Auf Kommando rollt im Mund das Fließband an. „Es ist Zeit für das Frühstück. Informieren Sie das Kau-Team!“ Schneide-, Eck- und Backenzähne werden durch verschiedene Messer und Räder symbolisiert, die das hereinrutschende Baguette bearbeiten müssen. Danach geht es weiter zu einer Sortiermaschine. Hier und da sitzt ein Arbeiter, der Spieler steuert sie, indem man auf die richtige Figur drückt, damit sie im passenden Moment aktiv wird. Und wenn nicht? „Auf Faulpelzer hab’ ich ein Auge“, ruft auch mal ein Vorarbeiter.

Moderner Zeichenstil

Wir sind mitten im Industriezeitalter. Und im menschlichen Körper. Und in einer kunstvollen, lebendigen Grafik. Das Computerspiel „Homo Machina“ macht seinem Namen alle Ehre – es basiert auf der Idee, den Menschen wie eine Maschine zu sehen. Eine Fabrik des Industriezeitalters genau genommen. Es gibt den Direktor, der nicht viel tut, und seine Sekretärin, die alle Anweisungen gibt. Es gibt etliche Maschinen, aber immer nur die guten alten Techniken: Dampfende Rohre, rotierende Besen, Wasserspritzen, Siebe, die filtern, hämmern und zerkleinern. Und es gibt immer eine kleine überraschende Idee. Wenn Scheren und Räder den Mund regieren, ist klar, dass hier jemand Abläufe darstellen will und die Idee dahinter, nicht so sehr die Biologie selbst.

Das Spiel ist lehrreich, aber es ist auch eine kunstvolle große Illustration. Wenn die medizinisch nicht immer akkurat ist, sondern eher den Hintersinn eines Ablaufs einfangen will, steht das ganz im Geist des Mediziners und Künstlers, auf dessen Werk dieses Spiel basiert. Fritz Kahn war der Pionier der populärwissenschaftlichen Illustration.

„Das Leben des Menschen“

Der Arzt forschte nicht selbst, sondern las sich in das jeweils aktuelle Wissen über menschliche Köper ein und formulierte es allgemeinverständlich neu. Zunächst in Texten, den ersten populären Sachbüchern. Dann immer mehr als Zeichner. Sein Buch „Die Zelle“ von 1919 enthält noch hauptsächlich Text, sein „Das Leben des Menschen“ (1922-32) enthält schon mehr als 1200 Bilder. Kahn skizzierte selbst, beauftrage dann aber andere Zeichner mit dem Feinschliff der Bilder. Genau wie er zwischen Neuer Sachlichkeit und dem (geheimnisvolleren und opulenteren) Jugendstil schwankte, nimmt das Spiel „Homo Machina“ nun auch diese beiden Strömungen auf. In Typologie und gestalterischen Elementen ist es Art déco, in den Grafiken selbst geradezu formstreng.

Übrigens ein Zeichenstil, der auch zurzeit sehr beliebt ist und modern wirkt – man denke an den sehr erfolgreichen Illustrator Dieter Braun, der gerade ein Buch über die Bergwelten der Erde veröffentlich hat. Da weiß man auch nie, ist das ein Kinderbuch oder einfach der allerneuste Stil für Lifestyle-Magazine und Werbung.

Im Computerspiel muss man auch mal eine Rohrleitung, die eine verstopfte Nase symbolisiert, mit einer Art Feuerwehrspritze reinigen, bis ein Geruchsreiz endlich durch kann. Der besteht aus hellroten Kügelchen, die irgendwann endlich durch das Rohr fließen können. Schon rollt das Bild herüber in den nächsten Maschinenraum. Dort geht des drum, dass das Riechzentrum erkennen will, was es gerade wahrnimmt.

Internationales Projekt

Immer sieht alles aus wie ein Labor aus einem Steampunk-Comic, und immer erklärt es spielerisch einen physiologischen Vorgang. Wo es um die olfaktorische Wahrnehmung geht, müssen Spieler ein Puzzle lösen. Also genau hinsehen, welche Zeilen und Spalten eines quadratischen Puzzles kurz aufleuchten und dann die richtigen Teile antippen. Das ist keine große Leistung. Aber um die geht es hier auch nicht. Sondern um das Gefühl, dass man diese Abläufe des Körpers steuert. Oder, man könnte es auch so sagen, diese kunstvolle Installation wirklich bewegt. Kleine Veränderungen bewirken viel, wie im echten Leben. Achte auf den Körper, dürfte die Botschaft dazu lauten – alles hat eine Folge.

Das alles wäre ohne Kahn nicht denkbar, und deswegen wurde er in den jüngsten Jahren wiederentdeckt. Ein großer Bildband aus dem Taschen-Verlag erklärt sein Werk. Der gebürtige Hallenser erlebte seine großen Jahre in Berlin, arbeitete in den Zwanzigern als Gynäkologe in der Hauptstadt und erreichte mit seinen Büchern sechsstellige Auflagen. Kahn wurde nach der Machtergreifung zum Feind des Regimes erklärt, seine Schriften verboten. Er floh 1937 mit Frau und Tochter nach New York, Albert Einstein half ihm.

Deutsch-französische Koproduktion

Die Maschinenästhetik, die er schuf, lebt bis heute fort. Als er 1968 starb, gründete sich gerade die Band „Kraftwerk“. Ihr Konzept von der ästhetisch verklärten „Mensch-Maschine“ wirkte kurz darauf wie die Speerspitze der Popkultur. Doch Fritz Kahn schuf schon Mitte der Zwanziger Tafeln mit Titeln wie „Der Mensch als Industriepark“.

Das Spiel, das ihn nun ehrt, ist eine deutsch-französische Koproduktion, gefördert von Arte und dem Medienboard Berlin-Brandenburg – solche Zusammenarbeiten sind eher ungewöhnlich. Offenbar war allen Beteiligten klar, dass man es mit einem besonders kunstvollen Spiel zu tun hat. Einem, das nicht nur Kinder fesselt. Naseputzen mit einer Art Dampfmaschine und einer Feuerwehrspritze, das macht einfach allen Spaß.