Ubisoft-Firmenchef Yves Guillemot sprach von toxischem Verhalten innerhalb des Konzerns, es kam auch zu ersten Rücktritten.
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BerlinOffensichtlich wollte Ubisoft-Geschäftsführer Yves Guillemot vor der Präsentation der neue Computerspiele Klarheit schaffen. Viele Menschen hatten seit Wochen auf eine Erklärung gewartet, wie es dazu kommen konnte, dass Sexismus und übergriffiges Verhalten in dem multinationalen Konzern über Jahre hinweg offensichtlich stattgefunden hatten und auch geduldet worden waren. Im Juni waren diverse Vorwürfe gegen einzelne Manager der Computerspiele-Schmiede laut geworden. 

Es ging um eine ganze Bandbreite des Fehlverhaltens von anzüglichen Bemerkungen bis zu sexuellen Übergriffen. Anfang Juli machte Guillemot die Aufklärung der Angelegenheit zur Chefsache. Am Sonntag meldete er sich dann öffentlich zu Wort. „Ubisoft war nicht in der Lage, seinen Mitarbeitern eine sichere und integrative Arbeitsumgebung zu garantieren. Dies ist nicht akzeptabel“, erklärte Guillemot in einer schriftlichen Mitteilung. Er sprach von toxischem Verhalten, das im Widerspruch zu den Werten des Unternehmens stehe. „Ich bin entschlossener denn je, tiefgreifende Veränderungen durchzuführen, um unsere Unternehmenskultur zu verbessern und zu stärken“, sagte er.

Kurz vor der Online-Gala am Sonntag folgte dann ein Paukenschlag: Gleich mehrere hochrangige Manager traten zurück, darunter der kanadische Studio-Chef und der konzernweite Kreativ-Chef Serge Hascoët. Es wirkt, als wolle Guillemot wirklich aufräumen in seinem Unternehmen. Ubisoft pflegt ein freundliches, weltoffenes und multikulturelles Image. Intern wurde allerdings schon häufiger kritisiert, wie sehr die Arbeit trotzdem von älteren weißen Männern gesteuert werde.

Die Gala am Abend, „Ubisoft Forward“ heißt die Leistungsschau des Unternehmens, wo die neuesten Spiele gezeigt wurden. Dieser Abend hätte eine gute Chance geboten, der Öffentlichkeit deutlich zu zeigen, dass sich etwas ändert bei Ubisoft - und in der Spiele-Branche insgesamt. 

Leider hat Ubisoft die Chance nicht genutzt. Bei „Ubisoft Forward“ wurden neue Spiele der Serien „Watch Dogs“, „Assassin’s Creed“ und „Far Cry“ präsentiert und erklärt. Was nicht erklärt wurde: Wie es dazu kommen konnte, dass Sexismus und übergriffiges Verhalten in dem multinationalen Konzern über Jahre hinweg geduldet wurden.

Leider ist Ubisoft mit dieser Nichtkommunikation nicht alleine. Und das geht schon seit Jahren so: Die Spielefirma Riot Games, bekannt für den Hit „League of Legends“, reagierte nur sehr zögerlich auf Kritik an Sexismus im Studio. Erst nach einer Reihe größerer Medienberichte hinterfragte der Konzern 2018 ernsthaft seine Arbeitskultur. Verschiedene Brandherde innerhalb der Spieleindustrie sind in den letzten Jahren aufgeflammt, und mit jedem neuen Skandal wirkt es so, als sitze das Problem tiefer.

In den vergangenen Wochen wurden vor allem Fälle aus der Streaming- und eSport-Szene bekannt. In der Turnierszene zu Nintendos familienfreundlichem Partyspiel „Smash Bros“ hagelte es Hinweise auf übergriffiges Verhalten, gerade auch gegen noch minderjährige Spieler. Streamer und eSport-Stars um Spielehits wie „Destiny 2“ oder „Dota 2“ sahen sich ebenfalls mit Vorwürfen konfrontiert. Es geht dabei nicht um Einzelfälle – die Zahl der Beschwerden ist dreistellig.

Der Streaming-Dienst Twitch fiel schon öfter damit auf, dass sexistisches und rassistisches Verhalten auf der Plattform eher lax geahndet wurde. Erst nach einer neuen Welle der Beschwerden im Juni wurden plötzlich einige der Beschuldigten entlassen, der prominenteste unter ihnen war der Streamer Herschel „Dr. Disrespect“ Beahm. Twitch erklärte allerdings nicht genau, wer warum gehen musste.

So ändert sich allerdings wenig an der Kultur. Denn die Verschwiegenheit nährt Verschwörungstheorien. Beleidigte Fans einzelner Streamer oder Spiele-Entwickler können nach wie vor behaupten, hinter diesen Kampagnen stecke eine Hexenjagd, am Ende würden Unschuldige bestraft. Mit dieser Begründung im Rücken werden dann immer wieder vor allem Frauen beleidigt und bedroht, die es wagen, Vorwürfe öffentlich zu machen.

Symptomatisch für die Unfähigkeit der Branche, sich selbst zu regulieren, steht der Name Chris Avellone. Der Autor war über Jahrzehnte ein allseits gefeiertes Multitalent. Er arbeitete an zahllosen Klassikern wie „Fallout 2“, „Planescape Torment“ und „Into the Breach“ mit. Erst jetzt wurden Vorwürfe publik, dass Avellone Frauen über Jahre hinweg sexuell bedrängt und belästigt habe. Offenbar wussten einige Menschen innerhalb der Branche davon, sagten es aber nicht laut.

Die Wahrheit bleibt meist verborgen. Oft genug gibt es niemanden, der sich genau erinnern kann, das wird dann mit übermäßigem Alkoholkonsum erklärt. Auch gestandene Branchenveteranen haben von diesem Teil ihres Jobs inzwischen die Nase voll – Jeff Gerstmann etwa, international einer der bekanntesten und erfahrensten Spielejournalisten.

In seinem Podcast-Format auf der Webseite Giant Bomb schnaufte und ächzte er vor Verzweiflung minutenlang ins Mikrofon. Gerstmann haderte mit allem, auch damit, warum er bestehende Vorwürfe gegen Menschen wie Avellone nicht gekannt habe und ihnen deshalb auf seiner Webseite eine Bühne bot. Gerstmann hat mit dieser Zeit abgeschlossen – er und seine Leute sollten lernen, sie sollten sich besser verhalten, wünschte er. Diese Offenheit im Umgang mit den eigenen Fehlern zeigen derzeit aber nur wenige Akteure der Branche.