Es sind Tage, an denen sich die Betroffenen nur noch ins Bett verziehen können. Wenn die Migräne wieder einmal zuschlägt, im Kopf ein Nervengewitter tobt, sind die Schmerzen und die Übelkeit meist so stark, dass ein normaler Alltag undenkbar ist. Jedes Geräusch, jeder Lichtstrahl wird dann zur Qual.

„Für Patienten mit starker Migräne zählt daher jeder einzelne Tag, an dem sie von den Attacken verschont bleiben“, sagt Uwe Reuter von der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Berliner Charité. Medikamente, die den Anfällen zumindest ein Stück weit vorbeugen können, sind jedoch vielfach mit starken Nebenwirkungen verbunden. „Die Patienten – oft sind es Frauen zwischen 20 und 40 Jahren – leiden unter starker Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen oder Geschmacksstörungen, weshalb sie die Prophylaxe meist früher oder später wieder beenden“, sagt Reuter.

Im Sommer oder Herbst des kommenden Jahres könnten für sie neue, deutlich verträglichere Wirkstoffe auf den Markt kommen: Antikörper, die voraussichtlich nur etwa alle vier Wochen gespritzt werden müssen. Die Proteine sollen im Gehirn einen Botenstoff namens CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) unschädlich machen, der bei vielen Migränepatienten maßgeblich am Krankheitsgeschehen beteiligt ist.

Zulassung im nächsten Jahr

Vier solcher Antikörper – mit den komplizierten Namen Erenumab, Fremanezumab, Eptinezumab und Galcanezumab – werden derzeit entwickelt. Sie alle wurden bereits erfolgreich an Patienten getestet. Von zweien der Wirkstoffe liegen jetzt die Ergebnisse großer klinischer Studien vor, die Experten zufolge vermutlich in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres zur Zulassung der Medikamente führen könnten. Die Studien sind beide im Fachblatt New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlicht.

Das Neuropeptid CGRP wurde in den Neunzigerjahren entdeckt. Ein schwedischer Mediziner fand damals heraus, dass es bei einer Migräneattacke von Fasern des Trigeminusnervs vermehrt ausgeschüttet wird. Dieser große Gesichtsnerv leitet Schmerz- und Berührungsreize vom Gesicht ans Gehirn weiter. Migränepatienten, denen man CGRP ins Blut injizierte, erlitten innerhalb weniger Stunden eine Attacke.

„Wir gehen heute davon aus, dass CGRP zwei Funktionen hat“, sagt Reuter. „Zum einen erweitert es die Blutgefäße und zum anderen fungiert es als Neurotransmitter, der Schmerzsignale weiterleitet.“ Einer der vier Antikörper, Erenumab, soll den Botenstoff unschädlich machen, indem er Rezeptoren der Nervenzellen besetzt, an die normalerweise CGRP andocken würde. Die anderen drei Wirkstoffe richten sich direkt gegen das Neuropeptid.

Wie ein Team um den britischen Kopfschmerzspezialisten Peter Goadsby vom King’s College London und den Charité-Mediziner Reuter im NEJM berichtet, konnte Erenumab bei rund 50 Prozent der Studienteilnehmer die Anzahl der Migränetage im Mittel um die Hälfte reduzieren. Manche der Patienten wurden durch den Antikörper komplett von ihren Qualen befreit. Andere reagierten kaum auf ihn. „Bei diesen Patienten sind offenbar andere, vermutlich noch unbekannte Moleküle für das Krankheitsgeschehen verantwortlich“, sagt Reuter.

Die Forscher haben den Antikörper, der von den Pharmakonzernen Amgen und Novartis gemeinsam entwickelt wurde, an knapp tausend erwachsenen Patienten mit episodischer Migräne getestet. Zu Beginn der Studie wurden die Probanden im Mittel an 8,3 Tagen im Monat von Attacken geplagt. Ein Drittel von ihnen bekam sechs Monate lang monatlich 70 Milligramm Erenumab unter die Haut gespritzt. Ein weiteres Drittel erhielt monatlich 140 Milligramm des Wirkstoffs und der Rest der Teilnehmer ein Placebo.

Keine gravierenden Nebenwirkungen

Im Mittel verringerte sich die Zahl der Migränetage durch die niedrigere Dosis Erenumab um 3,2 Tage und mit der höheren Dosis um 3,7 Tage – verglichen mit 1,8 Tagen in der Placebogruppe. „Das Ergebnis mag bescheiden klingen“, sagt Charly Gaul, Chefarzt der Migräne-Klinik Königstein und Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Tatsächlich seien die Effekte, die man mit den neuen Wirkstoffen erziele, denen bisheriger Medikamente zur Vorbeugung von Migräne vergleichbar. „Der entscheidende Vorteil der Antikörper besteht neben ihrer bequemeren, weil selteneren Anwendung vor allem in der sehr viel besseren Verträglichkeit“, betont Gaul.

Gravierende Nebenwirkungen tauchten in der Studie nicht auf. Am häufigsten waren Schnupfen und Reaktionen an der Einstichstelle wie Schmerzen oder Rötungen der Haut zu verzeichnen. Solche unerwünschten Effekte verschwanden spätestens nach ein paar Tagen von alleine. „Frauen sollten allerdings während einer Behandlung mit den Antikörpern nicht schwanger werden“, sagt Gaul. Denn noch wisse man nicht, wie sich die Wirkstoffe auf die Entwicklung eines Ungeborenen auswirken würden – zumal CGRP an vielen Stellen im menschlichen Körper vorhanden sei.

Positive Effekte zu Beginn der Therapie

Die Ergebnisse der zweiten Studie, in der ein US-Team um Stephen Silberstein von der Thomas Jefferson University in Philadelphia den Antikörper Fremanezumab des Herstellers Teva bei mehr als tausend Patienten mit chronischer Migräne getestet hatte, sind im Wesentlichen ähnlich. Die Probanden hatten zu Beginn der Untersuchung im Mittel an 13 Tagen im Monat an Migräne oder Kopfschmerzen gelitten. Mit Fremanezumab nahm die Zahl der monatlichen Kopfschmerztage um 4 bis 5 Tage ab. Auch dieser Antikörper, der sich direkt an CGRP heftet, rief keine gefährlichen Nebenwirkungen hervor.

„Die Studie mit Fremanezumab hebt sich für mich vor allem in zwei Punkten von der anderen Untersuchung ab“, sagt der DMKG-Experte Gaul. Zum einen habe sie gezeigt, dass sogar eine vierteljährliche Behandlung effektiv sein könnte. Zum anderen hätten die Probanden ihre bisherigen Medikamente zur Vorbeugung der Migräne weiterhin einnehmen dürfen. „Und es scheint so zu sein, dass die Antikörper deren Wirkung noch weiter verstärken können“, sagt Gaul.

Die stärksten positiven Effekte der neuen Wirkstoffe waren in beiden Studien direkt zu Beginn der Therapie zu verzeichnen. Dies deute darauf hin, dass man im klinischen Alltag vermutlich relativ schnell entscheiden könne, wer auf eine Therapie mit den Antikörpern anspreche und wer nicht, schreibt der US-Neurologe und Kopfschmerzspezialist Andrew Hershey vom Cincinnati Children’s Hospital in Ohio in einem Kommentar im NEJM.

Teure Therapie

Für Ärzte und Patienten könnte genau das bald eine wichtige Frage werden. Die Hersteller von Erenumab und Fremanezumab haben ihre Zulassungsanträge bereits bei der US-amerikanischen und der europäischen Arzneimittelbehörde eingereicht – und es ist zu erwarten, dass sowohl die FDA als auch die Ema Mitte bis Ende 2018 grünes Licht für die Antikörper geben werden.

Wenngleich womöglich mit Einschränkungen: „Ich gehe davon aus, dass die Zulassung zunächst nur für solche Patienten erteilt wird, bei denen andere Medikamente zur Prophylaxe nicht angeschlagen haben oder zu schlecht vertragen wurden“, sagt der Charité-Mediziner Reuter. Denn Langzeitdaten zur Effektivität und Sicherheit der Antikörper, insbesondere auch bei Begleiterkrankungen, fehlen natürlich noch.

Auch die Kosten könnten noch ein entscheidendes Thema werden. Die Herstellung von Antikörpern ist teuer und Reuter geht davon aus, dass jede Injektion mit mindestens 400 bis 500 Euro zu Buche schlagen wird. Wie oft und wie lange die Patienten eine Antikörper-Therapie benötigen werden, um ihre Migräne dauerhaft besser in den Griff zu bekommen, weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand.