Berlin - Der Berliner Senat diskutiert eine solare Baupflicht, vor allem Dächer sollen künftig für Solargeneratoren genutzt werden. Ob, wie und wann die Pflicht kommt, ist offen. Und niemand muss auf die politische Entscheidung warten. Denn das neue Gebäudeenergiegesetz und das zum Jahresbeginn 2021 novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz geben der solaren Nutzung von Gebäudeflächen neuen Schwung. So sind nunmehr 30 Kilowatt Solarleistung von der EEG-Umlage befreit, wenn der Strom (bis 30 Megawattstunden) im Gebäude verwendet wird. Auch Netzentgelte fallen dafür nicht an.

Beratung für Architekten

Die Sache lohnt sich, weil sie wirtschaftlich ist. Photovoltaiksysteme auf dem Dach und an der Fassade lassen sich gut anrechnen, wenn man preiswerte Zuschüsse und Tilgungskonditionen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Anspruch nehmen will – für energetisch anspruchsvolle Neubauten oder die Modernisierung des Bestands. „Photovoltaik ist auch für die Einstufung beim Gebäudeenergieausweis anrechenbar“, sagt Thorsten Kühn.

Der Architekt gehört zum Team der Beratungsstelle zur solaren Architektur (BAIP) am Helmholtz-Zentrum in Adlershof. Seit Jahresfrist können sich die Berliner Architektinnen und Architekten dort fundiert beraten lassen. „Bis zum Jahresende 2020 haben wir rund 50 Beratungen durchgeführt, im Schnitt mindestens eine pro Woche“, bestätigt Kühn. „Diese Beratungen reichten vom einmaligen Telefonat bis zu mehreren Sitzungen mit Terminen vor Ort und Solarsimulationen für konkrete Vorhaben.“

Imago/Anna Huber/Westend61
Mehr Sonne für Berlin

Die sechsteilige Serie befasst sich mit den Chancen der Photovoltaik für Berlin und die umliegende Region. Dabei geht es um konkrete Anwendung, die technischen Möglichkeiten, die Förderung und weitere praktische Fragen. Diese stellen sich nicht nur für Eigenheimbesitzer, Mieter und Vermieter, sondern auch für Unternehmer, Architekten und die Kommune.

Heiko Schwarzburger ist Maschinenbauingenieur und Chefredakteur des Fachmediums photovoltaik, dessen Redaktion in Berlin ansässig ist. Er hat im VDE Verlag unter anderem den Ratgeber „Energie im Wohngebäude“ veröffentlicht. Jüngst ist sein  neuer Ratgeber „Sonnenstrom aus der Gebäudehülle“ erschienen. Zudem betreibt er das Webportal Solar Age, das sich an Architekten, Planer und die Immobilienwirtschaft richtet.

Seit 2020 bietet auch die Berliner Architektenkammer spezielle Weiterbildungen zur Photovoltaik am Gebäude an. Dabei geht es um solare Dachziegel, um Solarmodule als wasserführende Schicht im Dach und um solare Fassaden, als vorgehängte Kaltfassaden oder in die Warmfassade integriert. „In Berlin haben wir zwei Seminare mit der Architektenkammer durchgeführt“, erzählt Kühns Architektenkollegin Samira Jama Aden. „Ursprünglich in Präsenz geplant, wurden sie coronabedingt als Webinare durchgeführt.“

Heiko Schwarzburger
Detail einer Solarfassade in Adlershof. Sie besteht aus Dünnschichtmodulen mit verstärktem Rahmen.

In den Webinaren und Beratungen ging es um alle denkbaren Gebäudetypen, vom Einfamilienhaus bis zu großen öffentlichen Gebäudekomplexen. „An den Webinaren der Kammer nahmen 20 bis 30 Teilnehmer teil“, sagt Aden. „Wir fragen immer zu Beginn der Veranstaltung ab, wie die Vorkenntnisse sind. Einige Architektinnen und Architekten kamen ohne Erfahrung mit Photovoltaik, waren aber sehr am Thema interessiert. Andere hatten konkrete Projekte dabei, um sie zu besprechen.“

Die Vorkenntnisse und Erwartungen, Photovoltaik ins Gebäudekonzept zu integrieren, sind sehr unterschiedlich. Tatsache ist, dass die Photovoltaik in den kommenden Jahren in der Gebäudeplanung und ihrer Ausstattung so selbstverständlich wird wie Dämmung oder die Heizung.

Denn die Preise gehen weiter in den Keller. Das Kilowatt Solarleistung ist für rund 1200 Euro erhältlich – und weniger. Das hängt von der Größe der Anlage und dem Aufwand zum Einbau ab. Ein Kilowatt Solarleistung erzeugt in Berlin pro Jahr rund 900 Kilowattstunden – mindestens 20 Jahre lang. An der Fassade liegt der Stromertrag etwas niedriger, etwa 700 bis 800 Kilowattstunden.

Sechs Quadratmeter fürs Kilowatt

Sechs Quadratmeter Fläche reichen aus, um ein Kilowatt Solarleistung zu installieren. Weil zum Beispiel Bürogebäude, Parkhäuser oder öffentliche Bauten oft sehr große Dächer – und Fassaden – aufweisen, können sie mehr Strom erzeugen, als sie im Innern brauchen.

Stadtwerke Stuttgart
Beispiel für eine Solarfassade, hier am Gebäude des Gentner-Verlages in Stuttgart

Gut gedämmte Gebäude lassen sich sehr kostengünstig ausschließlich mit selbst erzeugtem Sonnenstrom versorgen – auch für Warmwasser, Kühltechnik, Lüftung oder Raumwärme. Sollten die Sonnenpanele im Winter zu wenig Strom liefern, wird Ökostrom aus dem Netz gekauft. Oder ein Blockheizkraftwerk (BHKW) springt an, um die Energieversorgung zu unterstützen – die Berliner Energieagentur bietet solche Hybridsysteme seit Jahren an.

Probleme des Denkmalschutzes

Doch was interessiert die Architekten? „Wir verstehen unsere Seminare als zwei große Themenblöcke, mit einem Ausführungs- und Planungsblock und einem, in dem wir uns auf die funktional-ästhetischen Aspekte konzentrieren“, erläutert Samira Jama Aden. „Der Brandschutz und das Baurecht sind stets sehr wichtige Themen.“

Viele Teilnehmer der Beratungen und Webinare wollten wissen, wie man die Solarkomponenten einbauen kann, und was gestalterisch möglich ist. Die Vielfalt der verfügbaren Solarsysteme bietet den Architekten zahlreiche Ansätze, mit der Sonne zu bauen, die Solartechnik als gestalterisches Element zu nutzen.

Auch lassen sich Probleme des Denkmalschutzes gut lösen, beispielsweise durch solare Dachziegel, die es in zahlreichen Farbvarianten gibt. Aber: „Es gibt großen Respekt vor Solarmodulen, da sie nicht nur Bauprodukte sind, sondern auch Elektrobauteile“, sagt Thorsten Kühn. „Der Brandschutz spielt eine herausragende Rolle für den Genehmigungsprozess. Die bauaufsichtliche Zulassung durch das Deutsche Institut für Bautechnik ist vor allem bei höheren Gebäuden ein wichtiger Punkt. Da geht es dann auch um die baurechtliche Einordnung, und nicht nur um die technische Prüfung.“

Große Unsicherheiten, großes Interesse

Samira Aden konstatiert ein großes Interesse zur Ausführung und Gestaltung mit Solarmodulen, aber auch große Unsicherheiten. „Welche Standardformate für Solarmodule gibt es? Wie bekommt man Sonderformate?“, stellt sie die Fragen, mit denen sie in den Seminaren konfrontiert wird. „Was passiert mit nicht aktivierten Flächen, und wie können diese gestalterisch gelöst werden? Wann und wie plane ich die Solarfassade?“

Sie empfiehlt, die Solartechnik möglichst früh in den Planungsprozess für den Neubau oder die Modernisierung einzubeziehen. „Nicht selten sind die Gestalt der Gebäudehülle und die Fugenbilder schon festgelegt“, nennt sie ein Beispiel. „Danach eine Solarfassade zu planen, wird sehr aufwändig und entsprechend teurer. Je eher die Photovoltaik in die Gebäudeplanung einbezogen wird, desto besser und Erfolg versprechender.“

Architekten sind keine Solarplaner, das müssen sie auch nicht werden. „Die Architekten müssen sich auf professionelle Fachplaner stützen“, empfiehlt Thorsten Kühn. „Auf dem Bau müssen sie dann die Fassadenbauer, Solarlieferanten und Elektriker koordinieren.“

Mit der Sonne bauen – darin liegt eine enorme Chance. „Die Architektur befindet sich in einem Transformationsprozess und ist mit neuen ästhetischen und technischen Aufgaben konfrontiert, die klimaneutral und nachhaltig sein sollen“, sagt Samira Jama Aden. „Solche Prozesse des Wandels waren schon immer Teil der Architektur, insbesondere bei der Wahl der Materialien oder jetzt mit der Photovoltaik.“

Um Unsicherheiten und Vorurteile auszuräumen und den Architekten das erforderliche Wissen an die Hand zu geben, erfolgt die Beratung durch Aden und Kühn kostenfrei und produktneutral. „Wir können Architektinnen und Architekten bei aktivierten Fassaden helfen oder bei Solardächern“, sagt Samira Aden. „Es gibt eine gewisse Angst vor elektrischen Bauteilen an der Gebäudehülle. Und die Solarfassade erscheint manchen Architekten wie ein Monster. Da müssen wir die Architekten abholen.“

Politik sollte den Blick weiten

Für 2021 sind weitere Veranstaltungen geplant, häufen sich die Termine. Dabei will sich das Team verstärkt den solaren Fassaden widmen. Denn in der Debatte um eine solare Baupflicht in Berlin geht es derzeit vor allem um die Dächer. „Die Fassaden mit ihrem enormen Flächenpotenzial werden oft gar nicht betrachtet“, kritisiert Thorsten Kühn. „Die Möglichkeiten der Gebäudehülle werden unterschätzt. Solarfassaden werden lediglich als Ausnahme diskutiert, wenn sich die Dächer nicht für Photovoltaik eignen. Wir halten das für kurzsichtig, da sollte die Politik den Blick weiten.“