Die Aussage erregte Aufsehen: „Warum die meisten publizierten Forschungsergebnisse falsch sind“. So lautete der Titel eines Artikels, der 2005 in einem medizinischen Fachjournal erschien. Sein Autor war der griechisch-amerikanische Mediziner John Ioannidis. Dieser zeigte anhand von mathematischen Rechnungen auf, dass die Ergebnisse medizinischer Studien viel zu oft der Überprüfung nicht standhalten, nicht mehrfach reproduzierbar sind.

Das müssten sie aber sein, wenn auf ihrer Grundlage neue Medikamente und Therapien entwickelt werden sollen. Der Artikel mit der provokativ zugespitzten Überschrift wurde tausendfach zitiert. Seit 2014 leitet Ioannidis an der US-amerikanischen Stanford University ein eigenes Institut (Metrics), das sich mit wissenschaftlicher Qualität befasst.

Am Mittwoch nun saß John Ioannidis in Berlin, um eine Neugründung zu präsentieren. Die Außenstelle seines Stanforder Instituts heißt Metric-Berlin. Mit ihr will Ioannidis dazu beitragen, die medizinische Forschung auf eine neue Qualitätsstufe zu stellen – gemeinsam mit den Partnern, die ihn zu diesem Zweck nach Berlin geholt haben. Dies sind die Charité, das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) und das von beiden 2013 gegründete Berlin Institute of Health (BIH).

Nur 20 Prozent der Studien sind reproduzierbar - Warum?

„Wir haben das Problem nicht nur erkannt, sondern wollen auch systematisch etwas tun“, sagte Ulrich Dirnagl, Direktor der Abteilung für Experimentelle Neurologie an der Charité. Denn zu wenige Erkenntnisse aus medizinischen Forschungsstudien könnten wirklich in neue, effektive Therapien übertragen werden.

Nur 20 Prozent der Studien, die in guten Journalen erschienen, seien wirklich reproduzierbar, ergänzte Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Das hat mich schockiert.“ „Zu kleine Stichproben, ein falscher Versuchsaufbau, vorgefasste Hypothesen und falsche Interpretationen“ – dies seien Gründe dafür, dass Studienergebnisse nicht reproduzierbar sind, heißt es in einer BIH-Mitteilung.

Auch Wissenschaftsjournale erhöhen den Druck auf Forscher

Erfolgs- und Erwartungsdruck von verschiedenen Seiten tragen zu dieser Art Forschung bei. Nach Studienanalysen ist John Ioannidis zu dem Schluss gekommen, dass Vorsicht vor allem dann geboten sei, wenn eine Studie „nur eine kleine Zahl von Ereignissen auswertet, als eine der Ersten etwas Neues präsentiert, auffallend häufig zitiert wird“ und „aus den USA stammt“, wie es die Wochenzeitung Die Zeit zusammenfasste.

Auch Wissenschaftsjournale wie Science und Nature – die selbst eine „Reproduzierbarkeitskrise“ beklagen – tragen dazu bei, den Druck auf Forscher zu erhöhen, etwas Herausragendes, Einmaliges zu veröffentlichen. Manche Wissenschaftler forschen, selektieren und interpretieren so lange, bis der gewünschte Wert herauskommt. Mitunter werden unerwünschte Datensätze gestrichen.

Quest Center in Berlin soll für mehr Qualität in der medizinischen Forschung sorgen

Berlin soll nun ein Zentrum werden, um die Qualität medizinischer Forschung voranzubringen. Der Berliner Gastgeber von John Ioannidis ist Ulrich Dirnagl. Er befasst sich selbst mit der Metawissenschaft – also der Wissenschaft von der Wissenschaft.

Am Berlin Institute of Health (BIH) hat er das sogenannte Quest Center gegründet, um die Qualität und den Nutzen biomedizinischer Forschung zu erhöhen. Unter anderem geht er der Frage nach, warum sich vielversprechende Ergebnisse der Schlaganfall-Grundlagenforschung nur selten in klinischen Studien reproduzieren lassen.

Er stelle sich vor, in Berlin einen europäischen „Connection Hub“ zu schaffen, einen Knotenpunkt zur Vernetzung verschiedener Initiativen, sagte John Ioannidis. „Berlin ist der ideale Standort, um unsere Qualitätsoffensive in der Biomedizin zu starten.“ Hier seien bereits viele Forschungsgruppen für das Thema sensibilisiert. Besonderes Interesse daran besteht auch in der Charité.

Eine zentrale Frage ist der Umgang mit den Daten

Wie deren Dekan Axel Radlach Pries sagte, sei es die Mission des BIH, Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in die medizinische Anwendung zu übertragen. Das Stichwort lautet Translation.

Dafür müsse aber sichergestellt sein, dass es sich bei Studienergebnissen nicht um Zufallsbefunde handle. Pries nannte eines der wichtigsten aktuellen Vorhaben: das europäische Großprojekt Restore, bei dem an der Entwicklung „lebender Medikamente“ gearbeitet wird – auf der Basis von Gentechnik, lebenden Zellen und Gewebe. Dabei bestehe ein enormer Anspruch an Qualitätssicherung.

Eine zentrale Frage ist der Umgang mit den Daten. Wie Ulrich Dirnagl sagte, sei es zum Beispiel unbefriedigend, dass bei weniger als fünf Prozent der Charité-Studien die Originaldaten digital zur Verfügung stünden – für jedermann einsehbar, für Forscherkollegen nachprüfbar, mit anderen Datensätzen vergleichbar.

Das Anreizsystem der Wissenschaft muss infrage gestellt werden 

Zugleich gebe es positive Entwicklungen, sagte Ioannidis. Seit einiger Zeit seien immer mehr Forscher weltweit dazu bereit, ihre Daten miteinander zu teilen. Dazu gehörten Genetiker, Physiker und Psychologen. Der Vorteil sei, dass die Gesamtheit aller Daten viel effizienter analysiert werden könne, als wenn jeder auf seinen Daten sitze wie auf einem Goldschatz. So werde es auch einfacher, Ergebnisse nachvollziehbar zu machen.

Die Beteiligten sind sich einig, dass auch das Anreizsystem in der Wissenschaft infrage gestellt werden muss. „Wir bejubeln Leute, die gelernt haben, Geld aufzusaugen, ihre Arbeit mit der besten PR aufzublasen, immer bombastischer und weniger selbstkritisch zu werden“, spitzte es John Ioannidis zu. Es müsse neue Anreize geben. Ulrich Dirnagl teilte zum Beispiel mit, dass das Quest Center des BIH einen neuen Preis geschaffen habe, den „Open Data Reuse Award“. Dieser belohne biomedizinische Forschung, die öffentlich zugängliche Datensätze wiederverwendet.

„Grundlagenforschung muss glaubwürdig und verlässlich sein“, sagte Martin Lohse, Vorstand am MDC. Sie brauche gewiss auch Räume für freien Forschergeist. Aber: „Erst wenn Dinge vielfach wiederholt sind, lässt sich wirklich darauf aufbauen.“