Die eine sammelte Kräuter, der andere buddelte in der Erde. Und beide stießen mit solch simpel anmutenden Methoden auf Medikamente, die seither jedes Jahr Millionen von Menschen in den Tropen das Leben retten. Für ihre Verdienste bei der Behandlung der Malaria, der Flussblindheit und der Elephantiasis erhalten die Chinesin Youyou Tu sowie der Japaner Satoshi Omura gemeinsam mit dem in Irland geborenen US-Forscher William Campbell den diesjährigen Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Die Auszeichnung, die mit acht Millionen schwedischen Kronen (knapp 880.000 Euro) dotiert ist, geht zur Hälfte an Youyou Tu und je zu einem Viertel an ihre beiden männlichen Kollegen. Überreicht wird der Preis am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel.

Von Parasiten verursachte Erkrankungen wie die Malaria, die Flussblindheit und die Elephantiasis träfen vor allem die ärmsten Menschen der Welt, hieß es gestern in der Begründung des Nobelkomitees. „Die Preisträger haben Therapien entwickelt, die die Behandlung dieser verheerenden Krankheiten revolutioniert haben“, sagte Urban Lendahl, Sekretär des Nobelkomitees, auf einer Pressekonferenz am schwedischen Karolinska-Institut in Stockholm. Der Nutzen ihrer Entdeckungen für die Menschheit sei unermesslich, fügte Juror Hans Forssberg hinzu: Kinder könnten dank der Arzneien wieder zur Schule gehen, Erwachsene zu ihrer Arbeit – und beides helfe, noch größere Armut zu verhindern.

Das Kraut, das in den späten 60er-Jahren Youyou Tus Interesse geweckt hatte, ist eine seit Urzeiten verwendete chinesische Heilpflanze namens Artemisia annua, auf Deutsch einjähriger Beifuß. Die Forscherin war damals auf der Suche nach einem neuen Wirkstoff gegen die tropische Malaria, da die bislang verwendeten Substanzen Chinin und Chloroquin an Wirkung verloren hatten. Die Tropenkrankheit, die von einzelligen Parasiten, den Plasmodien, verursacht und von Stechmücken übertragen wird, befällt jedes Jahr fast 200 Millionen Menschen. Unbehandelt führt sie vor allem bei Kindern oft zum Tod.

Arznei aus Beifuß

Der einjährige Beifuß schien der Chinesin ein besonders geeigneter Kandidat zu sein, um die Plasmodien im Körper der infizierten Menschen zu zerstören. Zunächst allerdings blieben die Ergebnisse entsprechender Heilversuche bescheiden. Erst die intensive Lektüre alter chinesischer Schriften über pflanzliche Medizin lieferte der Wissenschaftlerin den entscheidenden Hinweis: Sie stieß auf eine Methode, um den eigentlichen Wirkstoff der Heilpflanze, der später Artemisinin genannt wurde, zu extrahieren. Bis heute wird die Substanz auf der ganzen Welt eingesetzt, um die tropische Malaria zu behandeln.

In Kombination mit anderen Medikamenten reduziert Artemisinin die Sterblichkeit der Malaria um mehr als 20 Prozent, bei Kindern sogar um mehr als 30 Prozent. Das bedeutet, dass mithilfe des Wirkstoffes allein in Afrika jedes Jahr gut 100.000 Menschenleben gerettet werden. Kai Matuschewski, Professor für molekulare Parasitologie an der Berliner Humboldt-Universität, zählt Artemisinin gar zu den wichtigsten Arzneien der Welt. „Ohne dieses Medikament wäre die Menschheit der Malaria nicht Herr geworden“, sagt er.

Während die Malaria von Einzellern verursacht wird, sind bei der Flussblindheit und der Elephantiasis Fadenwürmer die Auslöser. Die Larven der Würmer gelangen ebenso wie die Plasmodien über Mückenstiche in den menschlichen Körper. Die Flussblindheit macht sich anfangs vor allem durch Knoten in der Haut bemerkbar. Dringen die Larven zu den Augen vor, schädigen sie diese bis hin zur Blindheit. Auffälligstes und namensgebendes Symptom der Elephantiasis ist ein Lymphstau in den Extremitäten, vor allem in den Beinen. Dadurch kommt es zu teilweise grotesk anmutenden Schwellungen in den betroffenen Körperteilen, die jahrelang anhalten können.

Satoshi Omura hatte sich Anfang der 70er-Jahre eigentlich auf die Suche nach neuen Antibiotika begeben. Fündig geworden war der Mikrobiologe in der Erde: Aus Bodenproben konnte er damals diverse Bakterienarten der Gattung Streptomyces isolieren und anschließend im Labor kultivieren. Die Keime sind bekannt dafür, dass sie eine Vielzahl antibiotisch wirkender Substanzen produzieren, unter anderem das Streptomycin.

Eine der Bakterienarten, Streptomyces avermitilis, stellte allerdings kein Antibiotikum her, sondern ein Nervengift: das Avermectin, das unter anderem Fadenwürmer lähmt und zu deren Tod führt. William Campbell gelang es, den Wirkstoff zu isolieren und damit parasitäre Erkrankungen bei Tieren zu heilen.

An Flussblindheit oder Elephantiasis erkrankte Menschen erhalten heutzutage ein Gemisch zweier halbsynthetischer Avermectine, das unter dem Namen Ivermectin zum Einsatz kommt. Die Behandlung sei so erfolgreich, dass beide Krankheiten am Rande der Ausrottung stünden, hieß es vom Nobelkomitee.

Das kann der Berliner Parasitologe Matuschewski bestätigen. Er habe es in den 80er-Jahren auf Reisen nach Westafrika noch erlebt, dass es in jedem Dorf viele blinde Menschen gab, die von Kindern geführt werden mussten. „Heute spielt die Flussblindheit dort so gut wie keine Rolle mehr“, sagt er.

Satoshi Omura hat die Auszeichnung dennoch mit großer Bescheidenheit aufgenommen. „Ich dachte: Darf ich es wirklich sein?“, sagte der 80-Jährige dem japanischen Fernsehsender NHK. Schließlich habe er viel von den Mikroorganismen gelernt: „Es wäre angemessen, wenn man ihnen den Preis verleihen könnte.“

Politische Botschaft

„Überraschend, aber toll“, findet Egbert Tannich vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg die Wahl des Nobelkomitees. Aus seiner Sicht ist damit auch eine politische Botschaft verbunden – und zwar die Aufforderung, sich auch künftig mehr um vernachlässigte tropische Erkrankungen zu kümmern. „Malaria, Flussblindheit und Elephantiasis sind Krankheiten, die in Entwicklungsländern sehr häufig vorkommen, sehr großen Schaden anrichten und in der Vergangenheit viel zu wenig Beachtung fanden“, sagt er.

Das von Youyou Tu entdeckte Artemisinin zum Beispiel sei einst wie gerufen gekommen. „Die Medikamente gegen die schwere Form der Malaria gingen uns langsam aus, weil Resistenzen zunahmen“, erzählt Tannich. Artemisinin habe schnell und gut angeschlagen. Mittlerweile gebe es jedoch auch gegen diese Arznei erste Resistenzen.

„Die Forschung muss daher weitergehen“, sagt Tannich. Er sieht in der Wahl des Komitees auch den Appell, die biologische Vielfalt zu erhalten. Gewiss halte die Natur noch viele Schätze bereit, die sich medizinisch nutzen ließen.