Matze Hielscher freut sich, wenn Interview-Partner ihm Weisheiten und Lebenstricks erzählen.
Foto: ©Yves Borgwardt

BerlinMatze Hielscher ist Mitgründer des digitalen Stadtmagazins „Mit Vergnügen“. Seit 2016 führt er im Podcast „Hotel Matze“ Gespräche mit Schauspielern, Künstlern und anderen Kreativen. Ein Gespräch über seine Geduld, seine Leidenschaft und das Kriterium für erfolgreiche Dialoge.

Herr Hielscher, „Hotel Matze“ gehört zu den erfolgreichsten deutschen Podcasts. Warum bringen Sie jetzt ein Buch dazu raus?

Ich bin nicht die Person, die Filme zweimal guckt. Serien auch nicht. Und ich höre mir Podcast-Folgen auch kein zweites Mal an. Im Urlaub habe ich aber mal in eine frühere Folge von „Hotel Matze“ reingehört, die mit dem Sternekoch Tim Raue, und da habe ich schnell festgestellt, dass ich drangeblieben bin. „The good shit sticks“, wie es so schön heißt. Ich wollte, dass man sich an die besten Sachen erinnert. An die Weisheiten und Lebenstricks meiner Gäste. So wie man Notizen in ein Heft schreibt, damit man sie später nachlesen kann.

Was macht Sie sicher, dass Ihr Buch „Die Schule meines Lebens“ auch für sich alleine funktioniert?

Foto: ©Yves Borgwardt
Zur Person

Matthias Hilscher erlangte erste Bekanntheit mit der Indie-Popband Virginia Jetzt. Gegründet wurde die Band 1999 in Elsterwerda. Danach entstand das Online-Stadtmagazin „Mit Vergnügen“ und sein Podcast „Hotel Matze“. Begleitend dazu ist jetzt das Buch „Die Schule meines Lebens“ erschienen, in dem Hielscher Lebensweisheiten seiner Gäste festhält.

Als ich das Exposé geschrieben und meinen Freunden gegeben habe, um herauszufinden, ob sie etwas damit anfangen können, sagte mir nur eine von sieben Personen, dass das kein Mensch braucht. Alle anderen fanden die Idee sehr gut. Wenn alle sieben gesagt hätten, dass das Buch keine Bereicherung ist, dann hätte ich es nicht geschrieben. Was mir auch klar wurde: Man muss den Podcast „Hotel Matze“ nicht kennen, um das Buch „Die Schule meines Lebens“ zu verstehen.

Was ist für Sie ein erfolgreiches Gespräch?

Ich glaube, jeder kann tolle Gespräche führen. Ich mache es halt beruflich und habe inzwischen Routine. Manchmal gibt es Momente, in denen ich denke: „Boah, das war jetzt ein geiles Gespräch. Das war echt super.“

Wann entsteht das?

Wenn man jemanden kennenlernt. Man hat etwas von dieser Person erfahren, von ihrem Beruf oder von ihrer Welt. Und dann geht man nach Hause und erzählt es seinen Freunden. Dann weiß man, dass das ein gutes Gespräch war. Und wenn so eine Folge gehört und weiterempfohlen wird, dann trägt mich das weiter. Und die Gäste natürlich auch.

Sie haben vor „Hotel Matze“ schon mit dem Online-Stadtmagazin „Mit Vergnügen“ eine große Reichweite erzeugt, mittlerweile führen Sie ein modernes Medienhaus mit vier Lokalredaktionen in Berlin, München, Hamburg und Köln. Sie sind aber, wie Sie im Buch schreiben, kein gelernter Journalist. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in diese Richtung zu gehen?

Woher der Gedanke gekommen ist, das kann ich heute leider nicht mehr sagen.

Aber was treibt Sie an?

Meine Frau fragt mich auch manchmal, wann ich endlich genug habe.

Ihre Antwort?

Ich finde es toll, dass ich durch „Hotel Matze“ so viele Leute getroffen habe. Für mich gibt es kaum etwas Schöneres als die Zusage, dass ich Menschen wie den Kabarettisten Luke Mockridge oder den Schauspieler, Regisseur und Autor Joachim Meyerhoff treffen werde, um mit ihnen ein Interview zu führen. Ich gehe zum Beispiel auch nicht in Clubs, sondern bereite mich auf Interviews vor, weil mich das einfach mehr interessiert.  Anderes Beispiel: Es gibt Leute, die an die Ostsee fahren, um Urlaub zu machen. Ich fahre dann lieber für drei Tage zu der Schriftstellerin Sibylle Berg in die Schweiz.

Es ist auch erstaunlich, welchen Aufwand Sie für bestimmte Gespräche betreiben. Bei Wolfgang Joop haben Sie lange gewartet, weil er Interview-Termine auch mit dem Grund „Heute keine Lust“ platzen lässt. Wo liegt Ihre Schmerzgrenze?

Wenn jemand sagt, dass er nicht mit mir sprechen möchte, dann frage ich nicht noch einmal nach. Aber wenn ich merke, dass die Person nur im Moment keine Zeit hat und ich es zu einem späteren Zeitpunkt probieren soll, dann bleibe ich dran. Ich möchte zum Beispiel einen großen deutschen Philosophen sprechen – Sie können sich denken, wen ich meine – und ich bin seit zwei Jahren hinter ihm her. Mir wurde ein Telefoninterview an seinem offiziellen Promo-Tag angeboten, aber so was mache ich nicht.

Was machen Sie?

Ich weiß, dass das mit dem Gesprächstermin irgendwann klappen wird. Deshalb warte ich lieber. Mit Farin Urlaub würde ich gerne über das neue Album der „Ärzte“ sprechen,  aber ich mache das lieber etwas später, wenn alles entspannter für ihn ist. Ich muss nicht immer der Erste sein. Manchmal ist es doch auch schön, warten zu können.

Kommt das mit dem Privileg, dass Sie sich durch „Mit Vergnügen“ oder „Hotel Matze“ ein gewisses Standing, eine gewisse Marke aufgebaut haben?

Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass man diese Möglichkeiten immer hat. Bei „Mit Vergnügen“ haben wir auch bei null angefangen. Es hat was damit zu tun, dass „Hotel Matze“ am Anfang nebenbei lief und sich zu etwas Großem entwickelt hat. Ich habe das Glück, dass ich selbstbestimmt handeln kann. Ich muss nicht in Zeichen oder Headlines denken. Bei „Hotel Matze“ bin ich das einzige Publikum. Wenn ich jemanden treffen will, dann gehe ich hin, weil ich die Person treffen möchte, nicht weil jemand denkt, dass ich sie kennenlernen sollte. Ich frage nicht für ein gefühltes Publikum, für irgendeine Chefredakteurin, sondern nur für mich.