Nur an den Herd muss man selbst: Die Kochboxen enthalten alle Zutaten für ein Menü plus Kochanleitung. 
Foto: Hellofresh

BerlinIn der Gegend um die Backfabrik in Prenzlauer Berg liegen Freud und Leid derzeit sehr dicht beieinander. Während in der Torstraße und in der südlichen Schönhauser Allee Gastwirte die laufenden Kosten ihrer geschlossenen Restaurants plagen, treiben in der Saarbrücker Straße 37 Schweinefilet in Pflaumensoße und überbackene Penne die Umsätze seit Wochen steil nach oben. Dabei blieb die Küche auch dort kalt. In der Backfabrik koordiniert das Unternehmen Hellofresh den Vertrieb sogenannter Kochboxen, die sich in Zeiten des Shutdown noch größerer Beliebtheit erfreuen.

Das Berliner Unternehmen war 2011 angetreten, um eigenem Bekunden zufolge „die Art des Essens zu revolutionieren“. Vor allem jungen Großstadtpaaren, die der Pizza vom Boten und dem mikrowellengewärmten Tiefkühl-Menü müde geworden sind, sollte eine Alternative geboten werden. Das Geschäftsmodell ist quasi eine Adaption der Ikea-Idee. Hellofresh liefert Kochboxen mit den Zutaten und der Kochanleitung für Menüs frei Haus. Gekocht wird selbst. Billy-Regal für den Küchenbereich. Basis ist ein Abo: Mindestens drei Menüs für zwei Personen müssen wöchentlich geordert werden.

Der Firmengründung von Hellofresh folgte ein rasanter Aufstieg. Heute beschäftigt das einstige Start-up aus Prenzlauer Berg weltweit mehr als 6 000 Mitarbeiter, davon etwa 650 in Berlin. Über 2,6 Millionen aktive Kunden in 13 Ländern sind inzwischen in der Hellofresh-Kartei gelistet. An der Börse hat das im MDax geführte Unternehmen aktuell einen Marktwert von 5,5 Milliarden Euro und wird damit höher bewertet als die Commerzbank oder Lufthansa.

An der Börse hatte man auch das Potenzial des Kochboxen-Modells in der Corona-Krise sehr frühzeitig erkannt. Kaum hatte die Bundesregierung Mitte März Beschränkungen des öffentlichen Lebens erwogen, drehte der Kurs der Hellofresh-Aktie ins Plus und änderte seinen Kurs allenfalls kurzzeitig. Tatsächlich hat sich die Aktie seitdem um fast 80 Prozent verteuert.

„Wir sehen seit ein paar Wochen in der Tat ein erhöhtes Interesse an unserem Service“, sagt ein Unternehmenssprecher. Die vorläufigen Zahlen für das erste Quartal belegen den Trend. Demnach stieg der Umsatz gegenüber den ersten drei Monaten des Vorjahres von 420 Millionen Euro auf 685 bis 710 Millionen Euro. Dabei hatte sich das Wachstum laut Unternehmensauskunft in der zweiten Märzhälfte „erheblich weiter beschleunigt“. Zudem erwartet man einen Gewinn von wenigstens 55 Millionen Euro, nachdem das Unternehmen vor einem Jahr noch 26 Millionen Euro weit in der Verlustzone operiert hatte.

Doch Hellofresh ist nicht der alleinige Profiteur geschlossener Lokale. Auch beim Kochboxen-Versender Marley Spoon in Kreuzberg gehen die Umsätze spürbar nach oben. „Seit letzter Woche verzeichnen wir einen sehr starken Anstieg der Nachfrage“, schrieb Firmengründer Fabian Siegel Ende März in einem Firmenblog. Aktuelle Zahlen will man nicht nennen.

Grafik: BLZ/Galanty
Quelle: Onvista, Hello Fresh

Marley Spoon wurde 2014 in Berlin gegründet und betreibt inzwischen Büros in Amsterdam, Lissabon, Sidney und New York. Dennoch ist Marley Spoon deutlich kleiner als Hellofresh. Zwar konnte der Umsatz im vergangenen Jahr um 40 Prozent gesteigert werden, lag aber insgesamt nur bei 130 Millionen Euro. Weltweit beschäftigt die Firma etwa 1 000 Mitarbeiter. Interessanterweise war die Berliner Firmenschmiede Rocket Internet, die von Anfang an in Marley Spoon investiert hatte, ausgerechnet im März dort wieder ausgestiegen. Zuletzt gehörten Rocket noch 17,4 Prozent von Marley Spoon. Bis Ende dieses Jahres will das Unternehmen profitabel sein.

Einst gehörte auch das Unternehmen Kochzauber zu den Goldgräbern in der Do-it-yourself-Küche. Doch es lief nicht so gut. Drei Jahre nach Gründung musste das Unternehmen 2015 Insolvenz anmelden und wurde dann von der Supermarktkette Lidl übernommen. Vier Jahre währte der Ausflug in das Kochboxen-Geschäft. Anfang vorigen Jahres beendete die Schwarz-Gruppe als größter Einzelhandelskonzern Europas (Lidl, Kaufland) das Experiment. Den Mitarbeitern wurden Jobs bei Lidl angeboten.

Neuerdings versucht sich dafür Aldi-Süd am Geschäft mit DIY-Menüs. Seit Ende Februar bietet die Handelskette in ihren Filialen testweise Menü-Sets mit Kochzutaten und -anleitungen an. Zunächst waren drei Gerichte im Angebot. In dieser Woche kamen zwei Gerichte hinzu. Das Angebot sei sehr gut angenommen worden, ist zu erfahren. Man registriere eine steigende Nachfrage. Im Sommer wolle man eine Entscheidung über eine eventuelle Fortführung treffen. In Berlin ist Aldi Süd nicht vertreten, sondern Aldi Nord. Dort hält man sich jedoch zurück. Aktuell sei kein entsprechendes Angebot geplant, hieß es auf Nachfrage.