In den USA sorgte vor einigen Tagen ein Video für Entsetzen, auf dem ein ertrinkender Mann zu sehen ist. Nach Medienberichten halfen junge Menschen ihm nicht, sondern zückten nur ihr Smartphone, um den Todeskampf zu filmen. In Deutschland wurden zuletzt Autofahrer bestraft, die nach einem Unfall die Rettungskräfte behinderten oder Staus verursachten, weil sie Filmaufnahmen machten. Wie verändern die digitalen Möglichkeiten unser Handeln in Notsituationen? Fragen an Martin Voß, dessen Fachgebiet an der FU Berlin die sozialwissenschaftliche Katastrophenforschung ist.

Herr Voß, täuscht der Eindruck, dass einigen Menschen in den digitalen Zeiten die Empathie auch in Katastrophen-Situationen verloren geht?

Die Empathie ist den Menschen schon in den vergangenen Jahrzehnten schleichend abhandengekommen. Nicht erst die elektronischen Medien haben dazu geführt, dass wir weltweit verbunden sind und in kürzester Zeit von Katastrophen und Unglücken erfahren. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, sich auf alles Leid in der Welt gleichermaßen einzulassen, also filtern wir zunehmend stärker.

Zuerst war dieses Phänomen vor allem in den Großstädten bekannt.

Ja, den Berlinern attestierte ein Soziologe schon Anfang des 20. Jahrhunderts Blasiertheit, wie er sagte, weil Einzelschicksale sie emotional nicht mehr sonderlich bewegten.

Die Masse an den überall verfügbaren Informationen ist inzwischen noch viel größer geworden. Was bewirken Facebook, Twitter und andere Dienste?

Aus meiner Sicht geht es zunächst um das Gerät, das Smartphone mit seiner Kamerafunktion. Das ist in den vergangenen Jahren fast zu einer Verlängerung des Körpers geworden. Das Gerät ist für uns immer griffbereit, wir denken über die Nutzung oft gar nicht mehr bewusst nach. In der U-Bahn lässt sich das Massenphänomen gut beobachten, wenn die Fahrgäste alle paar Minuten routiniert zu dem Smartphone greifen. Die Kamera ist immer dabei. Früher setzten die Menschen den Fotoapparat gezielt ein, wenn sie besondere Momente festhalten wollten. Beim Handy passiert das unterhalb der Bewusstseinsschwelle.

Und führt dazu, dass die Menschen in Katastrophen-Situationen nicht mehr helfen, sondern filmen wie bei dem sterbenden Mann in den USA?

Das war die absolute Ausnahme. Das prosoziale Verhalten ist gerade in Extremsituationen dominant. Wenn es darauf ankommt, würden die meisten spontan mit dem Smartphone in der Hosentasche ins Wasser rennen, um einen Ertrinkenden zu retten. In meinem Fachbereich haben wir uns mit Menschen in Extremsituationen beschäftigt. In den meisten Fällen sind sie bereit, Personen in Not zu helfen. Auf der Autobahn war ich vor zwei Tagen in Richtung Berlin unterwegs, als ich in einen Stau geriet.

Wie breit war die Rettungsgasse?

So breit, wie ich es selten erlebt habe.

Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht hatten Autofahrer vergessen, wie sie sich im Stau verhalten sollten. Fehlverhalten wie Gaffertum lässt sich nicht ausknipsen, es braucht von Zeit zu Zeit eine Aktualisierung des Bewusstseins. Ein anderes Beispiel: Handynutzung am Steuer. Ich nehme mich da nicht aus. Schon eine kleine Unaufmerksamkeit, ein leichtes Bremsen kann gravierende Auswirkungen haben. Das ist uns oft am Steuer nicht bewusst. Es würde helfen, wenn in der Öffentlichkeit stärker thematisiert würde, was damit alles zusammenhängt. Allerdings ohne den Duktus der Anklage.

Zurück zur Nutzung sozialer Medien: Die Erfolgsgeschichte von Twitter begann vor acht Jahren damit, dass Augenzeugen in New York Fotos von der auf dem Hudson gelandeten Linienmaschine zeigten. Katastrophenbilder hatten von Anfang an eine große Bedeutung für die sozialen Medien.

Da spielt der Narzissmus eine Rolle. Wer das dramatischste Bild liefert, bekommt die größte Aufmerksamkeit und erzielt eine enorme Reichweite und erhält Anerkennung. Das ist aber nur eine Nebenfolge, erklärt nicht, dass die Sensitivität insgesamt abzunehmen scheint für das Leid anderer, aber auch für ihre Privatsphäre, ihre Würde. Wir haben noch kein distanziertes Verhältnis dazu, was das Smartphone mit uns macht.

Sie haben an anderer Stelle auch auf die Einflüsse der Computer-Spiele hingewiesen.

Man muss nicht kulturkritisch sein, um festzustellen, dass angelernte Barrieren bei den sogenannten Ego-Shootern langsam abgebaut werden, wenn es nur darum geht, der Stärkere zu sein und im Kampf mit Gegnern zu überleben. Aber was das angeht, stehen diese Spiele durchaus symptomatisch für eine gegenwärtig stark auf das Ego gerichtete gesellschaftliche Ideologie insgesamt.

Gamer verteidigen sich, indem sie sagen, dass im Spiel keine wirklichen Personen sterben. Sie vergleichen ihre Handlungen des Tötens mit der bei „Mensch ärgere dich nicht“, wo ein Püppchen rausgeworfen wird.

Für vier- oder fünfjährige Kinder geht es um viel mehr, als nur wieder neu starten zu müssen mit einer Figur. Das ist eine aussichtslose Sache. Der Titel „Mensch ärgere dich nicht“ macht schon deutlich, welche emotionale Kraft das Brettspiel hat. Da wird der gesamte emotionale Haushalt erreicht. Das ist nicht einfach nur ein Spiel, das lässt sich nicht so einfach trennen. 

Die neuen Technologien haben also in vielfältiger Form einen massiven Einfluss auf unseren Alltag. Was heißt das für unsere Zukunft?

Die Bedeutung des Smartphones ist unterschätzt. Sie verändern die Gesellschaft tiefgründig und vieldimensional. Wir müssen darüber nachdenken, auch über die Folgen für unsere Normen und Werte. Bislang führen wir diese Diskussionen oberflächlich.

Und dann?

Werden wir uns vielleicht darauf besinnen, dass nichts die Qualität der unmittelbaren sozialen Beziehung ersetzen kann. Je distanzierter aber unsere Sozialbeziehungen werden, umso stärker werden wir auch mit Verhaltensformen konfrontiert werden, die wir als Gesellschaft nicht gutheißen. Die Sanitätskraft oder die Feuerwehrfrau sind diejenigen, die das zu spüren bekommen.

Das Interview führte Jörg Hunke.