Die Dunkelheit ist voller Leben. Nicht nur das Flattern und die schrillen Stimmen der zahllosen Fledermäuse sind zu hören. In der Kitum-Höhle, die sich tief in den Vulkankegel des Mount Elgon an der Grenze zwischen Kenia und Uganda hineinzieht, gibt es noch ungewöhnlichere Geräusche. Ein Schaben, Schürfen und Klopfen, das Prasseln herabfallenden Gesteins – irgendwo in der Finsternis scheinen Bergleute am Werk zu sein. Doch dann hallt ein verräterisches Trompeten dumpf von den Höhlenwänden. Es stammt zweifelsfrei aus dem Rüssel eines Elefanten.

Der hat sich damit gleich als Exzentriker innerhalb seiner Art geoutet. „Nirgendwo sonst auf der Welt wagen sich Elefanten freiwillig in tiefe, dunkle Höhlen“, sagt die Biologin Edda Affeldt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Brending hat sie das Mount Elgon Cave Elephant Project gegründet, um mehr über diese einzigartige Population herauszufinden. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Wer die Tiere beobachten will, muss sich den ganzen Tag lang zu Fuß durch steiles und unwegsames Gelände schlagen. Ohne zu wissen, wann die Dickhäuter eine der ungezählten Höhlen in den Flanken des Vulkans aufsuchen werden. Geschweige denn welche.

Auf der Suche nach Salz

Wenn es endlich soweit ist, bekommen die Forscher faszinierende Szenen zu sehen. Da wandert eine große Elefantenherde mitsamt Nachwuchs im Gänsemarsch durch enge Höhleneingänge, in denen überall dicke Felsbrocken liegen. „Ich selbst klettere häufig in den Alpen“, sagt Edda Affeldt. „Trotzdem ist es für mich schwierig, da voranzukommen.“ Doch selbst die kleinsten Elefanten lassen sich von dieser Herausforderung nicht abschrecken. Mit dem Rüssel halten sie Kontakt zu ihrer Mutter und folgen ihr, ohne zu zögern, bis zu 200 Meter tief in die Dunkelheit des Berges.

Was sie zu diesem Abenteuer treibt, ist die Suche nach Salz. Denn das ist in ihrem Lebensraum Mangelware. „Am Mount Elgon regnet es sehr viel, deshalb wurden die Mineralien im Laufe der Jahrtausende aus dem Boden herausgewaschen“, erklärt Edda Affeldt. Entsprechend gering sind ihre Konzentrationen in den Pflanzen. Allein aus der vegetarischen Kost die rund hundert Gramm Salz zusammenzubekommen, die ein erwachsenes Tier jeden Tag braucht, ist illusorisch. Doch es gibt eine Lösung für dieses Problem. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.

Dickhäuter-Minen haben kulturelle Bedeutung

Denn an den Hängen des Vulkans ist die Lava stellenweise zu harten Lippen erstarrt, über die nun Wasserfälle talwärts rauschen. Unter diesen natürlichen Regenschirmen aber bleibt weiches, salzhaltiges Gestein vor den Erosionskräften des Wassers geschützt. Und genau an diesen Stellen haben die Elefanten offenbar schon vor Jahrtausenden zu graben begonnen. Tiefe Rillen verraten, wo die Tiere das lockere Material mit den Stoßzähnen tonnenweise herausgebrochen haben. Ein einziges Tier kann am Tag bis zu 20 Kilogramm davon fressen. „Viele Wissenschaftler nehmen deshalb an, dass die zahllosen Höhlen am Mount Elgon nicht durch geologische Prozesse entstanden sind, sondern durch salzschürfende Elefanten“, sagt Edda Affeldt.

Etliche dieser alten Dickhäuter-Minen haben für die Menschen der Region eine wichtige kulturelle Bedeutung. Sie sind Schauplätze von Heilungszeremonien und Beschneidungsritualen für junge Männer, viele Höhlen waren früher auch dauerhaft bewohnt. Lange haben es Zwei- und Vierbeiner offenbar geschafft, sich die Höhlen weitgehend friedlich zu teilen. Menschen, die sich noch an diese Zeiten erinnern, sprechen bis heute von einem Pakt des Vertrauens. In den 70er- und 80er-Jahren aber entdeckten Wilderer dieses entlegene Gebiet für sich. Das hatte fatale Folgen. Anfang der 70er-Jahre lebten schätzungsweise noch 1200 Elefanten am Mount Elgon, knapp zwanzig Jahre später waren es nur noch etwa 100. Inzwischen soll der Bestand wieder auf rund 160 Mitglieder angewachsen sein. „Im Moment ist die Lage am Mount Elgon relativ ruhig“, sagt Edda Affeldt. Doch zwischen Ende 2012 und Anfang 2014 sind dort mindestens acht Elefanten illegal geschossen worden.

Elefanten sind extrem bedrohte Art

Sollten Wilderer den Bestand irgendwann ganz ausrotten, wäre das wohl auch das endgültige Ende des Dickhäuter-Bergbaus. „Das Salzschürfen ist eine Tradition, die Jungtiere von älteren Artgenossen lernen müssen“, erklärt Edda Affeldt. Da in der Finsternis unter Tage ein Unterricht schlecht möglich ist, nutzen die Mütter zum Beispiel eine große Felswand vor dem Eingang der Kitum-Höhle, um die richtige Technik zu demonstrieren. In etwa anderthalb Metern Höhe zeugen die Spuren vieler kleiner Stoßzähne vom Lerneifer der jüngeren Tiere.

Was aber, wenn es keine Schürf-Profis mehr gibt, die sich künftige Generationen zum Vorbild nehmen könnten? Und wie sollen sie den Weg zu den unterirdischen Salzlagern finden, wenn niemand sie führt? Fachleute halten es für sehr unwahrscheinlich, dass aus anderen Regionen zugewanderte oder wieder angesiedelte Elefanten den Bergbau wieder aufnehmen werden.

Salzabbau gegen Mineralmangel

Das Verschwinden der grauen Schürfer aber könnte nach Einschätzung von Ökologen weitreichende Konsequenzen haben. „Elefanten sind die einzigen Tiere, die das salzhaltige Gestein aus den Wänden brechen und damit auch für andere Arten nutzbar machen können“, sagt Michael Brending. So kommen zum Beispiel auch viele Antilopen und andere Pflanzenfresser in die Höhlen, um sich eine Extraportion Salz abzuholen.

Sie verzehren das Material, das von den Stoßzähnen zu Boden gerieselt ist oder lecken an von den Dickhäutern freigelegten Salzadern. Ohne Elefanten könnte solchen Profiteuren also ein lebensgefährlicher Mineralienmangel drohen.

Datenbank soll zum Schutz der Tiere beitragen

„Wir wollen mit unserer Forschung auch zum Schutz dieser einzigartigen Elefanten beitragen“, betont Edda Affeldt. Gefragt sind zum Beispiel Strategien, mit denen sich Konflikte zwischen den ortsansässigen Menschen und Elefanten entschärfen lassen. Oder Konzepte für einen nachhaltigen Tourismus, der dringend benötigtes Geld für den Naturschutz bringen kann. Voraussetzung für all das ist aber erst einmal, die besonderen Elefanten noch besser kennenzulernen und eine genaue Bestandsaufnahme zu machen.

Wenn sie im Frühjahr 2018 wieder vor Ort sind, wollen Edda Affeldt und Michael Brending daher möglichst jedes Tier mit Foto in einer Datenbank erfassen, um es individuell wiedererkennen zu können. Auch Kotproben werden die Forscher sammeln. Denn das darin enthaltene Erbmaterial soll mehr über das Sozialleben und die Verwandtschaftsverhältnisse der Dickhäuter verraten.

„Nach der Wildereikrise sind sämtliche Überlebende erst einmal gemeinsam umhergestreift“, berichtet Edda Affeldt. „Jetzt teilen sich die Tiere aber wieder in kleinere Gruppen auf.“ Wie die Elefanten ihre Gefährten wählen, wollen die Forscher mithilfe der DNA-Analysen klären. „So können wir vielleicht ein Modell für das Sozialsystem von Elefantenpopulationen entwickeln, die durch die Wilderei dezimiert wurden“, hofft die Biologin. Das ließe sich dann womöglich auch auf andere Regionen übertragen. Denn so einzigartig die Elefanten vom Mount Elgon auch sind: Mit diesem Problem stehen sie keineswegs alleine da.