Tot. Seelenlos. Anders lassen sie sich nicht beschreiben, die grauen Feuchtpräparate in den Gläsern, die zu Hunderten im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité stehen. Sie zeigen in Scheiben geschnittene Gehirne, Zystenlebern, tuberkulöse Lungen, fehlentwickelten Föten. Alle säuberlich konserviert in der Präparatesammlung, die 1899 vom Pathologen Rudolf Virchow angelegt worden war – im Dienste der Wissenschaft. Die moderne Medizin hat ihm und seinen Nachfolgern viel zu verdanken.

Doch wo ist die Seele? Man findet sie nicht in dieser streng naturwissenschaftlich ausgerichteten Anatomie. Zum Beispiel beim Herzen. Sein Aufbau als Blutpumpe und seine Krankheiten sind gut zu erkennen. Aber dass das Herz der Sitz der Seele sein soll, kann man sich kaum vorstellen.

Doch genau diese Auffassung herrschte in der Antike. Viele griechische Ärzte und Philosophen glaubten, dass im Herzen der Ursprung aller Wahrnehmungs- und Bewegungsimpulse liege. Aristoteles hatte das aus der Ähnlichkeit der Sehnenfäden im Herzen mit den Sehnen an Knochen und Gelenken geschlossen. Die Blutgefäße wiederum übermittelten die vom Herzen ausgehenden Lebenssignale.

Exponate in Virchows Präparatesaal

Die Gelehrten der Antike hatten ein biologisches Verständnis von der Seele als einer Kraft, die nicht nur dem Körper Leben einhauchte, sondern auch sein Funktionieren organisierte. Das veranschaulicht eine neue Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum.

Sie heißt „Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper“ und wurde direkt in Virchows Präparatesaal installiert. Die Besucher stoßen nun plötzlich beim Betrachten der in Formalin eingelegten Organe auf Bilder, Texte und Objekte, die antike Gegenbilder erzeugen sollen.

Geschwollene Leber

Ein Beispiel: Die Gläser im Virchowsaal zeigen, was aus einer Leber werden kann, wenn man Syphilis hat oder zu viel Alkohol trinkt. Die Organe wurden Verstorbenen an der Charité entnommen. Der Blick auf Krankheit und Zerstörung ist rein anatomisch. Daneben haben die Ausstellungsmacher einen Text des griechischen Arztes Hippokrates über Sinnesstörungen und Delirien bei geschwollener Leber gelegt.

Er beschreibt zunächst, warum die Leber anschwillt – weil nämlich „die Galle nach der Leber strömt“. Dann schildert er das seelische Erleben. Vor den Augen des Patienten erschienen „Reptilien und alle möglichen anderen Tiere, kämpfende Hopliten, es kommt ihm vor, als ob er selbst Kämpfe bestünde“.

Diese Krankheit, so Hippokrates, befalle einen „meistenteils auf Reisen und wenn man irgendeinen einsamen Weg geht und einen wegen eines Schreckbildes Furcht erfasst“. Man begegnet hier einem frühen Ansatz psychosomatischer Medizin, auch wenn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse noch dürftig sind.

Die Ausstellung im Präparatesaal wurde von einer sechsköpfigen Forschergruppe namens „Mapping Body and Soul“ erarbeitet. Wie die Kuratorin Uta Kornmeier erklärt, habe man das Thema Seele in zehn Kapitel aufgegliedert und versucht, diese mit den jeweiligen Themen in den Vitrinen korrespondieren zu lassen.

Dort, wo das Museum zum Beispiel die Sektionsinstrumente der Charité-Forscher zeigt, erfährt man auch etwas über jene Sektionen, mit denen antike Ärzte spätestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus versuchten, die Funktionsweise des Körpers zu verstehen und dabei auch den Sitz der belebenden Seele zu finden. Sie schnitten ausschließlich die Körper von Tieren auf. Ein präparierter Berberaffe sitzt in der Ausstellung als Beispiel dafür.

Über die Seele herrschte in der Antike kein einheitliches Bild. Das erstaunt kaum, immerhin behandelt die Ausstellung einen Zeitraum zwischen 500 vor Christus und 200 nach Christus. Der Titel „Die Seele ist ein Oktopus“ bezieht sich auf einen Vergleich der Philosophen der stoischen Schule. Die acht Arme des Oktopus verkörperten für sie die fünf Sinne des Menschen sowie das Denken, Sprechen und die Fortpflanzung.