Seit dem Neurowissenschaftler Thomas Südhof im Oktober zusammen mit zwei US-Kollegen der Medizinnobelpreis 2013 zugesprochen wurde, liegt seine Forschung auf Eis. Alle Welt will etwas – Vorträge, Interviews, Gutachten, Ratschläge. Die meisten Anfragen lehnt er mittlerweile ab. Doch als das deutsche Generalkonsulat sich bei Südhof meldete und fragte, ob der in Göttingen geborene und seit vielen Jahren in den USA arbeitende Wissenschaftler neben der US-Staatsbürgerschaft auch wieder die deutsche möchte, sagte er gerne ja. Auch eine Einladung nach Berlin lockte ihn. Am morgigen Mittwoch hält er an der Freien Universität einen öffentlichen Vortrag.

Herr Professor Südhof, ist Ihr Leben durch den Nobelpreis ein anderes geworden?

Der Nobelpreis ist noch zu frisch, um das wirklich zu beurteilen. Die paar Monate seit der Bekanntgabe im Oktober waren „amazing“, wie man auf Englisch sagen würde. Es war aufregend und interessant. Verändert hat sich vor allem, dass ich kaum Zeit hatte für mein gewohntes Leben. Schön sind auch die kleinen Annehmlichkeiten. Ich fliege zum Beispiel lieber Business Class, weil ich in der Economy Class so wenig Platz für meine langen Beine habe. Wenn ich früher zu Vorträgen eingeladen wurde, musste ich immer diskutieren, um das teurere Ticket zu bekommen. Als Nobelpreisträger habe ich das nicht mehr nötig.

Sie reisen also ganz entspannt nach Berlin. Wie sieht Ihr Programm hier aus?

Am Mittwoch bin ich an der Freien Universität, die ja eine Partnerschaft mit meinem Arbeitgeber, der Stanford University in Kalifornien, pflegt. Außerdem werde ich einige Kollegen an der Charité treffen. Es gibt dort hervorragende Neurowissenschaftler. Und ich gönne mir zwei Konzertbesuche: in der Philharmonie und der Deutschen Oper. Ich freue mich schon. Berlin hat einen guten Ruf in den USA. Als lebendige Stadt und als guter Wissenschaftsstandort, wenngleich es da wohl anderen deutschen Städten noch hinterherhinkt.

Sind Sie nur noch auf Achse und halten Vorträge?

Eigentlich lehne ich alle Anfragen ab. Ich will wieder Zeit für meine Forschungsarbeit haben. Der Berlin-Besuch ist auch ein Dankeschön an die Stanford University. Und eine Deutschlandreise ist für mich natürlich besonders attraktiv.

Wie war es in Stockholm bei der Nobelpreisverleihung?

Es war sehr festlich und sehr förmlich. Ich war mit der ganzen Familie da, wir haben in einem wunderschönen Hotel gewohnt. Beim Essen habe ich neben Königin Sylvia gesessen und wir haben uns nett unterhalten. Was ich vorher nicht wusste: Die Kosten für die Reise nach Stockholm werden von dem Preisgeld abgezogen. Reich macht der Nobelpreis also nicht gerade, mir bleiben nach Steuern vielleicht 200.000 Dollar, da gibt es viel höher dotierte Preise. Dennoch ist es natürlich alles wunderbar.

Bitte erklären Sie in wenigen Sätzen, wofür Sie den Nobelpreis bekommen haben.

Das Gehirn funktioniert, indem Trillionen von Zellen miteinander über besondere Verbindungstellen kommunizieren, die sogenannten Synapsen. Ich untersuche, wie Nervenzellen miteinander reden. Das Faszinierende ist nicht nur die präzise und schnelle Signalübertragung, sondern auch die Tatsache, dass das Signal dabei auch noch verarbeitet und verändert wird wie von einem Minicomputer. Ich habe den Nobelpreis dafür bekommen, dass ich den molekularen Prozess aufgedeckt habe: Gene, Moleküle und Mechanismen, die erklären, wie eine Nervenzelle so präzise sprechen kann.

Woran forschen Sie jetzt?

Ich möchte in Zukunft mehr darüber herausfinden, wie die Verbindungen zwischen Nervenzellen bestimmt werden und wie sie sich etablieren. Bei Krankheiten wie Autismus und Schizophrenie spielt das eine große Rolle. Wenn wir die fundamentalen Prozesse aufdecken, gibt es auch eine Chance auf neue Therapien.

Sind Sie Deutscher oder Amerikaner?

Ich bin in den 90er-Jahren wegen der Steuergesetzgebung US-Staatsbürger geworden. Den deutschen Pass zu behalten, war mir damals nicht so wichtig. Als das mit dem Nobelpreis bekannt wurde, hat mich das deutsche Generalkonsulat in San Francisco gefragt, ob ich auch wieder deutscher Staatsbürger sein möchte. Das wollte ich gerne, denn ich habe Deutschland viel zu verdanken. Nun habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft, sogar meine Kinder haben einen deutschen Pass. Nach Stockholm bin ich schon mit deutschem Pass gereist.

Wie halten Sie Kontakt nach Deutschland?

Ich bin einmal im Jahr in Deutschland, manchmal auch öfter. Ich besuche dann meine Schwester in Hannover und meine beiden Brüder in Süddeutschland. Auch zu ehemaligen Mitarbeitern, einige sind heute Professoren in Deutschland, halte ich engen Kontakt.

Frühe Wegbegleiter beschreiben Sie als forschungsbesessenen und ehrgeizigen Typ. Trifft das zu?

Ich widme mich Themen und Tätigkeiten intensiv und hochkonzentriert. Das würde ich im Englischen „intense“ nennen. Klar war ich viel im Labor. Ich habe aber während des Studiums zum Beispiel auch viel Musik gemacht. Ehrgeizig im Sinne von Posten ergattern war ich nie. Mir ging es immer um die Sache, nicht um die berufliche Karriere.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich arbeite etwa zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Morgens bringen meine Frau oder ich die Kinder in die Preschool, einer von uns holt sie ab und fährt dann wieder an die Uni. Zum Abendessen bemühen wir uns, alle zu Hause zu sein. Meine Frau ist ebenfalls Professorin an der Stanford University. Das ist nicht einfach mit zwei kleinen Kindern. Früher sind wir viel ins Konzert gegangen und gereist. Heute ist unser Leben bestimmt durch Saskia und Alexander. Es ist anstrengend, aber wir sind unheimlich glücklich.

Ihre Frau stammt aus China, Sie sind Deutscher. Wachsen Ihre Kinder dreisprachig auf?

Englisch und Chinesisch können die beiden gut. Mit Deutsch hapert es noch etwas.

Wie lebt ein renommierter Forscher in Kalifornien – in einer tollen Villa mit Pool?

Die Vorstellungen in Deutschland über das Leben in Amerika sind nicht immer ganz richtig. Wir leben gut und bequem, haben eine bescheidene Villa und tatsächlich einen Pool, aber als Akademiker wird man in den USA nicht gerade üppig bezahlt. Andere Berufe im Silicon Valley sind viel höher dotiert. Ich will mich aber keinesfalls beklagen. Ich bin glücklich mit meiner Tätigkeit.

Mitte der Neunzigerjahre sind Sie aus den USA zurückgekommen und waren zwei Jahre Direktor am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Was zog Sie wieder in die USA?

Den Posten hatte ich angenommen unter der Voraussetzung, das Institut zu erneuern. Das war eine tolle Gelegenheit, ich war Feuer und Flamme und habe mir auch gleich ein Haus gekauft in meiner Geburtsstadt Göttingen. Dann bekam die Max-Planck-Gesellschaft einen neuen Präsidenten, Hubert Markl, und der übertrug die Zukunftsplanung den älteren Direktoren. Das passte mir nicht. Daraufhin legte Professor Markl mir nahe, in die USA zurückzugehen. Das habe ich getan. Heute würde ich das anders machen. Aber ich war damals noch jung, Anfang 40, da lässt man sich noch leichter verunsichern.

Wäre jetzt nicht die Gelegenheit für einen neuen Anlauf als Max-Planck-Direktor?

Dafür bin ich mit Ende 50 wohl schon zu alt. Ich möchte nicht, wie es in Deutschland üblich und vorgeschrieben ist, mit 65 aufhören zu arbeiten. Im Grunde stehe ich auch nicht hinter dem System der Max-Planck-Gesellschaft.

Was ist falsch daran? Man hört von Forschungsfreiheit und gut ausgestatteten Instituten.

Ich halte es nicht für sinnvoll, die Institute so separat von den Universitäten zu führen. In den USA gibt es im medizinischen Bereich das Howard Hughes Medical Institute, ein virtuelles Institut, das exzellenten Forschern an Universitäten zu einer besseren Ausstattung verhilft. Es ist keine Förderung auf Lebenszeit. Ein Howard Hughes Investigator muss immer wieder seine Exzellenz beweisen. Die Förderzeiträume sind aber auch nicht so kurz wie in Deutschland zum Beispiel die Programme der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Etwas wie Howard Hughes fehlt in Deutschland.

Die USA sind also nach wie vor ein Traum für Forscher?

Nicht in allen Bereichen. Bestimmte Dinge sind besser in Amerika: Die Kommunikation unter Forschern ist einfacher, weil die Labore kleiner sind. Die Atmosphäre ist extrem fruchtbar. Die Bezahlung und die Ausstattung der Labore sind aber häufig sogar besser in Deutschland. In Europa wird Wissenschaft inzwischen mit hohen Summen gefördert, während die Bedingungen in den USA eher ein bisschen schlechter geworden sind.

Sie haben einen besonderen Bildungsweg hinter sich und das Abitur an einer Waldorfschule gemacht. Eine ungewöhnliche Karriere.

Extrem ungewöhnlich. Ich bin der erste Waldorfschüler, der einen Nobelpreis bekommen hat. Meine Haltung zu diesen Einrichtungen heute ist freundlich, aber kritisch. Waldorfschulen haben viel Gutes, aber ich befürworte nicht alles. Waldorfschulen können extrem gut sein, wenn man dort auf ausgezeichnete Lehrerpersönlichkeiten trifft. Ich hatte dieses Glück. Insgesamt kommt es in allen Stadien des Lebens enorm darauf an, gute Mentoren und Vorbilder zu haben.

Haben Sie sich im fernen Kalifornien etwas Waldorfmäßiges bewahrt in ihrem Leben?

Ich habe nach wie vor ein großes Interesse an Kunst, Musik und Literatur. Das, und auch meine kreativen Fähigkeiten, hätte ich an einer normalen Schule wohl nicht so entwickelt. Ich finde bis heute, dass man sich an Regelschulen zu sehr auf messbare Leistungen und die Vermittlung naturwissenschaftlicher und mathematischer Fakten konzentriert. Bestimmte Dinge, Sprachen etwa, sind wichtig schon als Kind zu lernen, weil es später so schwerfällt. Alles andere kann man sich erschließen, wenn man den Kopf dafür hat.

Haben Sie einen Tipp für Nachwuchswissenschaftler?

Ich sehe mit Besorgnis, wie sehr schon junge Leute danach schielen, wo sie später einmal einen Job bekommen können. Ich würde eher raten, danach zu gehen, was einen interessiert, was man eigentlich machen will in seinem Leben und womit man glücklich werden kann.

Das Interview führte Anne Brüning.