Wie lange leben wir schon zusammen, mein Handy und ich?
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Es gibt ja Männer, die fühlen sich von ihren Frauen missverstanden. Oder von ihrer Katze. Oder vom Leben. Ich persönlich zweifle immer mehr an meinem Handy. Ich meine, wie lange leben wir jetzt schon zusammen, mein Handy und ich? So um die zwanzig Jahre bestimmt. Sicherlich haben zwischendurch die Modelle gewechselt, aber bei den Handys gilt ja im Grunde dasselbe Prinzip wie im Buddhismus: Die körperliche Hülle stirbt, aber die Seele wird in einem anderen Körper wiedergeboren.

Bei den Handys läuft es ein wenig technischer ab als bei den Buddhisten. Da wird das Back-up des alten Geräts einfach auf das neue Gerät überspielt – und fertig ist die Reinkarnation. Ich dürfte also normalerweise davon ausgehen, dass mein Handy mich ein bisschen kennt, dass es über meine kleinen Eigenheiten und Macken im Bilde ist, aber auch meine Stärken und Vorzüge zu schätzen weiß.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich in den zwanzig Jahren unseres Zusammenlebens mein Handy nicht ein einziges Mal habe fallenlassen. Ich habe es an meinem Herzen getragen, habe den Bildschirm regelmäßig mit einem Reinigungstuch poliert und war auch beim Laden der Batterie kein Geizhals. Um so enttäuschter war ich, als mein Handy mir vor etwa einem Monat eine Frage stellte, die ich (sorry für die deutlichen Worte) unangemessen und auch ein wenig beleidigend fand. Das Handy fragte: „Mutter anrufen?“ Manch einer mag mich für überempfindlich halten, aber ich würde gerne selbst darüber entscheiden, wann ich meine Mutter anrufe. Zumal in dieser Frage ja auch ein Vorwurf steckte: Wann hast DU denn zum letzten Mal deine Mutter angerufen? Hast DU vergessen, dass sie dir das Leben geschenkt hat? Ist das DEINE Art, dich bei ihr zu bedanken?

Ich dachte: Fuck you, Handy! Kümmere dich um deine eigene Mutter!

Zwei Stunden später wandte sich mein Handy erneut an mich, diesmal mit einem Befehl: „Mutter anrufen!“ Da war für mich der Rubikon überschritten, wie man in Mecklenburg-Vorpommern sagt. Ich schaltete mein Handy aus, was ich, glaube ich, in den letzten zwanzig Jahren nicht getan habe. Es war, wenn man so will, die letzte Eskalationsstufe. Den Rest des Tages verbrachte ich in großer Unruhe. Zum einen, weil ich mich fragte, wie viele Anrufe, SMS und WhatsApp-Nachrichten mir gerade entgingen. Aber natürlich auch, weil ich gerne gewusst hätte, ob es meiner Mutter gut geht. Möglicherweise wusste das Handy ja etwas, das ich nicht wusste.

Abends schaltete ich das Handy wieder ein. Ich hatte keinen einzigen Anruf, keine einzige SMS und keine einzige WhatsApp-Nachricht bekommen, was mich kurz über die Frage nachdenken ließ, ob sich überhaupt noch jemand auf dieser Welt für mich interessierte. Von diesem Gedanken war es dann nur noch ein kleiner Sprung zu meiner Mutter, die ich umgehend anrief. Meine Mutter freute sich sehr. Sie sagte, sie hätte wetten können, dass ich den Muttertag vergesse. Ich fragte, wie sie denn auf so eine Idee käme. Immerhin sei sie es gewesen, die mir das Leben geschenkt hat, und da sei so ein Anruf ja wohl das Mindeste, was ich tun könne.

Später habe ich mich dann bei meinem Handy entschuldigt. Das heißt, direkt entschuldigt habe ich mich nicht. Ich habe gesagt: „Schwamm drüber!“ Und ich habe ihm erklärt, wie schwer es für einen Mann ist, der Mutter den angemessenen Platz in seinem Herzen zu geben. Weil es einerseits so ist, dass die Mutter für ihren Sohn ein Leben lang das weibliche Vorbild bleibt. (Ich habe zum Beispiel neulich gelesen, dass Männer, deren Mütter kleine Brüste haben, äußerst selten mit einer großbrüstigen Frau zusammenleben.)

Andererseits muss sich ein Mann aber von der Mutter befreien, damit er erstens nicht seinen Vater umbringt, und zweitens überhaupt paarungsfähig wird. Na ja, wir hatten ein gutes Gespräch, mein Handy und ich. Und zum Vatertag gab es keine Fragen.