Berlin - Eine saubere Sache: In Spandau hat die Berliner Energieagentur (BEA) ein wegweisendes Mieterstromprojekt gestartet. Das Besondere: Die Solargeneratoren wurden auf begrünten Dächern installiert, die Gebäude gehören der Baugenossenschaft Charlotte. Zudem wurden Ladesäulen für Elektroautos installiert. Insgesamt hat die BEA am Freudenberger Weg vier Solaranlagen mit je 18 Kilowatt Leistung sowie eine Anlage mit 27 Kilowatt gebaut. Die Bewohnerinnen und Bewohner können den Sonnenstrom als Kiezstrom der BEA beziehen. Jährlich erzeugen die Solarmodule rund 89,5 Megawattstunden.

Sauberer Generator und Klimaanlage zugleich

„Fotovoltaik auf dem Gründach ist eine ideale Kombination, um dezentral mehr sauberen Strom zu erzeugen und mehr bewachsene Flächen für ein besseres Stadtklima zu schaffen“, sagt Michael Geißler, Geschäftsführer der BEA. Die Gründächer wirken wie eine natürliche Klimaanlage und Wärmedämmung. Darüber hinaus hat die BEA Ladesäulen für Elektroautos in den Tiefgaragen aufgestellt. „Wir verzeichnen ein steigendes Interesse aus der Wohnungswirtschaft nach Ladesäulen“, analysiert Geißler. „Immer mehr Mieterinnen und Mieter wünschen Lademöglichkeiten auch in Mehrfamilienhäusern.“

Insgesamt hat die BEA am Freudenberger Weg acht Ladesäulen mit einer Ladeleistung von jeweils 22 Kilowatt eingebaut, die mit dem Sonnenstrom von den Dächern gespeist werden. Reicht die Sonne nicht aus, wird Ökostrom aus dem Stromnetz genutzt. „Mit dem Sonnenstrom vom eigenen Dach lassen sich die E-Autos günstig laden“, sagt Michael Geißler.

Imago/Anna Huber/Westend61
Mehr Sonne für Berlin

Die sechsteilige Serie befasst sich mit den Chancen der Fotovoltaik für Berlin und die umliegende Region. Dabei geht es um konkrete Anwendung, die technischen Möglichkeiten, die Förderung und weitere praktische Fragen. Diese stellen sich nicht nur für  Eigenheimbesitzer, Mieter und Vermieter, sondern auch für Unternehmer, Architekten und die Kommune.

Heiko Schwarzburger ist Maschinenbauingenieur und Chefredakteur des Fachmediums photovoltaik, dessen Redaktion in Berlin ansässig ist. Er hat im VDE-Verlag unter anderem den Ratgeber „Energie im Wohngebäude“ veröffentlicht. Für Mai 2021 ist sein neuer Ratgeber „Sonnenstrom aus der Gebäudehülle“ angekündigt. Zudem betreibt er das Webportal Solar Age, das sich an Architekten, Planer und die Immobilienwirtschaft richtet.

Die Rechnung ist einfach: Normalerweise kostet die Kilowattstunde Netzstrom rund 30 Cent. Mit solaren Dachanlagen wie in Spandau lässt sich die Kilowattstunde für acht bis zehn Cent erzeugen. Freilich kommen noch Aufschläge wie beispielsweise die EEG-Umlage dazu. Und natürlich reicht der günstige Sonnenstrom im Winter nicht aus, um den Strombedarf zu decken. Aber dennoch ist die Mischkalkulation charmant, die Mieter kommen deutlich günstiger dabei weg als mit Netzstrom.

Das Spandauer Beispiel zeigt: Es funktioniert. Die Berliner Energieagentur war und ist Vorreiter solchen neuen Projekte, hat in Berlin schon etliche Dächer mit Solargeneratoren bestückt. Sie tritt als Dienstleister auf, plant, baut und finanziert die Anlagen. Die Refinanzierung erfolgt über den Stromverkauf an die Mieter. Wenn gewünscht, wird der Sonnenstrom mit einer stromerzeugenden Heizung kombiniert. Das sind mit Erdgas betriebene Blockheizkraftwerke, die in der Heizperiode einspringen, wenn die Sonne schwächelt. Sie liefern den Winterstrom und die Heizwärme. Mit dieser Kombination lassen sich ganze Quartiere nahezu autark versorgen.

Gebäude bedecken elf Prozent der Fläche Berlins

Berlin hat ein gewaltiges Pfund, das es noch nicht entdeckt hat: Rund 3,6 Millionen Menschen leben in dieser Stadt, genauer gesagt in rund einer halben Million Gebäude. Nach Berechnungen der Wissenschaftler von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin bedecken die Gebäude rund elf Prozent der Fläche des Stadtstaates Berlin.

Vor allem Dächer – aber auch Fassaden – sind ein echter Wert, weil man sie mit Solartechnik zur Stromerzeugung nutzen kann. Einstmals tote, ungenutzte Flächen der Gebäudehülle verwandeln sich nun in Generatoren. Das kommt den Nutzern der Gebäude zugute: den Mietern von Wohnraum oder Gewerbe, aber auch den Eigentümern.

Der Strombedarf einer Metropole wie Berlin liegt bei rund 15 Terawattstunden im Jahr. Die Forscher der HTW haben die Dächer analysiert und errechnet, dass sie rund 3,2 Terawattstunden beisteuern könnten – mit lautlosen, sauberen Solarmodulen, die keine Abgase verursachen, keinen Lärm, nicht einmal das Stadtbild beeinflussen. Das entspricht knapp einem Viertel des Strombedarfs. Mehr als zwei Terawattstunden könnten Gewerbebauten erzeugen, rund 0,6 Terawattstunden ließen sich von kommunalen Dächern gewinnen.

Heiko Schwarzburger
Ein Beispiel aus Pankow: Auch Balkonmodule kann man nutzen, um Ökostrom selbst zu erzeugen und zu nutzen. Die kleinen Solarsysteme lassen sich an die Steckdose des Balkons oder des Stromkreises der Wohnung anschließen. Sie sind aber meist sehr teuer und müssen die entsprechenden technischen Normen erfüllen.

Dieser Schatz wird nur langsam gehoben – zu langsam. Zwar hat Berlin einen ambitionierten „Masterplan Solarcity“ aufgestellt. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen gemächlich, zudem haben Mieter keinen Rechtsanspruch auf den sauberen Strom vom Dach. Da müssen Vermieter und Mieter gemeinsam ins Boot, müssen miteinander ins Gespräch kommen.

Ein kompliziertes, überfrachtetes Gesetz

Zudem ist das Mieterstromgesetz, das solche Konzepte wie in Spandau regelt, sehr kompliziert und überfrachtet. Zwar gab es zu Jahresbeginn 2021 einige Erleichterungen, dennoch brauchen Solaranlagen für Mehrfamilienhäuser in der Vorbereitung meistens deutlich mehr Zeit als beispielsweise Solargeneratoren für Einfamilienhäuser, bei denen Stromnutzer und Eigentümer identisch sind.

Doch kommt die Sache immer mehr in Schwung. Der Grund: Dienstleister wie die Berliner Energieagentur, Stromanbieter wie Naturstrom oder die neuen Berliner Stadtwerke haben dieses Geschäftsmodell für sich entdeckt.

So haben die Berliner Stadtwerke in Berlin-Hohenschönhausen ein großes Mieterstromprojekt mit 224 Kilowatt Leistung realisiert. Rund 640 Haushalte in der Wohnanlage Malchower Aue werden nun mit Sonnenstrom von den Dächern versorgt. Eigentümer und Vermieter ist die Wohnungsbaugenossenschaft Neues Berlin.

Solarimo
Dach-Solaranlage der Firma Solarimo, die sich auf Mieterstrom spezialisiert hat.

Die Firma Solarimo hat sich gänzlich auf Mieterstrom spezialisiert. Bisher werden schon 2000 Berliner Kunden mit Solarstrom vom Dach versorgt, vor allem Mieter von Wohnungsbaugesellschaften. Solarimo installiert und betreibt die Solaranlagen und verkauft den Strom an die Mieter. Dieser Mieterstrom ist gesetzlich garantiert mindestens zehn Prozent günstiger als der örtliche Grundversorgertarif. Den Hauseigentümern entstehen durch ein Mieterstromprojekt keine Kosten. Solarimo hat für 2021 schon eine gut gefüllte Projektpipeline. Nun nimmt sich das Unternehmen die Gewerbeimmobilien vor, die gleichfalls viel Fläche bieten.

Wohnungsbaugesellschaften wachen auf

Dass die Wohnungsbaugesellschaften – kommunale wie private – derzeit den solaren Mieterstrom entdecken, hat mit einer gesetzlichen Regelung zu tun: Bis vor kurzem war es ihnen verboten, mit elektrischem Strom zu handeln. Das neues Nebengeschäft riskierte die Gemeinnützigkeit, die Wohnungsbaugesellschaften beim Finanzamt in Anspruch nehmen können.

Diese Gefahr wurde durch eine Gesetzesänderung beseitigt, deshalb steigen die Wohnungsbaugesellschaften nun verstärkt in den Mieterstrom ein. Wie weit die neuen Möglichkeiten reichen, beweist ein Projekt aus Lübben in Brandenburg. Dort baut die Lübbener Wohnungsbaugesellschaft (LWG) völlig neue Mehhrfamilienhäuser, die nur noch mit elektrischem Strom versorgt werden – nahezu autark aus Sonnenstrom!

MFH Lübben Autark-Team
Zieht vielleicht auch junge Leute aus Berlin an: Im brandenburgischen Lübben entstehen Mehrfamilienhäuser, die nahezu autark aus Sonnenstrom versorgt werden.

Das Ziel: attraktiver Wohnraum zu bezahlbaren Mieten. Weil in Berlin die Mieten immer mehr steigen, ziehen die Leute ins Umland – bis nach Lübben. Gerade junge Familien achten zunehmend auf ökologische Kriterien: bei den Baustoffen, bei der Energieversorgung, bei der Mobilität. Und sie sind preisbewusst – sonst hätten sie ja in Berlin bleiben können.

Die beiden Neubauten in Lübben haben jeweils sieben Wohnungen auf 575 Quadratmeter Wohnfläche. Die baugleichen Mehrfamilienhäuser werden mit je 37,7 Kilowatt Solarleistung ausgestattet – von den Dächern und den Fassaden. Solarstrom, der gerade nicht im Gebäude verbraucht wird, wird in Solarakkus mit 73 Kilowattstunden Kapazität gespeichert – für den Abend und den Strombedarf in der Nacht.

Der Sonnenstrom wird für die Haushalte, die elektrische Infrarotheizung und die Warmwasserbereitung genutzt. Diese Gebäude brauchen keine Kessel mehr, keine Wärmepumpen, keine Heizrohre oder hydraulische Heizsysteme. Alles läuft solar-elektrisch. Das vereinfacht die technische Ausstattung und die Verwaltung. Denn die künftigen Mieter rechnen den Stromverbrauch über eine Flatrate ab.

Möglichst einfache Konzepte sind gefragt

Das spart Zähler, das spart Ablesevorgänge und so weiter. Und es erhöht die Attraktivität der Gebäude für die Mieter. Leukefeld erläutert: „Die Menschen wollen möglichst einfache Konzepte. Das betrifft sowohl Mieter als auch Vermieter.“ Denn die künftigen Mieterinnen und Mieter zahlen eine Pauschalmiete inklusive Energieflat für Wärme und Strom. Die Pauschalmiete wird die Nettokaltmiete, Energie für Heizung und Warmwasser, den Haushaltsstrom und anteiligen Gemeinschaftsstrom beinhalten. Über steigende Energiekosten, gern als zweite Miete bezeichnet, brauchen sie sich keine Gedanken zu machen.

Der verbleibende Strombedarf (im Winter) wird mit Ökostrom von den Stadtwerken Lübben gedeckt. Laut Berechnungen der Planer wird viel Solarstrom übrig bleiben. Nun prüft die Wohnungsbaugesellschaft, ob sie ihren Mietern E-Autos zum Carsharing anbietet oder eine öffentliche Ladesäule aufstellt.

Bisher erschienen in der Serie „Mehr Sonne für Berlin“: