bleibt das danach in Mathe Gelernte nur halb so gut im Kopf der Schüler haften, als wenn zuvor Bewegung oder Musizieren stattfand.

Mehr Freiräume geben

Umgekehrt ist es noch gravierender: Wenn direkt auf die Mathe-Stunde ein Fach wie Chemie oder Latein folgt, bleibt das zuvor in Mathe Gelernte nur ein Drittel so gut hängen, als wenn unmittelbar auf die Mathe-Stunde Sport oder künstlerisches Arbeiten folgt. Die wichtigste Frage beim Lernen ist stets: Was passiert mit dem Gelernten nach dem Lernen? Wohlmeinenden Müttern muss man daher sagen: Wenn ein Kind drei Stunden für eine schwere Klassenarbeit des nächsten Tages lernt, danach zu Abend isst, Fernsehen guckt und gleich ins Bett gehen soll, ist die Chance, eine gute Arbeit zu schreiben, deutlich geringer, als wenn das Kind nach dem Lernen noch einmal mit seinem Fahrrad um das Viertel fährt oder Fußball spielt.

Erfolgreiches schulisches Lernen braucht also rhythmisierte Ganztagsschulen und jahrgangsübergreifende Lernfamilien, weil Kinder von anderen Kindern mehr lernen als von Lehrern. Es braucht flexible Eingangsphasen, die das einzelne Kind nach ein, zwei oder drei Jahren Richtung Klassenstufe drei verlässt, ein hohes Maß an Individualisierung, Rhythmisierung und das Einbeziehen vieler Sinne gleichzeitig beim Lernvorgang, was wir Szenisches Lernen nennen.

Schüler lernen besser, wenn man ihnen im Rahmen von Wochen- oder Monatsplänen mehr Raum zu freier Selbstentscheidung gibt: über die Reihenfolge des zu Lernenden, die Lernmethode, ob sie einzeln, mit Partnern oder in Gruppen lernen und welche Körperposition sie dabei einnehmen wollen. Man muss zugleich mit Lerntagebüchern oder Arbeitsberichten die Kontrolle beim Lernen erhöhen.

Lehrer sollten sich ein- bis dreimal pro Woche neben jeden einzelnen Schüler setzen und mit ihm durchsprechen, was er ab jetzt tun sollte. Das ist für Lehrer bei weitem nicht so anstrengend, wie frontal vor einer Klasse unterrichten zu müssen. So etwas funktioniert nach aller Erfahrung aber nur, wenn man damit bei kleinen Kindern, also etwa ab dem 5. Lebensjahr, beginnt, und wenn Lehrer nicht für mehr als 18 Schüler zuständig sind.

Damit sind wir bei der außerordentlich hohen Belastung der deutschen Lehrer. Der Psychiater Joachim Bauer beklagt das „Multitasking“ unserer Pädagogen, das allzu oft zu dem mittlerweile reichlich überstrapazierten Begriff des Burnouts führt, und zwar infolge zu hoher Klassenfrequenzen in ungeeigneten, zu kleinen, nischenlosen und armselig ausgestatteten Räumen, mit viel zu dicken Lehrplänen, in denen es mehr um Wissensvermittlung als um den Aufbau des Könnens geht, das von der Wirtschaft zunehmend gefordert wird.

Hinzu kommt, dass Schüler infolge veränderter Hirnvernetzungen durch Medieneinflüsse anders lernen als früher. Dem kommt die unrhythmisierte Halbtagsschule überhaupt nicht entgegen, weil sie zum Beispiel die ungemein effiziente nachmittägliche Lernzeit zwischen 14 und 17 Uhr gar nicht nutzt. Joachim Bauer stellt auch fest, dass es zwar Pausen in der Schule gibt. Diese seien jedoch für Lehrer gar keine Pausen, weil sie in dieser Zeit meist noch mehr zu bewältigen haben als im Unterricht.

Das Ansehen der deutschen Lehrer ist in den letzten Jahren stark gestiegen, weil immer mehr Bürger erkennen, dass das Lehrersein heute keine „kleine Morgenstelle mit guter Bezahlung und vielen Ferien“ mehr ist, sondern ein Beruf mit einer Belastung, die nur noch mit der von Unfallchirurgen vergleichbar ist. Deutsche Lehrer haben eine deutlich höhere Unterrichtsstundenverpflichtung pro Woche als zum Beispiel die skandinavischen Lehrer, die nach Schulschluss Kindern noch Nachhilfe geben und Hausbesuche machen können, was beides von den Kommunen hervorragend zusätzlich bezahlt wird.

Wir brauchen eine ganz andere Lehrerbildung: Künftige Lehrer müssten vernetzte Lernbereiche statt Fächer unterrichten, sie sollten Erziehungshelfer gegenüber Eltern sein können und Kompetenzen diagnostischer und therapeutischer Art haben – gegenüber Kindern mit Besonderheiten wie etwa Hoch- und Teilbegabungen, AD(H)S, Legasthenie, Dyskalkulie oder Hörkortex-Probleme.

Erschöpfte Lehrer

Gute deutsche Schulen kokettieren längst damit, dass sie kaum noch in die Lehrpläne gucken, weil sie wollen, dass ihre Schüler möglichst viel können, wenn sie die Schule verlassen. Denn damit können sie sich auch immer selbst helfen. Das Wissen, nur einmal angeboten, ist nämlich bei der Hälfte aller durchschnittlichen Menschen nach sechs Wochen wieder weg. Unser Hirn ist so gebaut, dass wir gar nicht alles behalten sollen, weil sonst unsere innere „Festplatte“ zu voll wäre. Für Schulen bleiben also nur zwei Möglichkeiten, viel Lernen zu bewirken: Entweder sie wiederholen alles sechsmal (was in einer Halbtagsschule mit sehr dicken Lehrplänen nicht geht), oder sie nutzen beim Lernvorgang sechs Sinne beim Schüler gleichzeitig.

Wenn Kinder voneinander (das zwingt zu jahrgangsübergreifenden Klassen) und mit ganz vielen Materialien (etwa viermal so viel Materialien wie heute üblich) lernen, dann haben alle viel mehr davon. Denn Schüler lernen von anderen Schülern etwa doppelt so viel wie von Lehrern. Und erst dann sind die Lehrer freigesetzt, sich einzelnen Kindern zuwenden zu können. Wenn man Schüler nach Geburtsjahrgängen in Klassen unterbringt, sind die Lehrer geneigt, alle gleich zu behandeln, so dass die Schüler des oberen Leistungsdrittels zu wenig lernen, während die des unteren Leistungsdrittels viel zu wenig verstehen. Und wenn solche Lehrer dann mittags nach Hause kommen, können sie sich eigentlich nur noch erschöpft in ihr Bett werfen oder im Sommer – zur Verwunderung der Nachbarn – in den Liegestuhl im Garten.

Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.